SCHÖNHEIT_1 [zeitlos]

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Schönheit scheint einfach da zu sein. Als gäbe es eine Quelle für das Schöne lange vor unserer Zeit. Und bliebe noch lange nach uns. Einfach so.

Es gibt in Tokyo auf der Hauptgeschäftsstrasse Ginza ein beeindruckend grosses Ladengeschäft mit, so darf man vermuten, allem, was für eine japanische Teezeremonie nötig ist. Neben Tee ist dies das richtige Teeservice, um dem Akt der Zubereitung die kulturelle Bedeutsamkeit beizugeben.
Wenn man diesen Laden betritt, dann wirkt die Präsentation der Teeservice eher dem eines Juweliers. Die Angebote konkurrieren in einer kunsthandwerklichen Perfektion, sie zeigen einen Detailismus bei der Bemalung der Tassen und Kannen, dass man kaum glauben mag, dies liesse sich noch steigern.

Wenn man tiefer in den Raum vordringt, werden die Ornamente schlichter, die Wandungen der Tassen und Kannen etwas dicker, die ganze Anmut der Objekte wirkt rustikaler. So geht es weiter. Je näher man sich der Rückseite dieser beachtlich grossen Ladenfläche nähert, desto gröber und einfacher werden die Teeservice.

Seltsamerweise verändern sich die Preise für die Angebote in genau der anderen Richtung. Wurde schon bei den ersten, sehr komplexen Angeboten zu Anfang ein durchaus ambitionierter Preis ausgewiesen, so steigen die Preise im Verlauf der zunehmenden Einfachheit der Angebote in der Tiefe des Ladens. Ganz am Ende finden sich Vitrinen aus besonders dickem Glas, die offensichtlich nur mit einem Schlüssel zu öffnen sind. In diesen Vitrinen liegen, besonders ausgeleuchtet, eher ungewöhnliche Tassen.
Man könnte sie ungefähr so beschreiben, dass jemand einen groben Klumpen Ton in eine Hand genommen und mit der anderen mit der Faust und ein paar schnellen Handgriffen eine Kuhle geformt hätte, so als hätte dieser Vorgang in grosser Eile erfolgen müssen. Dieses grobe Ding wurde dann für die Nutzung als Trinkgefäß gebrannt und steht nun ohne weitere besondere Behandlung als Teetasse hier in der Auslage.

So eine Tasse kostet dann einen fünf- bis sechsstelligen Betrag, ungefähr der Wert eines sehr gut ausgestatteten Mittelklassewagens.

Das ist seltsam, konterkariert es doch vieles, was man mit dem Anspruch an Wertigkeit verbinden würde. Mit dem Begriff verbindet sich die Frage nach einem Wert. Aber was soll das sein? Streng genommen basiert jeder Wert auf einer Verhandlung durch eine soziale Gruppe, die sich auf diesen besonderen Wert einigt und damit das eine auf- und (zwingend in der Logik) das andere abwertet.

Nun kann man mit Leichtigkeit feststellen, dies sei eine luxuriöse Position und vor allem eine Frage dessen, was sich die jeweilige Kultur leisten kann. Es gibt vermutlich wenig evolutionäre Notwendigkeit, dass die Spezies Mensch etwas schön finden muss, um ihrer zentralen evolutionären Aufgabe der Fortpflanzung nachzukommen. Gleichwohl darf man vermuten, dass es, nimmt man der Schönheit die Poesie der Subjektivität, funktionale Gründe gibt, warum Schönheit als Faktor der evolutionären Auslese eine Rolle spielt.

