KÜNSTLICHE INTELLIGENZ_2 [maschine]

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Der Text ist noch in Arbeit. Hier die aktuelle Version. Wer hier auf direktem Weg eine Reflexion zum Thema der Künstlichen Intelligenz erwartet, den enttäusche ich besser schon an dieser Stelle. Es geht mir in diesem zweiten von weiteren Texten zum Thema darum, die kulturellen Grundlagen zu beschreiben, die in der Folge bzw. in unserer Gegenwart zu der transformatorischen Dynamik und Umwälzung durch Künstliche Intelligenz führt.

Eine Maschine hat einen herausragenden Vorteil. Und zwar aus einem sehr banalen Grund: Sie hat kein Verständnis von dem Konzept der Angst.

Eine Maschine macht ihr Ding. Im Sinne des Wortes. Wenn wir Kinder fragen, wie eine Maschine funktioniert, dann würden sie vielleicht sagen: Man gibt in eine Maschine etwas hinein, dann kommt etwas Verarbeitetes heraus. Etwas, was immer gleich aussieht und das Gleiche kann. Das macht eine Maschine möglichst schnell und ohne grossen Aufwand derer, die von der Maschine profitieren.
Sonst macht eine Maschine keinen oder nur sehr eingeschränkten Sinn.

Vielleicht ist das Konzept der Künstlichen Intelligenz die letzte Idee einer Maschine der Menschheit, da alle darauf aufbauenden Maschinen nur noch unter exponentiell marginaler Beteiligung derselben entstehen werden. Oder ganz ohne sie.
Doch es kann auch anders sein. Es kann sich anders entwickeln.

George Bernhard Shaw, 1856 – 1950, hat einen Aspekt dessen, was mich bei diesem Text mit dem Titel Künstliche Intelligenz unter der Betrachtung einer Maschine interessiert, in einem kraftvollen Zitat zum Ausdruck gebracht:

Der Nachteil der Intelligenz besteht darin, dass man ununterbrochen gezwungen ist, dazuzulernen.

George Bernhard Shaw

Was aber ist Lernen? Wir haben uns an den Gedanken gewöhnt, Lernen mit der Anhäufung von Wissen zu verwechseln. Gerade so, als müsste man einen Berg aufschütten, um in die Ferne blicken zu können. Und in gewisser Weise ist das ja auch so.
Um bei der Metapher Berg zu bleiben: Niemand schüttet Berge auf, mehr als kleine Hügel schaffen Menschen aus eigener Kraft nicht.

Doch Menschen steigen auf Berge. Auch auf die höchsten. Dazu benötigen sie entweder die dafür antreibende Not, dies zu tun, vielleicht ein damit verbundenes Ziel oder die schiere Bereitschaft. Vielleicht auch eine Mischung aus unterschiedlichen Beweggründen.
Wichtig hier Sinne dieses Textes: Lernen ist ohne die Bereitschaft wenig substanziell. Es fehlt die Substanz und damit das Grundlegende, auf dem man in der Folge aufbauen kann. Wenn man will.

In unserer beharrlichen Gegenwart verbinden wir die Idee von Wissen mit der Vorstellung, zu Beginn viel wissen zu müssen, um dies irgendwann zu einem vorsichtigen ersten Können zu formen (das Wissen anzuwenden). Erst danach sollen wir uns darüber Gedanken machen (dürfen), warum wir das überhaupt tun, ob wir das wirklich wollen und welche Ziele wir damit verfolgen.
Natürlich sind die Übergänge dabei fliessend. Die Differenzierung [2] fällt uns oft nicht auf.

Allerdings hat sich dieses gedankliche Konzept erst in den vergangenen wenigen Jahrhunderten der Mechanisierung sowie geschichtlich über das sogenannte Mechanistische Weltbild bzw. das Maschinenparadigma so entwickeln können. Die Wurzeln dieser Denkschule liegen tiefer. Schon im Verlauf der Zeit um ca. 400 nach Christus entstand die Vorstellung einer machina mundi, einer Weltmaschine.

