EINFLUSSFAKTOREN

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Alles, was wir entscheiden, entscheiden wir immer im Umfeld dessen, was uns dazu beeinflusst hat.

Der Begriff Einflussfaktoren (nicht zu verwechseln mit dem Begriff Impact Factor, IF) hat sicher viele mögliche Bedeutungen. Er spielt unter der zentralen Betrachtung des Begriffes der Systemik jedoch eine hervorgehobene Rolle, die hier ein wenig vertieft werden soll.

Ich gehe von der Hypothese aus, dass jede Form der Akzeptanz, die Menschen für eine Sache mehr oder weniger aufbringen, generell und dies ist ausdrücklich umfassend gemeint, ein Ergebnis rationaler bzw. reflexiversowie intuitiver bzw. instinktiver Faktoren ist, welche jedes Individuum zwangsläufig durch die Summe der Wahrnehmungen seiner individuellen Existenz permanent ausgesetzt ist. 

Ich spreche hier von Wahrnehmung durch die individuelle Existenz und nicht von einer davon ablösbaren Realität als eine Art [externalisierbares] Gehege für das eigene Sein im kollektiven Sinn und damit einer Interpretation. 

Ich gehe also davon aus, und halte es mit der Grundüberzeugung des Konstruktivismus, [x] dass Realität nie ein Solitär darstellen kann, das so und damit eindeutig für alle Menschen wirkt, sondern immer, mindestens aber in Nuancen (Abweichungen) absolut und damit eigenständig wahrgenommen wird.

Nun ist es natürlich auch eine Form der sozialen alltäglichen Wirklichkeit, dass, wären die Unterschiede der Wahrnehmung graduell sehr gross, keine soziale Bewegung, keine gemeinsame Gesinnung oder Ideologie, [x] kein Trend, keine gesellschaftlichen Rituale, keine Moden und damit auch kollektiven Verhaltensweisen entstehen können. 

Daher sind die hier genannten Einflussfaktoren mehr oder minder mächtig im Zusammenspiel der Wirksamkeit auf ein Individuum oder die Komplexität der globalen Gesellschaft. Letztlich bin ich aber davon überzeugt, dass jede menschliche Handlung eingewoben ist in die individuelle Hyperrealität jeweils eines Individuum. 

Es hat zwar in einem holistischenSinne unendliche Ähnlichkeiten, vor allem kulturelle und ritualisierte Muster, unterscheidet sich aber immer von der jeweils anderen Person, so nah man dieser auch sozial stehen mag. 

Der Ansatz des Holismus (wie schon an anderer Stelle angesprochen), wird in Teilen bzw. in ähnlicher Form von der Ontologie vertreten. Dabei kann die Sinn stiftende Essenz der Ontologie mit der Frage nach dem Sein beschrieben werden. Letztlich geht es um die Frage nach der Existenz von allem und damit auch um die Fragen nach dem Anfang und dem Ende. Dies umfasst natürlich auch die Frage nach dem Davor und dem Danach (und – nehmen wir das alles möglich machende Phänomen der Zeit dazu – damit auch die Frage, ob es etwas vor dem Anfang gegeben hat bzw. nach dem Ende geben kann). 

Selbstverständlich sind dies, rein rational betrachtet, keine ziel- und nutzbringenden Fragen, ausser der, dass Menschen sich diese Frage einfach stellen und ohne diese spirituellen, metaphysischen und damit auch religiösen Perspektiven schlicht nicht die Kulturwesen wären, die wir geworden sind. 

Diese Feststellung ist an dieser Stelle wichtig, da ich davon ausgehe, dass immer multikausale Faktoren in jedem Augenblick die Basis für eine menschliche Entscheidung darstellen. Das gilt für die Entscheidung, ob man den Rest auf dem Teller aufisst, welcher vor einem steht oder eben schon satt ist. Dies gilt auch für den (spekulativ) kurzen Augenblick vor dem eigenen Tod und der Frage, ob man seinen Geliebten noch ein lange gehütetes Geheimnis erzählen soll. 