Wir kommen zu diesem Gedanken zurück. Es gibt in der Designforschung eine schöne und eindringliche Erläuterung zu der Frage, warum es manche Dinge schaffen, die jeweiligen Zeiten zu überdauern, um dann irgendwann zeitlos benannt, zeitlos zu werden und sich dadurch aus der festen Verortung in eine Epoche zu lösen.
Wir kennen den Begriff des zeitlosen Designs. Dieses Attribut benötigt einen Rahmen zur Einordnung. Das sind zum Beispiel Dinge oder Gebäude, die wir fälschlicherweise gerne als Objekte bezeichnen, welche so generisch sind, wie sie von kleinen Kindern gezeichnet werden.
Eine Formensprache, die kulturell meistens unterschiedlich determiniert und eher symbolischen Charakter hat, aber trotzdem als kollektive Motive unsere Vorstellung dominiert.

Dieser visuelle Humus ist die Basis dafür, was sich in der Folge als zeitloses Design etablieren kann.

Wir denken in unserem Kulturraum möglicherweise an Freischwingerstühle [2] von Marcel Breuer, an den Taschenrechner [2] von Dieter Rams bzw. dem von ihm geleiteten Team bei BRAUN, an die All Star Turnschuhe von Converse, an das Starterset für die erste Küche von IKEA, eine französische Cafe au lait-Tasse, eine halbausgewaschene Jeans, an einen Golf von Volkswagen, an eine Tolomeo-Leuchte von Artemide, aber auch an die Logik einer Einbauküche, die grundlegende Symbolik auf digitalen Bildschirmen [2] die Praktikabilität eines mittelgrauen Sweatshirts mit Kapuze, oder….

Diese Liste könnte länger sein, es liessen sich Kategorien [2] und Hierarchien [2] bilden, es wäre möglich, Überschriften und Differenzierungen zu finden und damit auch die Eindeutigkeit dessen konkreter spezifizieren und evaluieren lassen, was man [wirklich] als zeitlos bezeichnen kann.

Die Theorie geht dabei davon aus, dass alles (alle Dinge) an einem bestimmten Zeitpunkt im Müll landen (könnte), dort jedoch von jemandem entdeckt wird. Diese Person differenziert dieses Ding in seiner Wertigkeit vom Rest und holt es aus dem Müll zurück in eine neue [persönliche] Gegenwart bzw. Nutzung (wenn es denn um ein Ding mit einem funktionalen Nutzen geht).

Dieser Akt der Differenzierung (das eine kann weg, das andere soll bleiben) ist eingebunden in die individuelle Bildung und damit dem Wissen, was einen gewissen Wert haben könnte (zum Beispiel im ökonomischen Sinn). Dieser spekulative Wert lässt sich auch auf die Person selbst reduzieren. Man assoziiert sich mit diesem Ding, man nutzt es als einen Code zur Identifikation der eigenen Persönlichkeit, man wertet sich selbst damit auf und somit auch in [sozialer] Abgrenzung zu anderen. Damit wird es (das Ding) auch zum Teil der eigenen Identität und lädt zum Dechiffrieren durch das soziale Umfeld ein. Das machen wir immer, meist unbewusst. Wir können gar nicht anders, als uns ein Bild zu machen. Und damit auch ein Bild der Menschen aus unserem sozialen Umfeld.

Nun ist der Begriff der Zeitlosigkeit in seinem eigenen Anspruch irgendwie absurd. Kann es etwas ohne die Abhängigkeit von der Zeit geben? Bemüht man die Logik oder die Physik, dann lässt sich mit Leichtigkeit behaupten, es gäbe universelle Gesetze, beispielsweise die Schwerkraft, die Ausdehnung von Licht oder der Tatsache, dass Bewegung nur im Zusammenspiel mit Energie funktioniert.
Nun – und mir ist vollkommen bewusst, wie extrem diese Perspektive ist – alle Versuche der Erklärung zur Zeitlosigkeit sind stets gebunden an das [universelle] System, in welcher sie ihre Wirkung entfalten. Und damit dem Raum und der Zeit, in welcher unsere Wahrnehmung eine Einschätzung ausschliesslich ermöglicht.