Eine frühe Version dieser Idee von unserer Welt entstand im sogenannten Timaios, einem Spätwerk des griechischen Philosophen Platon. In Kurzform wird dort mit dem Mittel eines fiktiven Gesprächs [2] die Vorstellung beschrieben, der gesamte damals bekannte Kosmos wäre durch die aufeinander bezogenen Aspekte der Vernunft und der Notwendigkeit geprägt.

Man ahnt es schon: Die Vernunft wollte das bestmögliche Ergebnis für die Welt. Die Notwendigkeit stand im Weg. Sie dachte kurzfristiger und weniger in grösseren Zusammenhängen. Vielleicht ist dies einem sehr früh formulierten Attest vergleichbar, alles auf dieser Welt benötigt auf dem Weg zu einer Entscheidung den Kompromiss.

Dieser Blickwinkel auf eine Welt als Ort, auf dem man Ordnung schaffen müsse, gab einen frühen Blick auf das langsam beginnende Mittelalter, das mit dem reformatorischen Schwung des Buchdrucks [2] im Jahr 1440 langsam die Vorstellung dessen bereitete, was wir heute als die Moderne bezeichnen.

Lassen wir mal die detailreichen Zwischenschritte beiseite. Wir sprachen vom Lernen sowie der [mehr oder minder freiwilligen] Bereitschaft dazu. Damit verbindet sich die generelle Offenheit für Veränderung und damit das Bewusstsein, dies wäre für das eigene Leben eine Möglichkeit, möglicherweise vorgesehen [2], auf jeden Fall aber erreichbar.

Das Problem: Aktive Veränderung ist ohne [kritische] Reflexion gegenüber dem, was sicher scheint, schwer oder gar nicht möglich. Warum sollte man die Anstrengung sonst unternehmen?

Wenn wir also davon ausgehen, [substanzielles] Lernen benötigt immer Bereitschaft, Offenheit und Reflexion, dann sollten wir im Blick behalten, welche Wirkmächtigkeit die Entwicklung der vielfältigen Produktionsmittel während der vergangenen zwei, drei Jahrhunderte auf die Idee des Lernens entfaltete.

Jedes Mittel zur Produktion – im weitesten Sinn spreche ich von einer Maschine – sequenziert einen Prozess (Ablauf), folgt einer inkrementellen Syntax (Logik der notwendigen Regeln), nutzt eine Art der Metacodierung seiner Elemente (den zu verarbeitenden Teilen) und hat das Ziel permanenter Optimierung von Vorlagen (den Mustern).
Idealerweise bei gleichbleibender, besser höherer Qualität, und natürlich so schnell es geht.
Oft der zentrale Grund für eine Maschine.

Ein Produktionsmittel hat einen [notwendigen] Zweck: Die Produkte (hier im weitesten Sinn gemeint). Idealerweise mittelbar. Das Mittel ist die Maschine. Der Prozess zum Ergebnis ist möglichst direkt und damit effizient. Und immer verbunden mit dem proportionalen Verfall des einzelnen Wertes in Relation zur produzierten Menge.

Dass dieses Prinzip nur in der Physik der Dinge Bestand haben kann und in der Emulsion digitaler Produkte diametral neu gedacht werden muss, wird etwas später deutlicher. Dies nur für jene, die an dieser Stelle ein wenig ungeduldig werden.

Jedes Produkt ist ein Substitut. Es ersetzt das Original und damit das Einzelstück. Da das Produkt einer Maschine nur in einer Serie (gleichbleibender Qualität) Sinn macht, verbunden mit einer bestimmten Menge, die nach der Produktion gelagert werden muss (und sei es auch nur eine kurze Zeit bzw. den Zeitraum der Lieferung), ist das einzelne Produkt immer die Rekapitulation eines spekulativen Bedarfs.

Im Sinne der Begriffe meint Rekapitulation im Zusammenspiel mit Spekulation die Zusammenfassung sowie die wiederholende Betrachtung aller bekannten Aspekte, für wen und für welche Bedürfnisse das einzelne Produkt passen könnte. Des Weiteren ist damit die Rückschau – besser noch eine Form der Rückrechnung – verbunden, die einen möglichst exakten Rückschluss darauf erlaubt, was in der Zukunft voraussichtlich [2] werden wird.

