UKRAINE

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Mein Kollege und Freund Helmut Ness fragte mich, ein paar Gedanken zu dem Krieg in der Ukraine zu schreiben.

Der Text findet sich auch auf der Website der Fuenfwerken Design AG. Ich bin seid 20 Jahren mit dem Unternehmen verbunden. Als Berater, als Begleiter, als Partner, vor allem als Freund.

Fuenfwerken gibt es seit 25 Jahren. In all diesen Jahren haben bei uns Menschen aus verschiedenen Nationen gearbeitet und auch heute sind wir ein Team aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und damit auch Werten. Bei uns kommen Menschen aus mindestens zwei Generationen zusammen.
Manche haben vielleicht erst vor kurzen ihre Familien verlassen und beginnen nun ihr Leben mit der neuen Verantwortung, jeden Tag zu gestalten und damit ein selbstständiges Leben aufzubauen.
Andere haben eigene Familien, haben Verpflichtungen übernommen, vielleicht Eigentum erworben und wissen, dies bestimmt ihre Zukunft.

Uns alle verbindet ein Leben, welches wir in weitgehender Freiheit, vor allem in Frieden verbracht haben, bis heute verbringen durften. Für die Jüngeren ist die Vorstellung einer Realität ohne Frieden eher mit einem Blick in die Geschichte verbunden. Vielleicht können die Großeltern noch etwas erzählen, vielleicht nicht mal die.

Für die Älteren sind die Geschichten eines Krieges in Europa ein wenig näher. Sie kennen möglicherweise die Erzählungen der älteren Verwandten, haben als Kinder bei Familienfeieren zugehört, als junge Erwachsene vielleicht mitdiskutiert. Aber auch für jene war die Vorstellung, es könnte Krieg geben, das eigenen Leben würde von einem Krieg gefährdet, eine eher entfernte Vorstellung. Etwas, was man aus den Nachrichten in anderen, in entfernten Ländern natürlich kannte, aber die Entfernung war eben auch der Schutzraum dazwischen.

Für diejenigen, die sich noch an ihre Jugend in den 80er-Jahren erinnern, war die Zeit geprägt von dem Begriff eines Kalten Krieges. Der sogenannte Ostblock hatte eine direkte Grenze mit dem damaligen Westdeutschland. Berlin lag in der Mitte von Ostdeutschland, der DDR und es war eine exotische Reise zwischen diesen beiden Orten hin und her zu fahren.

Die 80er-Jahre waren ansonsten dominiert von einer soliden Wirtschaft, die Grüne Partei kam zum ersten Mal in den Bundestag, es gab Terrorismus und kleinere rechtsradikale Parteien, die öffentliches Aufsehen erregten. Recycling war bekannt, man sprach vom Waldsterben und ja, die ersten Personal Computer (auch von Apple) kamen langsam in den Alltag. Vor allem aber fiel 1989 die Berliner Mauer.Und mit ihr wurde das System der damaligen Sowjetunion ins Wanken gebracht.

Jene, die sich an die 90er-Jahre erinnern, die werden sich an eine gefühlt endlose Zeit unter Helmut Kohl als Bundeskanzler erinnern. Die Welt schien in Ordnung, der Wirtschaft ging es gut, das Waldsterben ging weiter, man hatte Sorge wegen dem Ozonloch und es wurde immer deutlicher, dass es den Ländern im Osten Europas nicht gut ging, dass die dortige Wirtschaft mit der Dynamik des Westens nicht mithalten konnte.

China bekam damals noch Entwicklungshilfe aus Deutschland, gleichzeitig hatte man Sorge um die Sorglosigkeit, mit der die chinesische Wirtschaft Produkte aus dem Westen kopierte. Das Internet kam 1993 in die Welt und hat wenige Jahre später seinen Siegeszug begonnen und damit auch den Startschuss der sogenannten Globalisierung eingeläutet. Das Jahrzehnt war für Europa eine Zeit grosser Veränderungen. Die ehemaligen osteuropäischen Länder haben sich neu definiert, mehr oder weniger demokratische Entwicklungen begonnen und sich vielfach und offensiv den westlichen Systemen zugewandt.