Und ja (auch damit ist wenig gewonnen) jeder Gedanke, jede Betrachtung ist nur innerhalb der Logik jener Universen [2] leistbar, welche sich seit ca. 13,81 Milliarden Jahren mehr oder weniger kontinuierlich ausbreiten. Ich spreche von Universen. Nun, wer weiss?
Es gibt seit einigen Jahren ambitionierte Hypothesen zu sogenannten Multiversen, Realitäten ausserhalb des Weltalls, also dem Universum, in welchem unser Dasein auf diesem Planeten nur ein verschwindend kleines Randereignis darstellt. Warum ist mir dieser Vergleich trotzdem wichtig?

Wir wissen um die eigene Begrenztheit, um die Enge, die durch unsere Lebenszeit festgeschrieben ist. Daher bietet der Begriff der Zeitlosigkeit einen wohligen und rein subjektiven Ausweg aus der existenziellen Tatsache der Endlichkeit [2]. Indem wir etwas als zeitlos definieren, verbindet sich mit diesem Anspruch auch eine Bedeutsamkeit ausserhalb unserer Möglichkeiten. Die Zeit soll in ihre Schranken gewiesen werden. Das Festgeschriebene (unserer Lebenszeit) wird einfach aus dem Lauf der Zeit genommen, wir vergeben Namen und Zertifikate auf das, was im Prinzip als schön, als herausragend gelten soll und verbinden dies mit unserer Existenz.

Wenn wir den Begriff der Schönheit etwas abstrakter betrachten und damit generell als Überhöhung, als das Höhere generell, dann kann man die Entwicklung gesellschaftlicher Strukturen immer auch im Zusammenspiel der Bedeutsamkeit ihrer jeweiligen Symbolik betrachten. Jedes Symbol dient der Orientierung, auch für die soziale Differenzierung. Historisch gilt dies zum Beispiel für heraldische Zeichen wie Wappen, Siegel oder auch Flaggen, wie wir sie auch heute (noch) kennen. Das Symbol soll den Anspruch an ein Überdauern sichtbar machen und wird damit in den meisten Fällen zu einem Symbol der Macht.

Neben der Sicherung realer oder subjektiv empfundener Macht verbindet sich damit auch die Zugehörigkeit zu einer ausgewiesenen Gruppe, einem sozialer Verbund, welcher die eigene Identität erklärbar macht und damit die Basis für ein Narrativ der Zukunft ermöglicht:
Ich gehöre zu denen, das ist meine Familie, mein Ort, mein Land, wir haben eine lange Tradition. Wir sind noch da und das ist unsere Zukunft.
Jede soziale Gruppe wird durch ihre Orte interpretierbar und damit den Dingen an diesem Ort, wo und wie Menschen dort gelebt und welche Entscheidungen sie getroffen haben.
Entscheidungen bedeuten dabei immer die Auswahl des einen und damit die [indirekte] Abwahl des anderen.

Wichtig dabei scheint der Verbund einer Gruppe, welcher sich darauf einigt, das eine wäre wertvoller als das andere. Der Begriff Schönheit lässt sich hier inkludieren, ist aber nicht zwingend. Wichtiger ist die Bedeutung darüber, der Wert der Auswahl wäre genereller Natur ist, zeitlich relativ unbegrenzt gültig (wenigstens im Rahmen der Bedeutung der Zeiträume für diese Gruppe) und sich damit auch [paradigmatisch] als Vorbild, als Inbegriff oder Urform für eine Klasse von Dingen bezeichnen lässt.
Man könnte in einer extremen Verkürzung dieses Gedankens sagen, diese [soziale] Gruppe hätte sich für das eine entschieden und würde damit zum Ausdruck bringen:
Wenn es nur ein Ding für diesen Bedarf gäbe und keine anderen zur Auswahl ständen, dann soll es genau dieses Ding sein.

Immanuel Kant differenziert in seinem Werk Kritik der Urteilskraft zwischen dem Geschmacksurteil und dem ästhetischen Urteil. Das Geschmacksurteil verbindet Kant mit der individuellen Subjektivität des Angenehmen. Darüber könne in Bezug auf die Wahrnehmung einer Person nicht gestritten werden, da diese Person nur diese eine Wahrnehmung haben könne, sie ein Recht darauf habe und daher nicht infrage gestellt werden kann.