Natürlich immer in der Hoffnung, nicht falsch spekuliert zu haben.
Man könnte dies Planung nennen. Oder auch Schätzung. Vermutlich oft vermengt mit einem Schuss Intuition (in der Hoffnung, das Richtige zu tun).
Da wir Produktionsmittel ohne die moderne Idee von Wirtschaft nicht ernsthaft betrachten können, hier ein Leitsatz. Ein Versuch, die Intention von Ökonomie generell und möglichst präzise zu beschreiben:

Wir sprachen weiter oben vom sogenannten mechanistischen Weltbild oder auch Mechanizismus. Einer der Vordenker und wirkmächtigen Vertreter in seiner Zeit war René Descartes [2], 15961650, der im 17. Jahrhundert [2] den menschlichen Körper im Verbund mit den Körpern von Tieren im Grunde als mechanische Konstruktion beschrieb. Dabei schrieb er allerdings nur der menschlichen Spezies eine unsterbliche Seele zu.

Mit einer, wenn auch nur rudimentären Kenntnis seiner Texte ist das verwunderlich. Unter der Radikalität seiner Gedanken zur Selbstbestimmung des Menschen (Cogito ergo sum – ich denke, also bin ich) hatte er vermutlich nicht den Mut, in der Konsequenz und Logik seiner Philosophie die Existenz eines Gottes infrage zu stellen. Das interessiert uns jedoch hier nicht weiter.

Sein mechanischer Blick auf biologische Körper passte jedoch gut zur beginnenden Entwicklung komplexer Ansätze maschineller Prozesse. Besonders durch Räderwerke, Pumpsysteme und technische Entwicklungen, die den späteren [disruptiven] [2] Durchbruch der Dampfmaschine im 18. Jahrhundert vorbereiteten.

Alles getrieben durch die dynamische Entwicklung neuer Metalle, also Werkstoffe. Eine Grundlage, die in einer zunehmend nicht physikalischen Welt unserer Gegenwart parallel an Wert verliert. Konsequenterweise sollte man sagen: verlieren muss.
Dazu ein Leitsatz aus einem Text mit dem Titel SINGULARITÄT DER BELIEBIGKEIT_1 [objekt], der dies auf eine Formel bringen will:

Die Vision von René Descartes und anderer in seiner Zeit, der menschliche Körper würde logischen Abläufen unterliegen und könne daher in Form einer Maschine gedacht werden, war eingebettet in die gesellschaftlichen Veränderungen der Aufklärung und der Reformation.
Dies war verbunden mit der Erosion kirchlicher Machtstrukturen in jener Zeit der Renaissance, also dem 15. und 16. Jahrhundert in Europa.

Der europäische Kontinent, getrieben von den neuen Möglichkeiten zur Verbreitung von Wissen, wurde ein Ort dynamischer Entwicklungen.
Bildung wurde zum Samen einer frühen Ahnung von Demokratie bzw. der Idee einer Republik.
Ein Ansatz zur Dissemination von Inhalten in Form kleiner und stetig wachsender [sozialer] Zellen zum Austausch von Wissen und dem Potenzial zur gezielten Streuung von Informationen.

Ein radikaler Vordenker der Pädagogik [2] mit einem für die Zeit sehr inklusiven Ansatzes war Johann Amos Comenius, 15921670.
In seiner zwischen 1627 – 1638 verfassten Didactica magna beschrieb er im Kern die heute noch moderne Vorstellung von Bildung formuliert in dem Anspruch:
Alle alles ganz zu lehren bzw. Alle alles in Rücksicht auf das Ganze zu lehren (omnes omnia omnino excoli).

Comenius war Vertreter des im 16. Jahrhundert aufkommenden Menschenbildes der Anthropologie. Er war der Überzeugung, jeder Mensch wäre bildungsfähig und würde erst durch Bildung überhaupt zu einem Menschen und dadurch ein kultiviertes Wesen werden können.

