SYSTEM – HISTORISCHE EINORDNUNG

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Vielleicht folgt jede Zeit einem System und wird sich erst im Rückblick darüber wirklich bewusst.

Eine historische Einordnung des Themenfeldes System im Zusammenhang mit Systemik (die Adjektivierung eines Systems) ist ein relativ weites und im Grunde nicht zu leistendes Vorhaben. Letztlich geht es um die Frage nach Bezügen und Abhängigkeiten, welche, ganz in der Logik der Genealogie einer Entwicklung, die neben dem biologischen Phänomen vor allem als Aspekt kultureller und soziodemografischer Veränderungen gemeint ist. 

Diese Frage, ausserhalb der individuellen Perspektive eines Individuums, beschreibt damit immer die jeweilige Konstitution einer Gruppe von Menschen bzw. einer Gesellschaft als soziales Konstrukt. Diese Konstruktion einer mehr oder weniger freiwillig organisierten kooperativen Gemeinschaft ist nie auf einen Zustand fixierbar, sondern immer das Ergebnis einer permanenten Interaktion ausgerichtet. 

Diese Permanenz ist relevant, da sie auch das Wesensmerkmal von Kommunikation darstellt. Kommunikation (als kultureller Transmitter) ist ein Prozess, einfach darum, da er nicht von einer Person, bzw. von der Zeit begrenzbar ist. 

Selbst wenn die äussere, aktive Form der Kommunikation zum Erliegen kommt, also zum Beispiel nicht gesprochen wird, ist auch die Inaktivität ein Teil der Kommunikation.
Diese Feststellung ist in endlos vielen alltäglichen Situationen gut vorstellbar. Die Pause in einem Gespräch, der nicht erwiderte Anruf, die Abwesenheit als Reaktion, das Auslassen einer Antwort auf eine geschriebene Frage usw..
Oft ist die körperliche, die habituelle Wirkung stärker und eindringlicher, oder sie ersetzt das Auslassen einer sprachlichen Reaktion und artikuliert damit das, was der Betreffende direkt oder indirekt (auch unbewusst) sagen will.

In anderen Beschreibungen spreche ich (Kunstbegriff) von dem Prinzip der Permaaktion (Permaactivity). Dieser Begriff meint vor allem den Prozess zwischen Mensch und Maschine (insbesondere kommunikativer Medien). Dazu eine Beschreibung aus einem Text von mir mit dem Titel Permaactivity, der sich im Kern mit der methodologischen Entwicklung von Medien beschäftigt: 

Mit den technischen Möglichkeiten der kabellosen und raumübergreifenden Nutzung digitaler Daten und den heute normalen Medientypen, vorneweg das Smartphone, hat ein im Kern anderen Typus des Umgangs innerhalb von digitalen Prozessen begonnen. Die nicht-digitale Präsenz verschwand aus der Chronologie des Anwenders, einfach durch die Tatsache, dass das Medium zum – körpernahen – Teil des Trägers, des Menschen wurde und damit eine Art der individuellen digitalen Aura um ihn geschaffen hat, die in der Folge nicht mehr verlassen werden kann.

Auch wenn die Person das technische Medium (als Zugang) verlässt, indem dieses ausgeschaltet wird, bleibt der Zustand der Permanenz erhalten. Das System wartet, es lauert auf das wieder Einschalten und spekuliert in der Zeit dazwischen über den Anwender in seiner temporären Abwesenheit. Wie das treue Haustier, der domestizierte Hund, weicht das Medium nicht mehr vom Menschen ab dem Augenblick, ab dem die Person die Welt des permanenten Zugangs zu Informationen, der permanenten Kommunikation und Transaktion betreten hat. Jede Aktivität generiert in jedem Augenblick eine immer stärkere Verbindung, vergleichbar mit einem Muskel, einem Pfad, welcher permanent deutlicher ausgetreten wird und damit auch die Möglichkeiten anderer Wege immer mehr in den Hintergrund rücken lässt.

Diese eingeschobene Beschreibung im Zusammenhang historischer Bezüge und der Frage, welchen Einfluss diese auf die jeweilige Gegenwart (und den damit verbundenen Kriterien für Veränderungen) hat, soll vor allem unterstreichen, dass gesellschaftliche Entwicklungen immer systemisch und kommunikativ unterlegt sind und dieses Paradigma nie verlassen können.

Selbst wenn eine Gemeinschaft oder eine Gesellschaft versucht, dieses Prinzip über Regeln oder Gesetze als Maßeinheit für das soziale Miteinander zu fixieren, so ist auch diese Festschreibung nur innerhalb eines Kontextes anwendbar und nicht exakt mit einem zweiten Fall an- oder vergleichbar. 

Damit meine ich, dass jede Regel auch von ihrer Interpretation bzw. von einem Spielraum der Möglichkeiten lebt. Nahezu kein Gesetz, besonders innerhalb demokratischer Strukturen und ihrer politischen Organe, vermag die unumstössliche Eindeutigkeit, die absolute Befolgung. 

Es ist dabei natürlich klar, dass man auch im Prinzip eine Position vertreten werden kann, die einen Anspruch auf 100 Prozent formuliert und damit keine Unschärfen zulässt. Damit allerdings würde die Kommunikation ihre Basis als konstruktiver Raum der Auseinandersetzung verlieren und das Deutungsfeld rein instruktiver Vorgaben überlassen. 

Natürlich positioniert sich die von mir getroffene Aussage (der grundsätzlichen Interpretierbarkeit) als Extrem, da es klar ist, bestimmte sicherheitsrelevante Regeln können nur über Eindeutigkeit funktionieren (und damit ohne Spielraum). 

Und trotzdem ist die Beweglichkeit jeder Situation dort, wo Leben stattfindet, der Nukleus jedweder Entwicklung, warum ich auf diesem Postulat auch als extreme Position in ihrer letzten Konsequenz festhalte. 

Die Maxime der Unmöglichkeit absoluter Regeltreue ist die Soll-Bruch-Stelle meiner Grundüberzeugung, das, was ich als den
Nukleus jeder Idee bezeichnen möchte.

Diese Position basiert auf der Lebensrealität jeder Gesellschaft und zu allen Zeiten. Jede Regel, jedes Gesetz befindet sich in einem permanenten Diskurs, man könnte auch sagen, es wird permanent das richtig oder falsch desselben verhandelt, es wird mit der Gegenwart abgeglichen und in der Folge wieder verändert.

Dies kann in Form aufbauender (das Alte optimierend), grundsätzlicher (das Alte zurücklassend) oder auch frequenter (als Variante  anbietend) Veränderungen passieren. 

Aber es passiert und zwar immer.

Diese soziokulturellen Prozesse könnte man auch als den aller Regel- und Gesetzgebung vorgeschalteten ethischen Diskurs bezeichnen, welcher als sublimes Hintergrundflimmern auf allen Ebenen einer Gemeinschaft verhandelt wird.

Die auf dieser Grundlage getroffene Entscheidung hin zu einer Regel, einem Gesetz, ist schliesslich immer ein bewusster, meistens kompromissbeladener Querschnitt dieses Diskurses und mit der Festlegung schon wieder freigegeben für eine darauf aufbauende, neue und in der Zukunft liegender Variante desselben.

Die geschichtliche Dimension dieser Aussage soll in der Folge bzw. ist in anderen Texten dazu deutlicher beschrieben.


Wer doch lieber auf Papier lesen möchte, findet hier das PDF.


© Carl Frech, 2020

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