KONTRAFAKTIZITÄT

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Wir glauben ja gerne, wir könnten uns auf das verlassen, was wir sehen. Und plötzlich soll alles falsch sein?

Es wäre so einfach, den Begriff der Kontrafaktizität [x] zügig abzuarbeiten, in dem man behaupten würde, es wäre eine Auseinandersetzung mit dem, was man schlicht als falsch bezeichnen könne. Der Begriff bedeutet in seiner einfachen Form gegen die Fakten, was leicht dazu verführt, es gäbe das einzig Wahre und damit das Richtige.

Doch allein schon ein Moment der Betrachtung dieser beiden Begriffe, das Wahre und das Richtige, offenbaren ein erstes Dilemma. In der Subjektivität der eigenen Wahrnehmung kann man natürlich leicht behaupten, dieser Teil der eigenen Geschichte wäre wahr und damit so geschehen. Auf der anderen Seite verbringen wir in der Analyse unseres eigenen Lebens viel Zeit mit der Frage: Aber war das auch das Richtige? 

Von dieser Frage zu jener, die sich mit einer Alternative oder gar mit einer Vielzahl weiterer Möglichkeiten beschäftigt, ist es nur ein sehr kleiner Schritt. Es sind im Rückblick oft die Varianten dessen, was man selbst bewusst entschieden hat oder was einem das Leben zu gespielt hat, ausschlaggebend für das grosse Narrativ der eigenen Identität:

Ich bin der, der ich bin, weil es war, wie es war.

Gleichzeitig treten rückblickend verpasste Optionen zutage, die – und darum geht es hier – eine bedeutende Funktion für die Interpretation der eigenen Gegenwart und der darauf aufbauenden Zukunft haben bzw. gehabt hätten.

Unser Bewusstsein, also der Teil unserer kognitiven Existenz, der uns die Kontrolle über das eigene Leben versichern will, stellt gerne eine Frage, ohne die unsere Gegenwart scheinbar instabil werden könnte:

Was wäre geworden, wenn es anders gewesen wäre? 

Wir springen an dem Punkt mal für einen Moment zu einer wichtigen Strömung in der Philosophie des 20.-Jahrhunderts.

Der Konstruktivismus beschäftigt sich im Kern mit der Frage nach einer verbindlichen Realität, also einem Zustand, den man nicht verhandeln muss, sondern der tatsächlich so für alle gleich wäre und beantwortet dies sofort mit der Hypothese [des Konstruktivismus], dass dies nicht existieren könne, da jedes bewusst agierende Individuum mit seiner eigenen [historischen] Perspektive eine jeweils andere und damit eine eigene Realität wahrnimmt (bzw. diese anders wahrgenommen hat). 

Einfacher ausgedrückt wird damit statuiert, die Gegenwart jedes Menschen unterliegt permanent einem Prozess der Verhandlung mit seiner direkten oder auch indirekten Umgebung. Diese Interaktion mit der Welt hat das Ziel, einen Konsens darüber herauszuarbeiten, den man für sich als akzeptabel oder idealerweise als förderlich bezeichnen würde. 

Noch verkürzter und radikaler ausgedrückt ist die Zukunft ein kaltes, unbelebtes und dunkles Nichts. Es gibt im Prinzip keinen Grund, Vertrauen auf der Basis der Vergangenheit zu entwickeln, da immer alles möglich ist. Es gibt keine absolute Sicherheit. Die Gegenwart ist wie eine Art Mühlstein des Augenblicks. Der Augenblick selbst scheint dabei ein nicht bestimmbarer Zeitraum zu sein. In der Neurowissenschaft [x] gibt es wiederum Messungen, die hirnphysiologisch die Spanne der Aufmerksamkeit auf ca. 2,6 Sekunden im Mittel festschreibt und damit den Augenblick zeitlich eingrenzen will.
Georg W. Bertram von der Freien Universität Berlin, der im Bereich Ästhetik, Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie forscht und lehrt, hat den Augenblick als eine Erfahrung bezeichnet, die ein ästhetisches Moment aufweist.

Ich würde Bertram in Hinblick der darin verflochtenen Hoffnung auf ein ästhetisches Moment widersprechen und mich auf die Seite der Vertreter des Konstruktivismus schlagen. 

Meine Beschreibung eines Augenblicks würde ich eher so formulieren:

Die Gegenwart bildet den Konsens mit der erreichbaren Umwelt und schafft dadurch die Sicherheit für exakt diesen Moment.