Das ästhetische Urteil hätte nach Kant zwar auch einen subjektiven Hintergrund, da diese aber von einer Gruppe Menschen verhandelt werde, sich dieser soziale Verbund auf das eine geeinigt hätte, entstünde dadurch in Bezug auf die Auswahl ein allgemein gültiges Urteil zur Ästhetik in diesem Fall und damit auch der Bedeutung in der jeweiligen Zeit und ist mit dem Anspruch verbunden, dass dies auch in der Zukunft so wäre.

Wichtig dabei ist, dass damit die Auswahl permanent zur Diskussion steht. Da die individuelle Wahl eines Dings oder einer Sache immer auch die indirekte Bestätigung einer grösseren Gruppe mitführt (Zustimmung als Beleg für die Auswahl und damit die Qualität), verbindet sich jene Allgemeingültigkeit, die mehr oder weniger davon ausgeht, man könne sich nur so entscheiden und wer sich nicht so entscheidet, eben ein geringeres Geschmacksempfinden hätte.
Es entsteht eine Art Nahtstelle, an der sich Ästhetik permanent neu definiert, da sich die potenzielle Minderheit diese Überheblichkeit natürlich nicht gefallen lässt und dadurch die [subtile] Diskussion über das, was man als [zeitlos[ schön bezeichnen soll, immer neu befeuert.

Ähnlich dem Begriff Paradigma sprechen wir bei dem Anspruch an zeitloses Design von einer grundsätzlichen Betrachtung und damit einer grundsätzlichen Form, welche sich als Basis, als Vorbild zu einer Kategorie dieser Form selbst versteht.
Damit entsteht a priori der Anspruch an Richtigkeit, und damit erhält der Begriff ästhetischer Zeitlosigkeit eine Ebene, die alle anderen Positionen im Prinzip niedriger positioniert.

Es ist a priori eine Tatsache, dass sich die Erde um die Sonne dreht, es ist a priori schön, mit Freunden um ein Lagerfeuer zu sitzen, es ist a priori schön, in das lachende Gesicht eines Kindes zu blicken.
Und es ist a priori schön, wenn ein Ding meine ganzheitliche Existenz im richtigen Maß und in förderlicher Weise unterstützt. Was auch immer das sein mag.

Immanuel Kant trennt dabei die grundlegenden, die archetypischen Motive von der Anforderung an individuelle Erfahrung und damit singulärer Wahrnehmung. Diese eher rationale Position geht davon aus, nicht die Strukturen der Welt selbst, sondern nur die unserer Erfahrung sind a priori (Wikipedia).
Man könnte banal fragen: Klar, wer sonst sollte auch darüber urteilen?
Daraus leitet sich aber auch die Frage ab, ob es etwas geben könnte, das ausserhalb dieser (wie im Sinne René Descartes) menschlichen Betrachtung das Attribut schön innehätte, also generell so zu bezeichnen wäre?

Aus meiner Sicht ist das nicht möglich, denn wie gesagt: Wer sollte darüber entscheiden?
Man könnte allerdings fragen: Gibt es Schönheit als universelles Attribut? Oder: Welchen Sinn hätte Schönheit für das Universum? Damit berühren wir [philosophische] Themenfelder der Metaphysik, der Ontologie und generell nahezu jeder Religion mit einer Vielzahl von Antworten und Perspektiven.

Eine der möglichen Antworten bzw. dann doch wieder in Form einer Frage formulierte der griechische Philosoph Platon, 428/427348/347 v. Chr., der in seinem Dialog Euthyphron die Frage stellte, ob etwas ethisch richtig (und damit schön) wäre, weil eine Gottheit dies entschieden hätte, oder ob etwas grundsätzlich ethisch wertvoll wäre (also grundsätzlich schön) und die Gottheit diesem [nur] zustimmt, sich also in gewisser Weise diesem Grundsatz unterordnet.