Menschen sind, und dies ist die Grundannahme, immer im Spannungsfeld komplexer Varianten ihres eigenen Lebens. Die Frage nach dem freien Willen ist daher eine grundsätzliche, die heute in Teilen aber noch lange nicht abschliessend beantwortet werden kann. Die Neuroinformatik (ein kombinierendes Fachgebiet zwischen der KI, Künstliche Intelligenz und der Kognitionswissenschaft und Neurobiologie) versucht dieser Frage soweit näher zu kommen, als dass sie die unterschiedlichen Hirnareale in Bezug der Relevanz auf unser fluides Bewusstsein untersucht. 

Eine Erkenntnis in diesem Bereich wäre einfacher möglich, wenn das menschliche Gehirn nicht als Hyperstruktur mit vielen Billionen Möglichkeiten der Kombination und Interpretation angelegt wäre. Was man heute relativ sicher sagen kann (wissend, dass Wissenschaft davon ihren Sinn erfährt, sich permanent zu widerlegen), ist, dass es komplexe Vorgänge in unserem Gehirn gibt, speziell in den ältesten Hirnarealen (zum Beispiel den Basalganglien, direkt über dem Rückenmark) die einen guten Teil des sogenannten freien Willen ausmachen. 

Sie sind das, was sich dann bei dem vorderen Cortex (den Frontallappen, immerhin ca. 30 Prozent unseres Gehirns) als der ICH-Anteil einer Entscheidung abbildet. Allerdings bleibt unklar, ob die eigentliche Entscheidung in dem Augenblick in unserem Gehirn nicht schon getroffen wurde und wir nur als eine Art Marionette unseres eigenen Selbst in dem Glauben gelassen werden, wir wären es gewesen. 

Diese Frage wird auch an anderen Stellen immer wieder auftauchen. Hier soll sie einfach den unterschiedlichen Perspektiven gegenüber gestellt werden. Ich sprach auch über die Varianten dessen, was Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu einer finalen Entscheidung bringen. Wie das auch immer passiert. Der Begriff der Varianten ist ein spannender, da er immer zwei Mitspieler braucht, um überhaupt erst möglich zu werden.

Jede Variante basiert auf einer Konstante und einer Variablen. Erst mit diesen beiden Zutaten wird sie zu einer Variante. Dies lässt sich an unendlich vielen Beispiel deutlich machen. Nehmen wir eines davon. Wenn ich einen Kuchen backen möchte, dann brauche ich in jedem Fall eine Idee von einem Teig

Um einen Teig machen zu können, brauche ich immer Mehl bzw. eine mehlähnliche Zutat und eine Flüssigkeit wie Wasser oder Milch. Durch die Einwirkung von Energie, also zum Beispiel dem kräftigen und ausdauernden Rühren, wird dadurch im Laufe der Zeit ein Teig. Leichter geht es mit einem Bindemittels (wie zum Beispiel Eier oder Hefe). Dadurch kann der Prozess beschleunigt werden (die Konsistenz des Teiges und sein Geschmack verändert sich dadurch). 

Es wird damit deutlich, was in jedem Fall nötig ist (bzw. welche Kompetenz vorhanden sein muss), um die Basis für einen Kuchen zu leisten. Damit ist der Teig die Konstante (lassen wir die Hintergründe beiseite, auf welchem komplexen Weg Mehl überhaupt erst möglich wird). 

Alles was auf dieser Konstante basiert und am Ende zu einer Vielzahl von unterschiedlichen Ausprägungen eines Kuchen werden kann (die Varianten), basiert wiederum auf den Variablen dessen, was dazu kommt, was mit diesem Teig (der Konstanten) verbunden wird (auch hier wollen wir uns nicht mit den physikalischen Faktoren wie der Hitze beim Backen, der Raumtemperatur bei der Zubereitung oder weiterer klimatischer Bedingungen beschäftigen). Klar soll nur das Folgende werden: jede Veränderung basiert auf der Grundlage dessen, was als Basis (dem Teig) vorliegt.

Übertragen auf den Begriff Veränderung generell, kann man auch sagen, dass jede Innovation in dem Zusammenhang aufbauender Natur ist, da auch sie auf einer Konstante basiert und über Variablen zu Varianten wird. Grundsätzliche Innovationen wären, aus dieser Perspektive, streng genommen ausgeschlossen.

Ein wichtiger Vertreter und Vordenker, wenn auch in dem eher eingrenzenden Bereich der Gestaltung, war Jacques Bertin, der als Kartograph das Prinzip der Konstanten + Variablen = Varianten zu einer Grundmaxime der darstellenden Erdvermessung erklärte und in vielen seiner Schriften erläuterte. 