Die Vergangenheit wird zu dem Untergrund, der über die Lebenszeit sicher auch mit der Gewohnheit vergleichbar ist und damit vermutlich auch eine Form der Souveränität schafft, die wiederum die Bildung von Konsens im Verlauf der Zeit erleichtert. Einfach darum, da genügend Erfahrungen gesammelt wurden, die sofort in einer einzelnen Situation aus- oder einsortiert werden können. 

Man kann diesen Prozess auch als einen intersubjektiven Vorgang bezeichnen. Was ist das? Der Begriff verbindet die individuelle, die subjektive Perspektive mit dem, was eine Gruppe [inter-] gemeinsam so wahrnehmen bzw. so beschreiben würde. Die meisten Menschen würden vermutlich vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung gemeinsam erklären, ein Ball wäre ein schönes und freudebringendes Spielzeug. Manche Menschen, wenn sie mit einem Ball eine schmerzliche Erfahrung gemacht haben, würden dem vermutlich nicht zustimmen.

Viele Menschen würden möglicherweise darin übereinstimmen, dass Eiscreme gut schmeckt. Nicht zuletzt durch die gustatorische Erfahrung mit der Muttermilch, die sie, wenn sie diese bekamen, als Säugling tranken. Und es gibt natürlich auch Menschen, die dem aus den unterschiedlichen Gründen nicht zustimmen würden. 

Die Intersubjektivität grenzt sich jedoch auch gegenüber unumstösslichen, objektiven Fakten ab. Man kann hier mathematische Formeln nennen oder die Gesetze der Schwerkraft, aber selbst hier gibt es naturwissenschaftliche Phänomene, die auch in diesen Bereichen die absolute Sicherheit infrage stellen. 

Pierre Simon Laplace, französischer Mathematiker, stellte im 18.-Jahrhundert die These auf, dass es, würde man in der Lage sein, alle Naturgesetze in einem Gleichungssystem zu vereinigen, möglich wäre (sein müsste), jeden Zustand der Zukunft zu berechnen. Es ist natürlich klar, dass dies verrückt klingt. Aber Menschen glauben auch an ein Leben nach dem Tod oder daran, dass man schon öfter auf dieser Welt gelebt hätte. 

Die Weltformel von Laplace stösst logischerweise in der Wissenschaft an viele Grenzen. Es ist ein Konsens der Relativitätstheorie, nichts könne schneller sein als das Licht.
Damit entstünde aber eine Art Grenze, eben jenseits dessen, was man in Bezug auf das ganze Universum erfassen könnte. So gesehen gäbe es immer einen zeitlichen Verzug, der in sich in der Folge so stark akkumuliert, dass ein geschlossenes Wissen zu jeder Zeit nicht möglich wäre. 

Auch in der Chaosforschung gibt es ähnliche Theorien. Wäre es möglich, die Bedingungen für den Anfang des gesamten Universums festzulegen, so wäre das exponentielle Wachstum der Folgeinformationen so hoch, dass die Berechnung der Zukunft mindestens so lange dauern würde, wie das Universum benötigt, um den Zustand einzunehmen. Seine Vorhersage, als eine vom System entkoppelte Aussage, käme also zu spät.

Zurück auf die Erde und in die kleine Welt jedes Einzelnen. Die eigene Vergangenheit wird durch diesen Prozess der Konsensbildung in der Gegenwart immer und permanent einer Prüfung unterworfen, eben verbunden mit der Frage, ob die eigenen Wahrnehmung zutreffen kann oder man mit dieser alleine wäre. Was man in der extremsten Form der Perspektive ja auch ist.

Je länger dieser Vorgang in der Zeit zurückliegt, treten zwei Phänomene gleichzeitig auf. Zum einen mutiert die Interpretation des Gewesenen durch seinen stabilen Bestand (ich erinnere es so, wie ich es schon einmal erinnert habe) zur Realität, zum anderen sediert exakt dieser Vorgang zu einer Art Verdichtung des eigenen Lebens. Dieser Vorgang wird auch die Realität unserer Zukunft sein, warum wir exakt diesen Prozess auch für die Deutung derselben nutzen (können).