Wichtiger ist seine Formulierung auf das Ganze. Damit verbunden war der Anspruch an ein Wissen von der Welt als Ganzes. Die philosophische Idee, es gäbe eine allgemeine und für alle gültige Wirklichkeit (Universalismus) erhielt damit eine erste Ahnung, die Welt könne unterschiedlich wahrgenommen werden.

Comenius war für seine Zeit relativ radikal. Er dachte die Pädagogik vom Kind aus und öffnete damit der Vorstellung ein Tor, die Wahrnehmung der Welt müsse aus dieser [individuellen] Perspektive (des Kindes) logischerweise unterschiedlich sein.

Spätere Theorien wie der Kontextualismus oder im 20. Jahrhundert der Konstruktivismus [2] grenzten sich von einer umfassenden, im Sinne einer den Menschen generell unterwerfenden Position des Universalismus ab.
Sie rückten den Menschen als interaktives und einer Gemeinschaft verbundenes Wesen in den Mittelpunkt. Dieser [Mittelpunkt] beschrieb einen Ort der persönlichen Weltwahrnehmung. Er war individuell und basierte auf der Schnittmenge des biologischen Wesens (Mensch) mit der Umwelt und war daher einer stetigen Veränderbarkeit unterworfen.

Aus heutiger Sicht erscheint dies selbstverständlich und fast trivial. Allerdings nicht im 16. und 17. Jahrhundert. Die Perspektive einer Welt als individuelles Konstrukt veränderte das Denken in dieser Epoche.
Noch wichtiger: Der Austausch von Wissen und damit das Potenzial eines möglichen mehr durch ein interaktives und weitgehend gleichrangiges Miteinander war das eigentlich Neue.

In anderen Worten: Der produktive Mehrwert einer Vernetzung von Wissen und Kompetenzen als Ergebnis des sozialen Austausches wurde zu einer frühen Ahnung dessen, was wir heute als Wissensgesellschaft bezeichnen würden.

Wissen braucht Speicher für die Ablage und entsprechende Transmitter für die Vernetzung des Gespeicherten. Heute weiss man deutlich mehr um die Dynamik bzw. Variabilität dieser Prozesse als zum Beginn der Renaissance. Wir sprechen heute von Neuronaler Plastizität, von Hirnphysiologie und verbinden dieses Wissen mit der Neuroinformatik und meinen damit ein neuronales Netz.
Der Mehrwert [2] [3] von Wissen als Tauschmittel durch austauschbare mediale Träger nahm zum Ende des sogenannten Mittelalters seinen Lauf.

Mehr noch: Die Multiplikationseffekte beim Austausch von Inhalten und Ideen (heute würden wir von Open Source [2] [3]) sprechen, waren geboren. Wissen verlor zunehmend den Status der Unerreichbarkeit und wurde zu einer sehr frühen Form der Transdisziplinarität.
Wir könnten auch sagen: Wissen entwickelte sich in Abhängigkeit und reziprok (wechselseitig) zum Zweck, zur praktischen Anwendung und musste vor der Welt bestehen.

Es war die Epoche, in der sich die Naturwissenschaft zu einem gewaltigen Erfolg als empirische Methode der Weltbetrachtung entwickelte und in der Folge in Konkurrenz zur Geisteswissenschaft trat.
Ein Prozess (auch ein Problem), was bis heute Fragen aufwirft sowie die öffentliche Diskussion dessen, was richtiges Tun sei, bestimmt. Die Naturwissenschaft suchte Belege für das Sichtbare und damit für die Machbarkeit. Der Glauben alleine genügte nicht mehr.

Dieser Ansatz zur Machbarkeit als praktischer Beleg des Denkens wurde schon knapp zwei Tausend Jahre zuvor von Aristoteles, 384 v. Chr. – 322 v. Chr., beschrieben, als er sagte:

Was man lernen muss, um es zu tun, das lernt man, indem man es tut.

Aristoteles, griechischer Philosoph und Begründer der abendländischen Philosophie

Ein wenig früher sagte Konfuzius, 551 – 479 v. Chr., (eines meiner Lieblingszitate):

Ich höre und vergesse.
Ich lese und erinnere.
Ich mache und verstehe.