Er legte damit die Grundlage zu der Programmatik in der Gestaltung (oder auch Programmierte Gestaltung bzw. heute, mit digitalen Medien, auch Generative Gestaltung [Buchtipp] genannt) und nahm damit im Kern bereits wesentliche Aspekte digitaler Medienkultur bzw. deren zugrunde liegende Algorithmik in der Theorie vorweg.
Heutige Standards in der visuellen Praxis, zum Beispiel bei der Darstellung von Statistik, der Meteorologie oder der Medizin wären ohne seine grundlegenden Arbeiten nur bedingt vorstellbar.
Er war damit in der historischen Tradition von Gerhard Mercator, aber auch von Otto Neurath (der ab dem Jahr 1925 unter dem Begriff Isotype [davor Wiener Methode der Bildstatistik genannt] ein visuelles System entwickelt hat, das zu einer Grundlage heutiger visuellen Kommunikation wurde). Alle drei haben in ihrer jeweiligen Zeit die Grundlagen zu unseren aktuellen Sehgewohnheiten gelegt.

Blicken wir noch einen Augenblick auf die Ontologie. Sie beschäftigt sich mit einer Vielzahl grundlegender Fragen wie:

– die Frage nach der Existenz, die als Merkmal jedem Seienden
zukommt oder als
Sein an sich befragt wird.

– das Problem der Totalität, der Einheit in der Vielheit, des
(
kausalen) Zusammenhangs komplexer Entitäten.

– die Unterscheidung von Dingen, Konstrukten, Prozessen,
Zuständen und Ereignissen.     

– die dynamische Entwicklung von materiellen Systemen,
verbunden mit der Dualität von Sein und Werden.

– die numerische Gleichheit oder Verschiedenheit, das Problem
der
Individuation.

– die Frage nach den Beziehungen oder Relationen oder
strukturellen Zusammenhängen.

– das Problem der Identität oder der Fortdauer und Veränderung über die Zeit hinweg.

– das Thema der qualitativen Gleichheit und Verschiedenheit,
die Frage nach dem Allgemeinen oder Besonderen, das auch als
Universalienproblem bekannt ist.

Sicher lassen sich hier gemeinsame Muster erkennen. Man könnte die verbindende Frage vielleicht so formulieren: Gibt es innewohnende Zusammenhänge, warum etwas zu dem wird, was es schliesslich ist und wie kommt es dazu?

Ein relevanter Vertreter in diesem Denkgebäude war Niklas Luhmann, der hier ein wenig näher betrachtet und damit auch die Basis für die folgenden Inhalte und Beschreibungen bieten soll.

Das Werk von Niklas Luhmann, der 1998 starb, umfasst eine Dimension, die wohl erst im Laufe der kommenden Jahre und Jahrzehnte in seiner Bedeutung für das Verständnis gesellschaftlicher Prozesse und deren Potenzial für darauf aufbauende Vorhersagen, verstanden werden wird. 

Die von ihm in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts maßgeblich geprägten Wissenschaftsbereiche der soziologischen Systemtheorie und der Soziokybernetik [x] sind aus verschiedenen Gründen beeindruckend und in Teilen auch heute noch revolutionär. Er hat in seiner Theorie die Grenzen der verschiedenen Betrachtungen und damit die strukturelle Abgrenzung gesellschaftlicher Gruppen infrage gestellt und geht eher von Mustern bzw. Wechselwirkungen aus, die gleichermaßen in Mikro- und Makrostrukturen sozialer Gruppen auftreten und sich im Prinzip nicht unterscheiden. 

Die wesentliche, auch für den hier formulierten Ansatz wichtige Bedeutung ist, dass er in seiner Arbeit von der Kommunikation zwischen Menschen ausgeht bzw. die Kommunikation als elementares Enzym gesellschaftlicher Prozesse beschreibt. Er betrachtet die Kommunikation vornehmlich als Struktur gebendes Element im Zusammenspiel von Menschen, welcher Gruppengrösse auch immer. 

Ludwig Wittgenstein sagt dazu in seinen Philosophischen Untersuchungen (1953 veröffentlicht): Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.