Für alle, die in den 00er-Jahren dieses neuen Jahrhunderts ihre Jugend verbrachten, die werden sich vielleicht daran erinnern, wie man oft von Russland als einem korrupten Land sprach. Man sprach von ehemaligen Geheimdienstagenten, die unvorstellbar reich geworden sind, von sogenannten Oligarchen. Russland schien wie die etwas grössere Version der Entwicklung in der ehemaligen DDR, wo auch manche Menschen in kürzester Zeit reich geworden sind, damit Macht bekamen und diese für ihre Zwecke nutzten. Und wie im ehemaligen deutschen Osten wunderte man sich über dieses System, welches man dann eben als eine hässliche Seite des Kapitalismus wahrnahm.

Vielleicht erinnert man sich auch an manche Visionen, wie sich dieses Europa in einem grösseren Maßstab entwickeln könnte. Wenn man damals an Russland dachte, dann vertraten viele die Meinung, die hässlichen Entwicklungen in diesem fernen Osten wären eben die notwendigen Geburtsschmerzen einer Demokratie, die ja – aus unserer Sicht – nur in der Form einer Marktwirtschaft bzw. einem Kapitalismus möglich wäre.

Davon abgesehen wurde es immer normaler, wie wir immer und überall erreichbar waren. Dass Informationen und jede Form von Kommunikation von jenen neuen Geräten übernommen wurden, die man davor nur in die Hand nahm, wenn man jemanden anrufen wollte. Die Welt wurde in unserer Tasche immer kleiner und konnte jederzeit von uns betrachtet und begutachtet werden.

Jene nun, die ihre Jugend und sei es nur in Teilen noch in den 10er-Jahren dieses neuen Jahrhunderts verbracht haben, für die ist es sicher eine vorherrschende Realität, Russland wäre eben eine ehemalige Grossmacht im tiefen Osten, die heute eher seltsam rückständig erscheint.

 Wenn schon, dann hatte man zunehmend Respekt vor dem, was man aus China hörte, die Geschwindigkeit wie dort scheinbar aus dem Nichts Städte in wenigen Jahren wuchsen. Man hatte das Gefühl, es gibt zwei konkurrierende Ideen eines gesellschaftlichen Systems. Das war der Westen, zu dem wir allzu selbstverständlich gehören, und das war der weit entfernte Osten.

Irgendwo zwischen dem aufstrebenden, wenn auch konservativen Polen und dem Pazifik lagen jene Länder, die abgehängt waren, die man eher geschichtlich wahrnahm und immer wieder mal aufschreckte, wenn es hier und da Konflikte gab. Aber die waren weit weg und oft nur eine Randnotiz in unseren Nachrichten.

Nun gibt es Krieg in einem Europa, wie es sich in den letzten Jahren immer weiter und tiefgreifender neu formte und dabei immer mehr Dynamik entfachte. Das waren nicht nur die kleineren Länder Osteuropas, das war auch die Ukraine. Wir erinnern uns vielleicht noch an die sogenannte Orangene Revolution in der Ukraine im Jahr 2014. So richtig haben wir nicht verstanden, aus welchem Grund diese ihren Auslöser fand.

Letztlich war der Auslöser eine Wahl, von der man vermutete, Russland würde versuchen, einen gefälligen Präsidenten zu installieren. Auf der anderen Seite wurde dem Westen vorgeworfen, sie würden (getarnt durch NGOs – Non Government Organisation) diese Revolution finanzieren, um auch dieses Land zu dominieren, das westliche System (auch militärisch) zu installieren. Gleichzeitig hat Russland wirtschaftlich immer mehr den Anschluss an den Westen, vor allem aber an den eigenen Süd-Osten verloren.

Eine extrem reiche russische Oberschicht zog es in den Westen, eine überschaubar grosse Mittelschicht konnte die Mieten in Grossstädten wie Moskau gerade noch bezahlen, vor allem gab es immer mehr Menschen darunter. Deren Leben wurde ärmer, deren Leben wurde härter.

Das öffentliche Leben wurde dort in den vergangenen wenigen Jahren immer weiter kontrolliert. Die Pressefreiheit immer weiter eingeschränkt. Heute gibt es kaum noch unabhängige Berichterstattung in Russland. Westliche Medien werden nach einem neuen Gesetz ausländischen Agenten gleichgesetzt und stark reglementiert.

