PROPORTAGE_quick version

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Was würden wir geben, wenn wir in die Zukunft schauen könnten, wenn wir nur ungefähr das vorhersagen könnten, was kommt?

Können wir die Zukunft vorhersagen? Nicht mit Sicherheit. Aber wir können uns mit Fragen darauf vorbereiten.

Wer würde nicht gerne wissen, was morgen passiert? Besser noch, was uns im nächsten Jahr erwartet, vielleicht auch in 10 Jahren oder in einer noch ferneren Zukunft. Natürlich kann das niemand sicher vorhersagen. Manche Menschen verfügen vielleicht über eine besondere Sensorik und erkennen im Dickicht der Komplexität vieler Faktoren, welche immer gemeinsam die Bereitschaft einer Gesellschaft zur Veränderung prägen, jene Innovationen, die dann tatsächlich kommen.

Wenn wir in die Vergangenheit schauen, dann ist das natürlich viel einfacher. Vor allem aber sehr normal. Wir erzählen einander von unserem Leben, betonen, was besonders wichtig war, berichten über Begegnungen mit für uns bedeutenden Menschen und heben einzelne Zeiträume [2] und damit Lebensphasen hervor, die einen prägenden Einfluss auf uns hatten.
Man könnte sagen, die uns zu dem gemacht haben, wie wir heute sind, was aus uns geworden ist und mit welcher Position und Haltung wir in unserer jeweiligen Gegenwart in die Zukunft blicken.

So eine Art der persönlichen Erzählung unter Freunden oder Bekannten würde vermutlich niemand infrage stellen. Wir sprechen über uns in einem Erfahrungs- und Erkenntnisnetz. Manches konnten wir beeinflussen, anderes nicht. Wir berichten über unsere Vergangenheit meist mit einer klaren Unterscheidung der Zeitpunkte und den Zeiträumen dazwischen.

Dabei ist es meist bedeutsam, jenes hervorzuheben, was wir uns an einem bestimmten Zeitpunkt unserer Vergangenheit für die Zukunft (inzwischen natürlich auch Vergangenheit) gewünscht haben. Oder wir betonen an einem besonderen Zeitpunkt etwas, was noch länger zurücklag, was besonders bedeutsam war, damit wir jene Erfahrung zu einer bestimmten Zeit in der Folge gut meistern konnten.

Es wird jedoch noch ein wenig komplizierter. Jeder dieser unterschiedlichen Zeitpunkte in der Erzählung zu unserem Leben wird beeinflusst durch viele, vor allem viele unterschiedliche Faktoren, welche auf uns wirkten, die unser alltägliches Leben bestimmten und warum sich dann das eine so und das andere anders entwickelt hat.

Das konnten wir nicht beeinflussen, weil dies für alle Menschen in der sozialen Realität der jeweiligen Zeit und in der Region, in der wir lebten, gleich war. Solche Faktoren waren vielleicht technische Möglichkeiten, welcher Art auch immer. Aber es waren auch politische, soziale und kulturelle Veränderungen, die in der damaligen Gesellschaft verhandelt und dann als das neue Normativ entschieden wurden.

Die Herausforderung beginnt damit, weil wir unser vergangenes Leben eher so darstellen, damit es sich für uns gut anfühlt. Wir bleiben nur mehr oder weniger bei den wirklich stattgefundenen Tatsachen, sondern stellen die Dinge gerne in unserer Erzählung so dar, damit für uns alles in der Kombination einen guten Sinn ergibt. Und sei es nur aus Eitelkeit.

Dieses Spiel zwischen Objektivität und Subjektivität können wir kaum verhindern, schon daher, weil unser Bewusstsein gar nicht so von uns kontrolliert werden kann, wir uns wirklich und exakt an das erinnern, wie es tatsächlich war.

Hier hat die Natur so manche psychologische Tricks für uns vorbereitet, damit wir unsere Vergangenheit in einer Weise und im Rückblick so wahrnehmen, dass es für uns ein wenig günstiger aussieht. Wenn dies nicht so wäre, dann würden wir in der Nacht nicht so verrückte mentale Ausflüge machen (können).

Das alles ist normal, ein gewohnter Prozess des menschlichen Zusammenlebens und damit schlichtweg unser Alltag.

Wenn wir dieser Darstellung zustimmen, dann werden wir sicher akzeptieren, dass dieser Prozess auch in der Zukunft so oder so ähnlich abläuft. Auch dann werden wir etwas besonderes erleben, etwas, was uns prägen wird. Auch dann wird es viele Einflussfaktoren geben, die in unserem Leben ihre Wirkmächtigkeit entfalten.

Wenn wir den hier beschriebenen Prozess mit einem Fachbegriff belegen würden, dann könnte man sagen, das ist eine Reportage. Ein Blick zurück mit dem Versuch, ein möglichst komplettes Bild zu einem bestimmten Sachverhalt, einem konkreten Thema bieten zu können. Der Begriff Reportage kommt aus dem lateinischen reportare und bedeutet berichten oder melden.

An dieser Stelle erklärt sich vermutlich auch der Titel Proportage. Das ist ein von mir geprägter Kunstbegriff, der das Prinzip der Reportage gedanklich in die Zukunft überträgt. Man könnte auch sagen, das Erfahrungsnetz der Vergangenheit wird spekulativ in die Zukunft gespiegelt, wissend, dass jede Zeit, die noch nicht vergangen ist, immer eine komplexe Unsicherheit in sich trägt. Kann man diese Unsicherheit verringern?