Man nennt dies auch Euthyhron-Dilemma, da damit ein Paradoxon entsteht. Je nach Betrachtung und Verständnis kippt die Aussage auf die andere Seite und damit die andere Position.
Ein Paradoxon ist ein in sich nicht auflösbares Motiv, eine Aussage bzw. Theorie. Ein einfaches Beispiel dafür ist die narrative Figur des Pinocchio, dessen Nase bekanntlich immer dann wächst, wenn er lügt. Aber was passiert mit seiner Nase, wenn er sagt, dass seine Nase gerade wächst?

Im Umfeld der Betrachtung zu einem Paradoxon findet sich auch die Supervenienz. Diese Form der [philosophischen] Betrachtung beschäftigt sich mit der moralischen bzw. generell der kognitiven Perspektive auf die Dinge selbst. Die Supervenienz beschreibt in Kurzform die Abhängigkeit zweier miteinander verbundener Aspekte, wobei die Änderung des einen zwingend mit der Änderung des anderen verbunden ist, aber nicht grundsätzlich umgekehrt. Wie passt das zum Thema?

Viele Dinge folgen einer hierarchischen Ordnung. Nehmen wir einen einfachen Stuhl. Dieser Stuhl besteht aus verschiedenen Elementen, welche zwingend nötig sind, um die Funktion eines Stuhles zu erfüllen. Ein Stuhl definiert sich durch mindestens drei [idealerweise vier] Beine in einer Länge, die eine angenehme Sitzposition ermöglicht. Zusammen mit einer Sitzfläche und weiterer Elemente für eine Lehne entsteht der Stuhl.
Wenn ich nun ein Element ändere, dann ändere ich zwingend die physische Eigenschaft des Stuhles, auch wenn ich diesen noch als Stuhl verwenden kann. Umgekehrt ist dies aber nicht zwingend der Fall, da ich aus den einzelnen Elementen etwas ganz anderes machen kann.

Die Gesamtheit dessen, was dieser Stuhl (A) ist, kann nur dann verändert werden, wenn ich einen Teil (B) dieses Stuhles ändere. Abstrakt ausgedrückt superveniert A über B. Ich kann aber durchaus aus (Teilen der Menge) B einen etwas anderen Stuhl machen, ohne dass das Teil selbst verändert werden muss.
In der Konsequenz kann auch etwas komplett anderes entstehen, was nicht mehr als Stuhl bezeichnet werden würde, aber immer noch aus den Teilen des [ehemaligen] Stuhles besteht.

Eine IKEA-Tasche kann eine Tasche bleiben. Dabei verändere ich immer die Elemente dieser Tasche. Sie kann aber auch etwas ganz anderes werden. Damit verändere ich die Tasche grundsätzlich, sie verliert ihre Bestimmung.

Dieser etwas extreme Ausflug in unterschiedliche theoretische Positionen widmet sich der Frage, ab wann wir etwas in Bezug auf welchen Wert für unsere Existenz wahrnehmen und diesem Ding damit eine besondere Bedeutung geben.

Richard M. Hare, 1919 – 2002, war ein englischer Moralphilosoph [2], der den Begriff der Supervenienz dahingehend in seinen Theorien verwandte, dass wir zwar moralisch über (supervenierend) die Dinge der Welt bestimmen und entscheiden können, dass es aber keine moralischen Fakten über die physische, die dingliche Welt gäbe. Je nach der Stärke des [argumentativen] Attributs, welches wir für die Beurteilung über ein Ding bzw. eine Sache verwenden, verändern wir zum einen die Bedeutung desselben, zum anderen jedoch auch jene aller damit verwandten Dinge.