Man könnte auch sagen, je länger etwas in unserem Leben zurückliegt, desto unflexibler und damit dichter wird der Aggregatzustand der eigenen Vergangenheit

Wie in der Geologie könnten wir von den Ablagerungen unserer Existenz sprechen, die im Verlauf unseres Lebens zu einer immer höheren Verdichtung führen und schliesslich zur unumstösslichen Wahrheit werden. Man könnte auch sagen, dass wir uns unsere Vergangenheit nur logarithmisch erinnern können. Ausser es gab Momente, die sich so intensiv eingeprägt haben, dass sie wie eine Art Einbrennlackierung in unserem Gehirn abrufbar sind.

Die Ablagerungen unserer Existenz entsteht durch die Zeit der erlebten Erfahrungen. Dies führt im Verlauf unseres Lebens zu einer immer höheren Verdichtung und wird schliesslich in unserer Wahrnehmung zur unumstösslichen Wahrheit.

Diese Unterscheidung zur Gewohnheit und damit die vermeintliche Wahrheit dessen, was man als Wahrheit definieren würde, ist eine wichtige Position für das Folgende.

Bazon Brock schreibt dazu in seinem Buch Lustmarsch durchs Theoriegebäude (2008):

Die eignen [kulturell-religiösen] Gewissheiten auch nur in Frage zu stellen, käme der Bereitschaft gleich, sich selbst aufzugeben. Um das zu verhindern, unterwerfen alle Kulturen und Religionsgemeinschaften ihre Mitglieder der Normativität des Kontrafaktischen, also der verbindlichen Durchsetzung der Selbstgewißheiten gerade, weil sie nicht mit denen anderer übereinstimmen.

Bazon Brock

Wenn man diesen Gedanken von Bazon Brock folgen will, dann rückt die soziale Wirkmächtigkeit einer gemeinsamen Identität und damit auch einer gemeinsamen Kultur in den Mittelpunkt der Kontrafaktizität. 

Es geht also weniger um die Klärung der Fakten, sondern die Unterschiedlichkeit der Fakten werden zum Identität stiftenden Vehikel gesellschaftlicher Gruppen. 

Natürlich bleibt das seriöse Potenzial einer kontrafaktischen Frage, wie sie immer in Relation zur Vergangenheit gestellt werden kann.

Was wäre aus Europa geworden, wenn eines der Attentate auf Adolf Hitler geklappt hätte? Wie hätte sich die Kunst ohne Picasso entwickelt?
Aber auch in der kleineren Dimension des Individuellen: Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich diesen wunderbaren Menschen nicht zufällig getroffen hätte? Was wäre mir heute passiert, wenn ich nicht diese Strasse hätte nehmen müssen, nachdem mein gewohnter Weg wegen einer Sperrung nicht möglich war?

Wie schon weiter oben geschrieben, ist die Kontrafaktizität ein normaler Abgleich mit der jeweiligen Gegenwart. Die Grenzen treten dort auf, wo sie von der Unmöglichkeit verschattet werden. 

Die Frage nach der eigenen Existenz wird dann mindestens extrem relativ, wenn man fragt, was aus einem selbst geworden wäre, wenn die eigene Mutter einen anderen Mann kennengelernt und geliebt hätte. 

Jostein Gaarder geht in seinem Buch Sofies Welt gar der These nach, ob das eigene Leben (jetzt) möglich gewesen wäre, hätte sich auch nur ein Paar, in der absoluten Geschichte aller davor lebenden Generationen, gegen ihre Kinder entschieden.
Die Poesie dieses Gedankens spielt jedoch auf schöne Weise mit dem Prinzip der Vererbung von Erfahrungen, von dem, was wir als Archetyp bezeichnen würden. 

Aber zurück und zum Abschluss noch ein weiterer Gedanke zum taktischen Einsatz des Kontrafaktischen.
Im August 2016 hat die damalige Beraterin des (ehemaligen) US-Präsidenten Donald Trump, Kellyanne Conway, den Begriff der Alternativen Fakten (alternative facts) der globalen Welt als Denk- und Handlungsoption angeboten. Natürlich war das nicht neu.
Es war allerdings zum ersten Mal in der medialen Durchdringung ein Teil der öffentlichen Wahrnehmung und schafft sich seither einen erstaunlichen Raum in der globalen Meinungslandschaft. Plötzlich schien es zertifiziert, dass es eben auch ganz anders sein kann. Egal was die anderen sagen und glauben. Verrückt!

© Carl Frech, 2020

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