9C [HYPERTRENDS?]

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Ja, es ist ein wenig verrückt. Ich verfolge seit knapp 30 Jahren die gleichen Trends. Mir hat es geholfen.

Der nachfolgende Text ist eine grundlegende Position meiner Arbeit der vergangenen 30 Jahre. Er basiert auf einer Hypothese, welche ich 1998 im Zusammenhang unterschiedlicher Projekte und Überlegungen formulierte. Das Ziel war, eine langfristige Position und damit auch eine langfristige Prospektion nachvollziehbar und damit immer wieder überprüfbar zu machen.

Dabei ging es um die Grundfrage, ob es Hypertrends gibt, welche unsere makro- und mikrokosmische Zukunft grundsätzlich dominieren werden und auf deren Basis gesellschaftliche und damit auch kulturelle, wie ökonomische und damit auch technische Veränderungen in ihrer inhärenten Logik erklärbar werden. 

Es war das darüber hinaus gehende Ziel, die kontextuellen wie auch die kausalen Wirkungen als eine Art Plausibilitätsfilter für dann konkrete Entwicklungen in der Gegenwart nutzen zu können. Mit einfacheren Worten: Wenn wir die langfristigen Perspektiven als eine Form der Vision verstehen, dann ist es vermutlich einfacher, die jeweiligen Veränderungen auf allen Ebenen der globalen Entwicklung besser nachvollziehen zu können.

Es ist natürlich klar, dass dieser Anspruch nie einlösbar sein kann. Einfach schon darum, da die Notwendigkeit zu dem dafür relevanten Detailwissen nie so umfassend möglich sein wird.

Jedoch bin ich davon überzeugt, dass eine Vision und die darauf aufbauenden Prognosen immer mit der Freiheit des Allgemeinen arbeiten dürfen, sogar müssen, da sie nur aus dieser Betrachtungsperspektive den Blick sehr prospektiv und langfristig ausrichten können. 

Die damals formulierten und hier vorgestellten Hypothesen umfassen daher ein generelles Spektrum dessen, was aus meiner Perspektive immer die Inklusion zum Vorbild haben sollte und damit den Einschluss des Menschen als zentrale Instanz der Beurteilung. Wer sonst sollte das leisten können? 

Ich habe mich im Jahr der Definition der nachfolgenden neun Hypothesen [9C] im Jahr 1998, dazu entschlossen, dass diese in ihrer Formulierung nie verändert werden sollen. 

COMMUNITY

Die Idee einer Gemeinschaft hat sich mit der Popularisierung von Onlinemedien radikal verändert. Gruppen bilden sich frei und themenorientiert ohne die Notwendigkeit lokaler Präsenz.

Damit verbunden sind eine gewisse Entkörperlichung sowie die Externalisierung individueller und persönlicher Themenbereiche (z.B. Planung, Organisation, Navigation, Dokumentation, Transaktion, Präsentation und viele Bereiche der Sozialisation).

Auf kommerzieller Ebene werden Communities als hochpotenzieller Faktor für das Marketing erkannt (Vertrauensbildung vergleichbarer Zielgruppen als Cross-, Up- und Down-Selling-Strategie). 

Wie oben beschrieben (s.a. Ergebnispartnerschaft), entwickeln sich dabei offene und verdeckte [Profilnutzung] Beziehungen zwischen Produzent, Distributor und dem Anwender (User = Menschen) bei der Entwicklung und Reformation von Produkten und Services.

COMPONENTS

Der modulare Ansatz von Komponenten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zuerst auf der industriellen Ebene der Produktion, als die Effizienz stärkendes Mittel, und heute als Mittel zur Entwicklung neuer Produktkategorien herausgebildet.

Produkte und (digitale) Dienstleistungen werden dabei in funktionale bzw. relationale Elemente und Aspekte zerlegt, die für individualisierbare bzw. situativ und temporär variable Systeme konfiguriert werden können. Die Logik der Benutzung und damit der konkrete Bedarf führen zu neuen, wirtschaftlich verwertbaren Produktansätzen.

Damit sind de facto Produkte im technischen Sinne gemeint, aber auch Dienstleistungsangebote, die durch eine Problemlösungssicht konfigurativ entstehen.

COMPLEMENTARY

Die Dimension globaler wirtschaftlicher Logik [x] dynamisiert nicht nur die Produktivität und Produktvielfalt, sie führt auch zu neuen kollaborativen [x] und vertriebsorientierten Strategien [x] der Unternehmen und Institutionen. 

Auch hier führt der Fokus auf lokale, individuelle Anforderungen zu neuen Produktkombinationen (im Bereich der Luxussegmente ist dieser Trend seit vielen Jahren deutlich); globale Produktivität und Logistik sowie neue digitale, onlinebasierte Mittel unterstützen diesen Trend exponentiell.

Der Ansatz von Bundles über Produktergänzungen und -erweiterungen, komplett ausgerichtet auf lokale Notwendigkeit, wird wirtschaftlich realisiert. Es geht neben der konkreten Kombinatorik immer auch um den image- und damit identifikationsstiftenden Transfer der neuen Angebote. 

Die Fragen sind: Wie werden Produkte in einer neuen (überwiegend digitalen) Realität kombiniert? Welche neuen Kontexte und Qualitäten entstehen und wie sehen diese individuellen und modularen Produkte bzw. Service-Channels aus?