Damit verbindet sich in der Logik auch der Begriff eines Prinzips, bzw. einer Prämisse (dazu lohnt es auch, sich mit Gregory Bateson zu beschäftigen). Wir blicken meist hierarchisch und strukturiert auf die [Ordnung der] Welt. Unsere ästhetische Wahrnehmung basiert auf Attributen, die wir grundsätzlich als schön bezeichnen würden, auch wenn diese in jeweils neuen Formationen auftreten. Das bedeutet aber (im Umkehrschluss) nicht, dass wir eine Formation ohne dieses Attribut als schön bezeichnen würden.

Wenn wir ein gustatorisches Beispiel verwenden wollen, dann könnte man sagen: Ich mag alles, solange es süss ist. Wenn ein Gericht dieses Attribut (süss) aber nicht mehr innehat, dann würde ich mich ggfs. nicht dafür entscheiden. Wir können also nicht anders, als unsere sinnliche, unsere individuelle und damit auch irrationale Wahrnehmung auf alles anzuwenden, was wir wahrnehmen.
Ein ästhetisches Urteil funktioniert daher vermutlich nicht anders als jede menschliche Entscheidung. Sie ist eingebettet in einen sozialen Diskurs, welcher uns in unserer Wahrnehmung versichert. Gleichzeitig betrachten wir alles individuell und verhandeln das Betrachtete permanent mit der uns umgebenden Welt.

Im Konstruktivismus [2] entsteht über diese Verhandlung verschiedener Wirklichkeiten Konsens. Ich würde analog [2] dazu behaupten, dass wir damit weitgehend unser ästhetisches Urteil erlangen und in der Folge die Frage beantworten, was wir als schön bezeichnen würden.

Der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza, 16321677, hat in seiner Zeit eine eigene Form des weiter oben beschriebenen Euthyhron-Dilemma formuliert, als er sagte:

Nicht weil eine Sache gut ist, begehren wir sie.
Sondern weil wir sie begehren, erscheint sie uns gut.

Baruch de Spinoza

Auch in dieser Aussage verbindet sich im besten Fall die Annäherung zur Antwort auf die Frage nach Schönheit, lässt aber die Leserin und den Leser final doch wieder alleine. Je nachdem, welcher Teil des Axioms uns richtiger erscheint, stellt sich die Frage nach der Richtigkeit des anderen (Siehe dazu auch das Essay zum Thema Freier Wille).

Drehen wir noch eine letzte Runde der theoretischen Betrachtung: Es gibt den Begriff eines Ding an sich, welcher sich wiederum in der Erkenntnistheorie (stark geprägt durch die dualistische Philosophie Immanuel Kants) als Oberbegriff definiert und sich den Niederungen menschlicher Wahrnehmung so weit wie möglich entziehen will.

Man spricht hier zum Beispiel von intelligiblen [2] Gegenständen und meint damit ein Ding, das sich der sinnlichen Anschauung und damit auch der [emotionalen] Erfahrung verweigert. Damit ist jenes (Ding) gemeint, das nur mit dem menschlichen Verstand und dessen Intellekt erfassbar ist.

In der Philosophie, besonders in der Ontologie, wird damit all jenes beschrieben, was nicht als Phänomen sinnlich und damit individuell erfahrbar ist, sondern sich exakt diesem entzieht und dadurch die Position einer der Sinneswelt übergeordneten Wirklichkeit bezieht.
Auf dieser Ebene wird der Begriff zeitloser Schönheit extrem abstrakt und leicht angreifbar. Gleichzeitig sind es genau diese diskursiven Frequenzen, welche die gesellschaftliche Verhandlung immer durchläuft, wenn es darum geht, einem Ding genau dieses Attribut zuzuschreiben und damit eine Allgemeingültigkeit jenseits von Raum und Zeit.

Vermutlich folgt die Aussage Form follows function dieser Position, indem sie der reinen Funktion eine ästhetische Qualität zuschreibt, da diese (Qualität) durch die Funktion derselben in jeder Weise bewiesen scheint.
Darüber lässt sich natürlich streiten, da Menschen im Grundsatz jedes Ding zum Teil der Erzählung [2] ihres Lebens [2] machen. Und da jedes Ding nur in der Zeit der Anwendung wahrgenommen und damit auch Teil einer Epoche [2] sein kann, könnte man auch von Form follows fiction sprechen.