Der theoretischer Ansatz von Niklas Luhmann ist auch ein relevanter Impulsgeber oder besser Impulspartner für den radikalen Konstruktivismus, der an anderer Stelle vertiefend besprochen wird. Hier soll nur hervorgehoben werden, dass bei diesem Ansatz die singuläre und mit einem Wahrheitsbegriff verbundene Realität nicht möglich ist. 

Vielmehr geht der radikale Konstruktivismus davon aus, dass jede menschliche Wahrnehmung individuell und nicht direkt vergleichbar mit der einer anderen ist. Letztlich löst die Theorie die Existenz einer Realität vollkommen auf und ersetzt diese mit der permanenten Kommunikation zwischen Menschen, sich auf eine gemeinsame Sichtweise für das jeweils Betrachtete zu einigen. 

Im Grunde geht es um die permanente Bildung von Konsens in der jeweiligen Gegenwart, also dem Augenblick im sozialen Miteinander. In der radikalen Betrachtung bedeutet dies, dass jede Zukunft grundsätzlich ohne jede Sicherheit und damit auch die Gewährleistung dessen ist, dass sich der Andere (Mensch) weiter so verhalten wird, wie es in diesem Augenblick war bzw. so verhandelt wurde (Konsensbildung). 

Die gemeinsame Vergangenheit ist demnach vor allem ein Konstrukt gebildeter Aspekte von Konsens (zwischen Menschen) und immer abhängig von der Kommunikation zwischen ihren jeweiligen Lebensrealitäten. Wichtig ist noch zu erwähnen, dass dieses Verhandeln zwischen den beiden Parteien (einzelnen Menschen oder Gruppen) als Kopplung beschrieben wird. 

Es geht darum, die individuelle Realität über eine Art gemeinsamen Versionsabgleich zu klären (Bildung von Konsens) und um dadurch die lebensbefähigende Normalität herzustellen, welche in der Konsequenz schliesslich als Erfahrung bezeichnet werden kann, auf die Menschen dann relativ sicher zurückgreifen können. 

Dieser kommunikativ entwickelte Konsens, was sicher den grössten Teil des menschlichen Alltags dominiert, ist letztlich meistens kein bewusster Prozess, sondern eher eine intuitive bzw. instinktive Aktivität. 

Wie gesagt, an anderer Stelle wird der Ansatz des Konstruktivismus näher beschrieben. Hier ist die zügige Betrachtung daher wichtig, da Niklas Luhmann einen prägenden Einfluss hatte und auch selbst sicher wertvolle Erkenntnisse für seine Arbeit daraus zog. Letztlich ist seine Arbeit durchaus auch eine Erweiterung des radikalen Konstruktivismus, da er zentrale Positionen in der Philosophie und Soziologie hinter sich lässt (welche oft in Paradoxien münden). So geht er davon aus, dass eine Handlung niemals eine normierte, rekapitulierende soziale Aktion sein kann, sondern immer eingebunden ist in einen kommunikativen Prozess. 

Gleichzeitig hat er das klassische Subjekt-Objekt-Schema in der Philosophie durch den Begriff System in einer Umwelt ersetzt. Damit wurde das Grundproblem umgangen, das die Trennung zwischen dem individuellen Subjekt, welches im Laufe der Philosophie zunehmend mit der inneren Welt, dem menschlichen Geist und seiner Seele in Verbindung gebracht wurde und der äusseren Welt, gleichbedeutend mit Materie, das Stoffliche, das Objekt (verbunden mit dem Anspruch an das Objektive) statuierte und damit den Anspruch auf die eine Realität festlegen wollte. 

Wenn das Subjekt als das wahrnehmende menschliche Ich von dieser Welt grundsätzlich getrennt ist, kann es diese nicht identisch wahrnehmen, da es sonst diese Trennung nicht gäbe. Letztlich nimmt also jedes Individuum, jeder Mensch die Welt subjektiv wahr und verwertet diese im Sinne seines Dranges nach Überleben bzw. einem individuellen gutem Leben.

Niklas Luhmann überwindet dieses Problem einfach, indem er die Tatsache multipler Realitäten als Substanz von Wahrnehmung im Grundsatz akzeptiert und durch das [volatile] System (eben in der Systemtheorie) in einer [persistenten] Umwelt ersetzt. 