CONNECTIVITY

Aus der rein technischen Perspektive führen neue internationale Standards zu höherer Konnektivität bei elektronischen Medien in privaten Lebensräumen, im öffentlichen Raum (z.B. Mobilität) wie auch in professionellen, nicht öffentlichen (Arbeits-) Bereichen. Dabei werden (digitale) Produkte in skalierbaren Umgebungen verbunden. Die Reaktion auf Nutzungs-(=bzw. Nutzer-)verhalten bzw. oder -aktionen (= Profil) steuert das (Produkt-) Angebot (wobei die Verwandtschaft der Komponenten [s. a. COMPONENTS] die Intensität der Verbindung definiert).

COLLABORATION

Neue digitale Medien entwickeln für alle Bereiche menschlichen Lebens und Wirkens neue Methoden und Werkzeuge für kollaboratives Arbeiten sowie zur Pflege sozialer Kontakte. Der Aufbau themen- bzw. projektorientierter Netzwerke ist dabei der Kernansatz, wobei auch hier die Modularität [x] der Anwendungen und die Skalierung auf den jeweiligen situativen Bedarf (z.B. als mobile Variante) das wesentliche Qualitäts- und Erfolgsmerkmal ausmacht.

COMMERCE

Die kommerzielle Welt ändert sich dramatisch. Effekte der Globalisierung [x] [x] spielen hier eine ebenso grosse Rolle wie neue digitale Methoden für die Produktpräsentation bzw. -konfiguration (s. a. COMPLEMENTARY), den Transfer (Bezahlung und Logistik) und die Integration in Lebens- und Arbeitsbereiche. Es entstehen permaaktive digitale Environments mit dem Ziel maximaler Individualisierbarkeit des Angebots. 

Location- und Time-basierte Angebote werden zu Eventive-Commerce. Exploration soll zu einem Erlebnis (Experience) und damit zu einem Unterscheidungsmerkmal werden. Auch hier spielen Kombinationsangebote unterschiedlicher Produkte und Dienstleistungen (Bundles) sowie der Image- bzw. Markentransfer für individuelle Angebote die zentrale Rolle.

CONTENT

Die Externalisierung (in digitale, permaaktive Environments) vieler Themen menschlichen Lebens und Arbeitens ist eng mit zunehmender Entmaterialisierung klassischer Medienprodukte verbunden. Themen der Information, Kommunikation und Dokumentation ändern sich rapide. 

Inhalte bekommen durch eine Demokratisierung der Autorenschaft eine neue Bedeutung (Knowledge Capital wird in vielen Bereichen zur eigenständigen Produktleistung; ganze Dienstleistungsbranchen entstehen neu). Ein wesentlicher Faktor ist die Skalierbarkeit von Inhalten nach einzelnen Medien bzw. situativ, temporär und lokationsorientiert. Inhalt wird modularisiert, die Inhaltsfragmente werden Teil der digitalen Environments der Anwender (aus Bookmarks [x] werden Patchmarks). Diese Entwicklung durchzieht sowohl private und soziale Themen als auch alle professionellen Bereiche.

CREATION

Der kreative Prozess ist heute nahezu vollständig digitalisiert.

Alle Phasen kreativer Entwicklung können in einer synthetischen, simulierten Version vorweggenommen werden bzw. der resultierende Output ist selbst digital. Methoden, Variabilität und Optionen ändern sich bzw. werden dynamisiert (Vielfalt steigt exponentiell an). 

Wichtig ist hier die Bedeutung der Human Factors als zentrale Einflussgrösse für die Entwicklung neuer Produkte und Services (weit mehr als das Thema Ergonomie umfasst der Begriff Human Factors den Menschen als soziales, sensuelles und kommunikatives Wesen). 

Der Mensch rückt nicht nur in den Fokus, er wird zunehmend zum Ausgangspunkt kreativer Entwicklung und bleibt permanenter Prozessbegleiter. 

Design wird in diesem Zusammenhang konfigurativ [x] und relativ zum individuellen Bedarf (Individualisierbarkeit aus qualifizierter Auswahl). Design wird zum temporären, lokalen (Zwischen-) Produkt ,auch als Dienstleistung. Varianten werden zur Produktleistung erhoben.

CULTURE

Der Kulturbegriff ändert sich zum globalisierten Substrat tradierter, lokaler Themen (z.B. Religion, Spielen, Reisen, Geselligkeit, Lernen etc.) und multipliziert sich gleichzeitig in fraktalen Varianten (in den achtziger Jahren zählte man zwei bis drei typische Jugendkulturen in Deutschland, aktuell werden ca. 200 Ausprägungen von Jugendkultur gezählt [Institut für Jugendkultur, Frankfurt a. M.]). 

In diesem Spannungsfeld zwischen globalen kulturellen Patterns und dem lokalen, menschlichen Bedürfnis nach individueller, Identität stiftender Präsenz spielen digitale Environments eine besondere Rolle. 

Als treibende Kraft einer globalen Kultursymbolik sind sie gleichzeitig Botschafter regionaler Unterschiede ebenso wie von Individualität und Abgrenzung. Das Bedürfnis von Menschen nach Beteiligung, nach sozialer Zugehörigkeit, ist dabei die Ressource für neue Produkte und Dienstleistungen.

Es geht um die Lebensräume von Menschen in der jeweiligen kulturellen Region, es geht darum zu verstehen, wie Menschen leben, arbeiten, lachen, träumen und was sie tun.

In einer extremen und provokativen Verkürzung könnte man sagen:

01 Menschen werden zum zentralen Impuls- und Themengeber.

02 Digitalisierung wird zur globalen Metasphäre (Parallelität).

03 Konfiguration wird zur Produktionsmethode.

04 Produkte werden individuelle Zwischenergebnisse.

05 Kultur wird kommerzielles Substrat menschlicher Bedürfnisse.


Wer doch lieber auf Papier lesen möchte, findet hier das PDF.


© Carl Frech, 1996

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