Es gibt ein Zitat von Leo Tolstoi, 18281910, das in kurzer Form den Bogen spannt, um meinen Gedanken zum Thema Zeitlosigkeit auch im Bezug auf die Überschrift Schönheit eine Mitte zu geben:

Einfachheit ist die Hauptbedingung für moralische Schönheit.

Leo Tolstoi

Damit werden zwei Kriterien formuliert, die ich gerne mit dem Begriff Schönheit in grundsätzliche Verbindung bringen würde. Zum einen die in der jeweiligen Zeit passende Form der Einfachheit, zum anderen diese verbunden mit der Frage nach der [sich permanent verändernden] Moral und damit der Frage ethischer Verantwortung.

Natürlich gibt es mannigfaltige Beispiele für komplexe und daher gerade nicht als einfach zu bezeichnende [zeitlose] Schönheit. Die Natur bietet aus der Kraft ihrer innewohnenden Energie endlos erscheinende Opulenz, welche wir individuell als schön bezeichnen würden. Und das gilt natürlich auch für die menschliche Schaffenskraft. Denken wir nur an die Tempelanlage Angkor Wat in Kambodscha als Ganzes und die Ästhetik der Ornamentik dortiger Steinwände. Wer würde hier nicht das Attribut schön verwenden?

Mein gedankliches Ziel folgt jedoch der Frage nach einem Begriff, der die Idee von Moral sowie der Verantwortung im Umgang mit den Dingen der Welt für die Dinge der Welt als Attribut für Schönheit selbst verwendet.

Kann es nicht sein, dass Ästhetik und damit Schönheit nicht zwingend an der damit verbundenen Leistung, an dem Aufwand der Beschaffenheit und dem Materialeinsatz bzw. der Knappheit ihres Auftretens hängt, sondern ihren besonderen Wert durch eine Haltung der Welt gegenüber erhält sowie den damit verbundenen sozialen Wert; zum Beispiel durch Vermeidung von Schaden welcher Art auch immer.

Der japanische [2] Begriff Wabi Sabi ist vielen bekannt. Dieses Konzept beschreibt die Wahrnehmung von Schönheit, bietet jedoch keine eindeutige Definition dafür.

Der Begriff Wabi bezieht sich ursprünglich auf die Isolation menschlicher Existenz, auf die Tatsache, dass wir alleine sind und die Welt nur durch die Suche nach einem Sinn mit Bedeutung füllen können.

Der Begriff Sabi bezieht sich auf die Zeit die vergeht und allem im Verlauf dieser Zeit ihren Platz zuweist und damit auch die Vergänglichkeit von allem erfahrbar macht. Im Japanischen steht dies für Patina, für die Ursprünglichkeit dessen, was sich verändert, wenn es der Veränderung überlassen wird.

Wenn wir diesen Gedanken in einer grösseren Perspektive weiterdenken wollen und das vorab genannte Beispiel eines Stuhls bemühen, dann kann man sich den Stuhl mit anderen Stühlen vorstellen, die um einen Tisch angeordnet sind.

Was aber ist und bedeutet dieser Tisch mit den darum herum stehenden Stühlen in Bezug auf die Frage nach Ästhetik und Schönheit?

Kann es sein, dass dieser Tisch seine Schönheit nur durch den damit verbundenen sozialen Wert seiner Anwendung erhält, da jede Nichtnutzung auch die Wahrnehmung des Tisches und seiner Stühle sinnlos erscheinen lässt?

Was aber wäre dann dieser Tisch, was wären die Stühle?

Welche Form einer Tasse genügt, um daraus Tee zu trinken und zu geniessen?

Für alle die gerne weiterlesen: SCHÖNHEIT_2 [zahlen]

© Carl Frech, 2021

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SCHÖNHEIT_2 [zahlen]

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