Im Grunde erlöst er das Individuum von dem absoluten Anspruch an eine singuläre Definition der Realität und beschreibt dadurch den systemischen Vorgang der permanenten Klärung zwischen Menschen durch Kommunikation.

Eine zentrale Frage war für Luhmann die Kontroverse zwischen dem Anspruch an Moral und Ethik, als beschreibender Teil eines Gesellschaftsbildes innerhalb der Soziologie und der Abstraktion einer Gesellschaft als funktionales Gebilde. 

Letztlich hat Niklas Luhmann eine wichtige Erkenntnis in seiner theoretischen Arbeit integriert: die Tatsache, dass aus seiner Position eben auch die Vertreter der Theorie und damit die Soziologie selbst Teil der Gesellschaft sind und diese damit auch immer Teil des [prägenden] Diskurses. 

Dadurch spricht die Gesellschaft immer mit, nicht zuletzt, da alle Erkenntnis und jede Form der Beschreibung auf dem basiert, was die Gesellschaft der Wissenschaft als Betrachtungsfeld anbietet. 

Und umgekehrt die Wissenschaft der Gesellschaft Themen und Theorien zum Nachdenken ermöglicht.

Damit hat Niklas Luhmann die zeitliche Gültigkeit dessen, was als gesellschaftliches Modell beschreibbar ist, von dem ultimativen Anspruch an Moral und Ethik dadurch befreit, da er die Abstraktion auf einem höheren Level positionierte, um damit die grundsätzliche (auch zeitliche) Gültigkeit zu erhöhen. 

Wenn der Anspruch nach der einzigen Realität so nicht mehr gegeben ist, kann der gemeinschaftliche Diskurs offener, flexibler und damit konstruktiver geführt werden.

Moral und Ethik sind bei Luhmann nicht aufgehoben, sondern werden auf eine clevere Weise der Gesellschaft zurück gegeben und zum permanenten Betätigungsfeld von Politik, Kultur bzw. allen wirkmächtigen Bereichen des sozialen Miteinanders von Menschen erklärt. 

Durch diese Auslagerung und damit auch die Aufgabe der Deutungshoheit dessen, was eben als das Sinn gebende bezeichnet werden kann, schafft er in seiner Position den Raum und damit die Offenheit, um seinem Ansatz der Systemtheorie eine bis dahin in der Soziologie nicht vorhandene Dimension zu geben. Gerade durch die Akzeptanz der Einbindung der Soziologie in die Gesellschaft konnte er seinen Ansatz stabil beschreiben. 

Die von ihm formulierte Basis der Kommunikation als soziales Enzym und damit als hochdynamischer Prozess, der permanent neu ausgelegt wird und nie zu einem Stillstand kommen kann, beschreibt dadurch ein [hyperkomplexes] System in einer relativ persistenten und damit trägen Umwelt, die jede Definition zu einem Solitär erklären muss, eben weil sich alles immer verändert und jede Position [eines einzelnen Menschen] immer nur eine Perspektive darstellen kann.

Der deutsche Philosoph Hans-Georg Gadamer war vermutlich der einflussreichste Vertreter der philosophischen Hermeneutik im 20. Jahrhundert. Dieser Bereich der Wissenschaft befasst sich mit der Interpretation von Texten bzw. Inhalten und ihrer Symbolik. Damit soll ein tiefgreifendes Verständnis zu grundlegenden Fragen geliefert und der Gesellschaft zum Diskurs angeboten werden. Damit war lange ein gewisser absolutistischer Anspruch für die grundsätzliche Auslegung und damit die interpretierende Erkenntnis verbunden. 

Hans-Georg Gadamer hat dieses Problem vermutlich auch im Diskurs mit Niklas Luhmann erkannt und die Hermeneutik aus dem Absolutismus der finalen Interpretation befreit, indem er den gesellschaftlichen Diskurs als ein nie beendetes Gespräch über die Deutung wichtiger Zeugnisse der geschichtlichen und kulturellen Überlieferungen erklärte (Hans-Georg Gadamer). 

Sein in diesem Zusammenhang einprägsamste Zitat dazu lautet:

Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.

Hans-Georg Gadamer

Niklas Luhmann hat nun mit seiner Arbeit nicht zuletzt eine gedankliche Basis dafür gelegt, wie sich heute die Gesellschaft in der öffentlichen Wahrnehmung immer stärker darstellt: als ein komplexes Konstrukt vielfältiger Teilsysteme, die mit unterschiedlichen zeitlichen Konsistenzen nebeneinander, ineinander und miteinander existieren und wirken. 