Konfuzius

Mit der Entwicklungsgeschichte unterschiedlicher Zivilisationen während der vergangenen Jahrtausende auf dieser Welt wäre es vermessen, den Aspekt der Machbarkeit im ausgehenden Mittelalter und dem noch zarten Ausblick auf die Moderne mit einem besonderen bzw. einem in der Weltgeschichte herausragenden Status zu versehen.
Das Besondere war – neben der zeitlichen Nähe zu unserer Gegenwart – das Potenzial der Erreichbarkeit über neue Mittel der Information [2] und Kommunikation.

In der Renaissance entwickelte sich zunehmend das Bedürfnis zur Referenz in eigener Sache. Menschen begannen mit einem neuen Ich-Bewusstsein Ideen davon zu entwickeln, wie sie ihr Leben eigenständig gestalten könnten. Der Begriff (eigenständig) erzählt die Geschichte: Die Statik des Standes durch Geburt bekam erste Bruchstellen. Mehr wurde vorstellbar. Natürlich noch lange (und bis heute) im Rahmen gewisser sozialen Begrenzungen und den gegebenen Einordnungen.

Eine Referenz nimmt generell auf etwas Gegebenes Bezug. Aus heutiger Sicht technisch bzw. allgemein formuliert bedeutet Referenz auch Zeiger oder Verweis und wird dadurch zu einem Hinweis auf eine Differenz.

Der Unterschied (Differenz) von dem Einen zu etwas anderem wird deutlich. Das bessere Argument bezieht sich auf eine Sache und damit auf den schon angesprochenen Zweck (Nutzen). Man könnte auch sagen: Die Welt öffnete sich langsam für eine [zielorientierte] Kompetenz [2] [3] zur Problemlösung.
Egal, auf welchen Wegen diese erreichbar war.

Eine Referenz kann auch mit dem, auf das man sich bezieht, gleichgesetzt werden. Sie wird damit zur Extension, also zur Ausdehnung bzw. Ausbreitung und schliesslich zur Verbreitung dessen.
Wir erinnern uns an den Begriff der Dissemination? Menschen begannen in dieser Zeit in ersten Tagebüchern ihr Leben zu reflektieren. Seien es auch nur notierte Alltäglichkeiten. Sie suchten Antworten in sich selbst.

In der Zeit lebte auch Michel de Montaigne, 1533 – 1592. Er war Jurist, Philosoph und Humanist. Und er war Skeptiker. Vor allem jedoch war er Begründer der Essayistik und damit des Begriffes Essay. Montaigne begann sich mit den [scheinbar] einfachen Fragen des Lebens zu beschäftigen. Vor allem aber hatte er einen relativ radikalen, einen neuen Blick auf Hierarchien, wenn er sagte:

Auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir doch nur auf unserem Hintern.

Michel de Montaigne

Menschen begannen verstärkt, sich im Kontext der sie umgebenden Welt wahrzunehmen.
Sie wussten um ihre Zugehörigkeit zur [generellen] Gattung Menschheit, zu einer Gesamtheit vergleichbarer Subjekte (Extension). Sie wussten um die [spezielle] Unvergleichbarkeit, die [definierten] Unterschiede, denen sie kaum entkommen konnten.

Mit dem [kritischen] Bewusstsein um die eigene Begrenzung, befeuert durch den Schwung der Aufklärung in jener Zeit, entwickelte sich – fast möchte man sagen: logischerweise – ein [individuelles] Bedürfnis nach Differenzierung.

Der Unterschied wurde zur, wenn auch noch sachten Gewissheit um die individuellen Besonderheiten bzw. den damit verbundenen Potenzialen für die eigene Lebensgestaltung.
Damit verbunden entstand der – noch unscharfe – Aspekt der Intension: Die Vorstellung einer Möglichkeit zur Einordnung persönlicher Einzelmerkmale in Relation zum sozialen Umfeld. Eine statische Klasse (Stand) wurde durch eine, wenn auch noch vorsichtige Vorstellung einer variablen [sozialen] Kategorie ergänzt.