Genau mit dieser herausfordernden Frage beschäftigt sich die Methode einer Proportage.

In Kurzform beschrieben, braucht man für diesen methodischen Prozess eine möglichst eindeutige Frage, welche in der Zukunft relevant sein könnte. Dazu ist es notwendig, mindestens aber günstig, wenn man eine gewisse Ahnung darüber entwickelt, wer die dann Betroffenen sein könnten.
Diese Gruppe Menschen, also eine Art Zielgruppe, erhält damit einen besonderen Fokus, wobei sich dies im Verlauf der Untersuchung ändern kann.

Jede Betrachtung in dabei immer in gesellschaftlich grössere Kontexte eingebunden, also Zusammenhänge, die wichtig sind, um jene weiteren Faktoren im Blick zu haben, die dann [gegebenenfalls auch] ihre Wirkung entfalten werden. So, wie wir das auch bei unserer Erzählung über die Vergangenheit selbstverständlich tun.

Ich lasse hier die etwas komplexeren Teile der Methode Proportage weg und komme gleich zum zentralen Aspekt. Man entwickelt Protagonist:innen, also Vertreter:innen einer in der Fragestellung relevanten Zielgruppe und positioniert diese an zwei, besser drei Zeitpunkten in der Zukunft.
Es ist von herausragender Bedeutung, diese Figuren, wir nennen sie Personas [2], möglichst lebensnah, so klar und echt wie möglich zu beschreiben.

Das Besondere nun ist, dass sich diese Personas kennen, sie eine Beziehung [2] [3] haben oder sie sich in der Zukunft kennenlernen; vielleicht auch wieder trennen.
Allen gemeinsam ist, dass sie an diesen Zeitpunkten selbst schon über einen Erfahrungshintergrund mehr oder weniger bewusst verfügen und ihr Leben entsprechend gestalten.

Wie in der Gegenwart sind das spezielle Typen, Charaktere und damit Persönlichkeiten, mit allem, was Menschen eben zu Menschen macht. Dazu gehören Werte und Sinnfragen wie auch Träume, Ängste, Sorgen, all jenes, was wir nicht so gut steuern können. Einfach darum, da Emotionen Menschen erst zu Menschen machen.

Bei einer Proportage versucht man nun, ein fiktives Gespräch dieser Vertreter:innen einer gesellschaftlichen Zielgruppe so zu gestalten, damit man in der Konsequenz besser versteht, welcher Konsens kommunikativ [2] [3] erzielen werden kann oder welche Kontroversen [2] weiter bestehen bleiben.
Vor allem ist es ein Versuch, die absehbaren Einflussfaktoren an diesem Zeitpunkt in der Zukunft und dem [dann] spekulativen Gespräch möglichst präzise zu berücksichtigen.

Diese Einflussfaktoren sind die kommunikativen Flanken, sie bilden in gewisser Weise die Fieberkurve des kommunikativen Prozesses, welcher vor allem ein Ziel hat:

Welche belastbaren Argumente lassen sich aus dem Gespräch ableiten und wie kann man daraus mit einer gewissen Sicherheit erkennen, was eine gesellschaftliche Gruppe in der Zukunft für sich akzeptieren würde.

Manches wird in der konkreten methodischen Anwendung (Proportage) ein wenig komplexer.
Betonen will ich noch und genau genommen ist es der zentrale Aspekt der Methode selbst, dass natürlich an jedem Punkt in der Zukunft Menschen sich an ihre Vergangenheit erinnern (aus unserer Perspektive natürlich auch die Zukunft) oder sich etwas für ihre Zukunft wünschen, etwas erwarten, vielleicht auch befürchten (aus unserer Perspektive bzw. in der methodischen Logik die noch weiter entfernte Zukunft).

Methodische Darstellung Proportage

Dieses spielerische Springen zwischen den Zeitpunkten und Zeiträumen führt, vergleichbar mit einem guten Film, der von der Zukunft handelt, auch leistet: Es entsteht auf einer höheren Ebene eine Einsicht in das, was man als tieferes Verständnis (Insight) gegenüber den tatsächlichen Beweggründen bezeichnen könnte.

Und damit der Frage, warum sich Menschen für das eine und gegen das andere entscheiden. Anders gesagt, wie sich gesellschaftliche Akzeptanz in der Zukunft entwickelt. Vor allem ist es eine [spekulative] Klärung dessen, warum Menschen dann diese Entscheidung für sich bzw. für ihr soziales Umfeld treffen.

Wie gesagt, die Methode Proportage hat noch ein paar weitere Aspekte, die in diesem Text, der nur ein wenig Lust zum Thema machen sollte, den Rahmen sprengen würde. Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen will, kann gerne hier weiterlesen.

Aber es bleibt natürlich klar: Wirkliche Sicherheit erhält man erst dann, wenn die Zukunft über die Klippe unserer Gegenwart zur Vergangenheit geworden ist.

Für alle, die gerne die Langversion zum Thema lesen wollen: PROPORTAGE


Wer doch lieber auf Papier lesen möchte, findet hier das PDF.


© Carl Frech, 2022:

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