Diese Form einer Art Fraktalisierung und Modulierung der modernen gegenwärtigen Gesellschaft ist auch eine gewisse Vorwegnahme unserer von Medien und Digitalisierung geprägten hyperkomplexen, dispersen Wirklichkeit (im Zusammenhang seiner Arbeit spricht man auch von Ausdifferenzierung). 

Man könnte auch sagen, dass die soziale Resolution immer feiner wird und damit fast jedes Individuum heute für sich den Anspruch erhebt, ein eigenes System, eine eigene Position und damit auch eine herausgehobene Relevanz [zu anderen] darzustellen. 

Vor dem Hintergrund heutiger sozialer Medien und dem damit
zelebrierten ICH-Fokus scheint die Sozialtheorie von Niklas Luhmann geradezu harmlos. In den 1960er- und 1970er-Jahren allerdings war sie dadurch ein grosser Schritt, da seine Gedanken in einer Zeit entstanden, als die Gesellschaft noch über relativ klare Strukturen, Hierarchien, Segmente und zeitliche Dimensionen aufgeteilt und gedacht wurde. 

Die übliche Zeitspanne eines menschlichen Lebens, die verfügbaren Ressourcen und die jeweiligen soziokulturellen Gegebenheiten waren überwiegend klar und relativ grossflächig angelegt.
Erst mit den politischen Veränderungen, die in den späten sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ihre Dynamik gewannen, führten dies zu einer immer stärkeren Auflösung sozialer Gruppen in die eben genannten Teilsysteme. 

Luhmann erhebt in dieser Zeit die Kommunikation als das beschreibende und verbindende Element, das im permanenten Austausch auch die Überlebensfähigkeit genau dieser Teilsysteme immer neu justiert. Man könnte auch sagen, dass damit mit dem Terminus der Ökonomie die jeweilige Haltbarkeit des einzelnen Teilsystems ein Ergebnis des ständigen Diskurses (und damit auch der Macht) einzelner sozialen Gruppen ausmacht. 

Ähnlich dem Buch von E. M. Forster, [x] Die Maschine steht still, darf sicher darüber spekuliert werden, ob Niklas Luhmann die Dimension einer Theorie, auch im Verbund mit dem Ansatz des radikalen Konstruktivismus, zu seiner Zeit komplett für unsere heutige Gegenwart erkannt hat. Es wäre zu vermuten, dass er dann durchaus noch radikaler und weit greifender seine Position formuliert hätte. 

Gleichwohl ist die Arbeit von Luhmann auch ein wesentlicher Beitrag im Zusammenhang der Auflösung eines hierarchischen Ansatzes hin zu einem eher heterarchischen System, das die jeweilige Problemlösung im Fokus hat und nicht die Verteidigung vorgegebener vertikaler [Macht] Strukturen. 

Es ist damit auch ein Impuls gebendes Vorbild für transdisziplinäre Zusammenarbeit (vs. Multidisziplinarität und Interdisziplinarität), also ein Zusammenwirkung unterschiedlicher Kompetenzen mit der Maßgabe eines gemeinsamen Zieles, welches zeitlich, strukturell und in Bezug auf den Methodeneinsatz von Beginn an zusammen geplant wird (Kommunikation!).

Man könnte auch sagen, das Niklas Luhmann mit diesem Ansatz der Einbindung in gesellschaftliche Prozesse (die Gesellschaft spricht immer mit) seine eigene Position und damit die Soziologie gleichermaßen ein Stück befreit. 

Man könnte hier auch den Begriff der Bescheidenheit bemühen, da sich die Soziologie mit der Arbeit von Niklas Luhmann auf eine Augenhöhe mit der Gesellschaft begeben hat, über die sie nachdenkt und sich damit der gesellschaftlichen Anwendbarkeit verschrieben hat. Mit abschliessenden Worten könnte man sagen:

Die Soziologie (Systemtheorie) hat damit lieber weniger von Viel als viel von Wenig. Vor allem aber ist sie selbst kommunikativer Teil eines Systems, das sich permanent neu definiert und damit auch immer neu erfindet.

© Carl Frech, 2020

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