Nun gibt es seit dem 24. Februar 2022 Krieg und man fragt sich, wie konnte es so weit kommen? Was muss passieren, dass Menschen, vielleicht auch nur ein Mensch, so eine Entscheidung treffen. Man fragt sich, ob dies in den 80er-Jahren auch hätte passieren können, wenn das Umfeld ein anderes gewesen wäre.

Es gibt sehr viele Fragen und noch mehr Antworten und Interpretationen jeden Tag zu jeder Zeit. Dieser Krieg ist bei uns nicht mehr nur eine Information auf unseren Smartphones. Er ist angekommen in unseren Bahnhöfen, unseren Strassen und Plätzen.

Manche von euch sind vielleicht aktiv geworden auf Demonstrationen oder an den Stellen, wo die Menschen auf der Flucht aus der Ukraine Erste Hilfe erhalten. Manche haben vielleicht sogar Menschen bei sich aufgenommen, nicht wirklich wissend, was jetzt das Wichtigste ist, was in den nächsten Wochen und Monaten noch alles passieren wird.

Wir alles wissen es nicht. Das einzige, was wir ahnen, wir in diesen Tagen erfahren: Es gibt nicht die gewohnte umfassende Sicherheit. Es gibt keine unumstössliche Vorhersage. Alles kann immer auch anders werden.
Pläne, Vorstellungen und auch die damit verbundenen Themen, wie zum Beispiel die Pandemie, welche uns alle in den vergangenen zwei Jahren beschäftigt hat, geraten ins Wanken, werden zu einem Flimmern im Hintergrund, da der Vordergrund plötzlich so ganz anders aussieht wie noch gestern.
Wir beginnen zu rechnen, stellen uns das eine oder andere vor, was uns Sorgen bereitet, vielleicht auch Angst macht und wir stellen fest, wir können nur wenig tun.

Das aber, was wir tun können, das sollten wir tun. Es ist ein wenig wir die Rettung der Welt. Als Einzige, als Einziger kommt man sich vor, es lohnt gar nicht zu beginnen, da man nahezu nichts bewegen kann. Doch vielleicht ist gerade dieses wenige mehr als wir denken. Vielleicht ist es viel mehr als nur das konkrete Tun, die Spende, die Mithilfe, ein Bett, das man anbietet. Vielleicht ist es etwas, was wir immer auch für uns tun.

Was immer auch unser Miteinander, unsere Idee einer Gemeinschaft verändert, da wir feststellen, wie wir alleine nur sehr wenig schaffen können, gemeinsam aber etwas finden, was am Ende doch Bedeutung hat. Das ist schlicht der Sinn dessen, warum wir hier sind: Um etwas tun und damit gestalten können.
Das sollten wir in diesen Tagen nicht vergessen.

Wir sollten aber auch nicht vergessen, es ist immer so leicht, mit dem Finger nur auf die anderen zu zeigen. Das, was gerade in der Ukraine geschieht, ist unverzeihlich, ist ein Leid, dass nicht sein darf, ein Krieg, der nie hätte beginnen dürfen. Doch wir sollten uns nicht allzu gross aufbauen als die richtige Seite, als der Teil der Welt, der alles richtig gemacht hat und die anderen alles falsch.

Wir sollten, und sei dies gerade auch schwer, immer versuchen zu verstehen, was wir in den letzten Jahrzehnten nicht gesehen haben, mit was wir uns nicht beschäftigen wollten, wo wir maßlos und selbstsüchtig waren in unserer gesättigten Welt im Westen, die sich daran gewöhnt hatte, alles mit unserem Geld immer und sofort bestellen zu können.

Wenn es uns gelingt, das Verbrechen als Ganzes zu erkennen und die Schuldigen schuldig zu nennen, doch immer auch den Blick so weit zu halten, um das noch grössere Bild zu erkennen, ein Bild, zu dem auch wir gehören, dann könnte dies eine Chance sein. Eine Chance, wirklich und grundsätzlich etwas für eine bessere Zukunft verstanden zu haben.

Einer Zukunft, die schlicht verstanden hat, dass Teilen immer der kreativere Weg ist zur Gestaltung einer Gemeinschaft. Einer Gemeinschaft, die nicht ohne Wettbewerb sein muss, nicht ohne Streit und den Kampf um die bessere Lösung, das bessere System, die jedoch verstanden hat, dass jeder Krieg am Ende uns allen schadet, tötet und im Rückblick immer so schrecklich sinnlos erscheint.

© Carl Frech, 2022

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