Wenn wir diesen Gedanken in eine funktionale, fast technische Taxonomie bringen, dann könnte man auch sagen:
Es gab zum einen Klarheit über die generelle Klasse, zu der man gehörte. Wir könnten auch von einer Konstanten sprechen (banales wie: Menschen hatten keine Federn, sie konnten nicht fliegen, sie sind [überwiegend] vernunftbegabt).

Zum anderen war aber auch klar: eine individuelle, eine eigene Variante (durch variable Merkmale) war ohne diese Basis (Konstante) nicht möglich.
Es entstand die Idee des Menschen als soziale Variable, als bewusstes Angebots für die Gemeinschaft und einer bewertbaren Einordnung in ein grösseres kooperatives Gefüge.
Der singuläre Beitrage in einer Gemeinschaft wurde differenzierbarer. Das Leben wurde strukturierter. Vielleicht auch komplizierter.

Menschen wurden sich ihrer Bedingungen bewusster und damit jenen Einflussfaktoren, welche ihr Leben dominierten. Das ist heute nicht anders.
Innerhalb der eigenen Klasse mussten bestimmte Kriterien erfüllt werden, wir könnten auch von logischen Eigenschaften sprechen (vergleichbar mit der Mengenlehre, einem Teilbereich der Mathematik – ich gebe zu, das ist ziemlich abstrakt und von weit hergeholt).

In der öffentlichen Wahrnehmung wurden Kriterien, mit denen Menschen kategorisiert werden konnten bzw. sich selbst einordneten, feiner (also differenzierter). Eine aufgeklärtere Öffentlichkeit führte zu einer breiteren Kenntnis über die Welt als Ganzes, gleichzeitig wurden leider auch die eigenen Grenzen klarer: Je mehr das einzelne Individuum wusste, desto mehr wurde deutlich, was es nicht wusste. Dies ist wohl der auf Rastlosigkeit ausgerichtete Nebeneffekt steigenden Wissens.

Bildung wurde jedoch auch zu einem Brandbeschleuniger der Neugier und führte dazu, Menschen zunehmend als produktive Teile eines gesellschaftlichen Ganzen zu betrachten. Mit dem wachsenden Wissen um die Komplexität der Welt wuchs das Bewusstsein um seine Teile.
Aristoteles, 384 v. Chr. – 322 v. Chr., prägte den bekannten [Glaubens-] Satz:

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Aristoteles

In einer textlichen Abwandlung (wie schon ein einem anderen Text zum Thema HOLISMUS vorgeschlagen) könnte man auch sagen:

Der schon weiter oben genannte Johann Amos Comenius sah in der Bildung die Möglichkeit, den Menschen schon als Kind zu einem kultivierten Wesen zu formen. Das in seiner Zeit gebräuchliche lateinische Wort eruditus bedeutet etymologisch ent-roht. Der einzelne Mensch würde verfeinert und als wertschöpfendes Subjekt in der Gemeinschaft differenzierter wahrgenommen.
Mit der Suche nach einer Antwort auf die Frage was die Welt zusammen hält, formulierte Comenius in seiner Schrift Janua Linguarum Reserata im Jahr 1631:

Den Unterschied der Dinge kennen und jedes mit seinem Namen bezeichnen können.

Johann Amos Comenius,

Wir sprachen weiter oben von der Position René Descartes, der den menschlichen Körper im Verbund mit den Körpern von Tieren im Grunde als mechanische Konstruktion beschrieb.
Er reduzierte den damals bekannten Organismus des Menschen auf seine mechanischen Funktionen, also auf die Mechanik [2] selbst und schuf damit das gedankliche Modell eines Apparates bzw. einer Maschine. Man könnte hier auch die frühe Vision eines Computers [2] erkennen. Wir bleiben noch kurz bei Descartes.

Mit diesem Ansatz eines mechanistischen Denkens in Relation biologischer Körper passierte etwas Bemerkenswertes: Die [gedankliche] Fragmentierung und Partikulierung des Körpers selbst. Die Gestalt, besser, das System als Ganzes wurde in immer kleinere [System-] Teile zerlegt, kognitiv, also rational erklärbar und folgte auf diesem Weg zunehmend der cartesianischen Idee vom Dualismus und damit der Trennung von Leib bzw. Körper und Seele bzw. Geist.

Wenn die Welt in unendlichen Einzelteilen und damit Teilsystemen wahrgenommen wird, dann wird das Einzelne (Objekt) zum potenziell austauschbaren Element (in einem System – das selbst nur ein Teilsystem sein kann).

Damit entstand nicht nur das Potenzial der Austauschbarkeit durch permanente Produktion. Stärker noch, es entwickelte sich ein früher Ansatz zur Externalisierung und damit ein Konzept, welches auch dem menschlichen Körper selbst zu einem produktiveren Wesen verhelfen sollte.

Mir ist vollkommen klar, dass ich mir mit dem vorab Beschriebenen einen langen und in Teilen redundanten [2] Anlauf erlaubt habe. Allerdings bewusst, da mir die sozio-systemischen Hintergründe wichtig sind für das Verständnis des Folgenden.

Wenn wir also diese Gedanken nun und ohne besondere Mühe in unsere heutige Zeit portieren und uns noch einmal den Begriff Klasse betrachten, dann findet sich dieser auch in der Beschreibung von Objekten (Objekttyp) in der sogenannten objektorientierten Programmierung [2]. Jedes Objekt (als Vertreter einer Klasse) definiert sich über Attribute (Eigenschaften) und über Methoden (Verhaltensweisen). Damit lässt sich im Prinzip die ganze Welt abstrakt in seinen Teilen beschreiben.

Alan Key, * 1940, Erfinder der Programmiersprache SmallTalk erläuterte die Logik der objektorientierten Programmierung wie folgt:

1. Alles ist ein Objekt.
2. Objekte kommunizieren durch das Senden und Empfangen von Nachrichten (welche aus Objekten bestehen).
3. Objekte haben ihren eigenen Speicher (strukturiert als Objekte).
4. Jedes Objekt ist die Instanz einer Klasse (welche ein Objekt sein muss).
5. Die Klasse beinhaltet das Verhalten aller ihrer Instanzen (in der Form von Objekten in einer Programmliste).
6. Um eine Programmliste auszuführen, wird die Ausführungskontrolle dem ersten Objekt gegeben und das Verbleibende als dessen Nachricht behandelt.

Alan Key hat sich später kritisch gegenüber seiner eigenen Definition gezeigt, da diese eine starken Fokus auf das Objekt legen würde bzw. diese Beschreibung statisch wirken könnte.
Tatsächlich geht es hier um den Prozess des Zusammenwirkens der Objekte selbst. Ähnlich einem polydirektionalen Netz, so wie man sich die neuronalen Prozesse im menschlichen Gehirn vorstellen kann, ginge auch bei der objektorientierten Programmierung um die Message [2] [3] [4] zwischen den Objekten, also den Nachrichten, welche ausgetauscht werden.

Im Jahr 1956 fand am Dartmouth College [2] die Dartmouth Conference [2] [3] statt. Die veranstaltenden Akteure waren Marvin Minsky [2], John McCarthy, Nathaniel Rochester und Claude Shannon. Der Begriff der Künstlichen Intelligenz wurde auf dieser Konferenz zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt. Alle zentralen Formulierungen zum Begriff selbst sind bis heute mit dieser Veranstaltung verbungen.

Marvin Minsky hat in seinem Buch The Society of Mind, erschienen im Jahr 1986 die These aufgestellt bzw. formuliert, dass Intelligenz [2] [3] im Prinzip aus einem verwobenen Netz von unintelligenten Agenten bestehe. Erst durch die Zusammenarbeit von relativ einfachen Agenten entstehe die Intelligenz. Minsky versucht den Leser von der gewöhnlichen Vorstellung abzubringen, dass das menschliche Gehirn ein einzelnes, großes monolithisches Wesen ist, das an etwas denkt oder gerade nicht denkt. Stattdessen wird ein Modell skizziert, bei dem das Gehirn aus unzähligen, verschiedenartigen, aber relativ einfachen Agenten besteht.

Diese Agenten haben einfache Aufgaben und Ziele. Erst durch die Kommunikation miteinander und einem Ausverhandeln der Bedürfnisse der einzelnen Agenten untereinander entstehen Denken und Handeln.

Einzelne Agenten können wieder aus noch kleineren Agenten bestehen, die wiederum miteinander kommunizieren und verhandeln. Diese kleinen Agenten sind spezialisiert für bestimmte Aufgaben, beispielsweise das Auge für das Sehen oder ein Gehirnbereich zur Sicherstellung von genügend Schlaf. Konflikte innerhalb eines Agenten führen zur Schwächung dieses Agenten, wodurch andere Agenten Oberhand gewinnen.

Lernen besteht in diesem Modell darin, die Kommunikation zwischen den Agenten zu verbessern. Persönliche Eigenheiten von Menschen resultieren aus den unterschiedlichen Gewichtungen der Agenten. Die Speicherung von Erinnerungen wird dabei durch die Erzeugung von K-Lines ermöglicht. Diese K-Lines sind eine Art Liste, die alle Agenten enthält, die bei einer Aktivität beteiligt waren.

Wir sprachen weiter oben von einer Tendenz zur Externalisierung dessen, was menschliche Existenz in der Evolution bis dahin definierte. Das einzelne Individuum ist zwar um überleben zu können, zur Kooperation gezwungen. Das Leben selbst ist jedoch begrenzt durch den Körper bzw. die Fähigkeiten, die der Geist in diesem Körper ermöglicht.
Nun schien ein neues Zeitalter anzubrechen. Eine konkrete und nicht nur spirituelle Vorstellung darüber, wie sich die begrenzte Realität des Einzelnen erweitern könnte.

Hilary Putnam, 19262016, hat ein Gedankenexperiment mit dem etwas sperrigen Titel Gehirn im Tank versucht zu widerlegen. Der Versuch der Widerlegung ist jedoch aus meiner Sicht weniger interessant als die Tatsache, dass so eine fiktive Metapher überhaupt existiert und welche Konsequenz sich aus der Logik ergibt, wenn man den Startgedanken weiterdenkt. Worum geht es?

Die Idee in Kurzform: Ein menschliches Gehirn würde von einem menschlichen Körper in irgendeiner Weise vorgeburtlich komplett isoliert, wäre stattdessen mit einem Computer verbunden und erhielte nur von dort alle Impulse, die in einem normalen Leben normal wären.

Diese Impulse wären komplett identisch mit jenen, die ein realer Körper in einer realen Welt generieren (intrinsisch) bzw. erfahren (extrinsisch) würde.

Die Frage ist, ob das isolierte Gehirn diese Impulse als echt oder als simulierte Realität wahrnehmen würde bzw. was der faktische Unterschied wäre?
Man könnte auch fragen, ob das isolierte Gehirn diesen Unterschied überhaupt als relevant, also bedeutend einschätzen würde.

Wenn man nun das Gedankenspiel weitertreiben würde, dann kann man fragen, ob der Unterschied nicht nur nicht relevant wäre, sondern dass die simulierte Realität (des isolierten Gehirns) als relevanter und damit wertvoller (oder sinnvoller?) wahrgenommen werden würde?

Provokativ könnte man spekulieren, dass es für das Gehirn keine bedeutende Rolle spielt, mit welcher Form der Realität es konfrontiert wird.
Hauptsache es bedient unsere grundlegenden Bedürfnisse, zum Beispiel die Sehnsucht nach glücklich sein.

Vielleicht wird der einen bzw. dem anderen klarer, warum ich diesen langen Anlauf nehme, um mich dem Thema der Künstlichen Intelligenz systematisch zu nähern.

Text ist insgesamt noch in Arbeit bzw. noch nicht abgeschlossen. Fortsetzung folgt.


Wer doch lieber auf Papier lesen möchte, findet hier das PDF.


© Carl Frech, 2024

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