RENÉ DESCARTES

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René Descartes ist einer der Denker der Moderne. Wie wäre unsere Sicht auf die Welt ohne seine Sichtweisen?

Ein wichtiger Vordenker zu dem hier behandelten Themenfeld ist René Descartes (französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftlicher), der im 17. Jahrhundert wesentliche gedankliche Grundlagen formulierte. 

Descartes schuf dabei die theoretische Konstruktion, dass es zwei unterschiedliche universelle Perspektiven gibt: die geistigen und die materiellen Dinge, besser vielleicht und allgemeiner als Bereiche bezeichnet (Res cogitans, die denkende Sache, für die Welt der geistigen Erscheinungen und Res extensa, die räumlich ausgedehnte Sache, für die Körperwelt bzw. Welt der körperlichen Erscheinungen).

Mit dieser Trennung der Welt in zwei Bereiche vollzieht Descartes eine Form des Absolutismus. Der Mensch ist absolut und ohne Möglichkeit der Einwirkung bzw. Einschätzung von den Dingen getrennt und hat diese als gegeben hinzunehmen. 

Als Merkmal des Geistes sah er das Denken bzw. seine Modi des Fühlens, Wollens, Begehrens, Vorstellens, Urteilens (des Bejahens und Verneinens); als Merkmale der Körper (und damit der dinglichen Welt) sah er die Ausdehnung bzw. ihre Erscheinungsweisen wie etwa die Lage, die Gestalt, die Bewegung, die Grösse.

René Decartes war ein Vordenker des sogenannten Rationalismus, was als Denkansatz auch Cartesianismus genannt wurde. Der berühmteste von ihm überlieferte Satz cogito ergo sum (ich denke, also bin ich) ist eine Art intentionaler Startpunkt der klassischen Moderne, welcher dadurch spätere gesellschaftliche Veränderungen im Zusammenhang neuer Methoden zur Produktion von Gütern, wenn auch aus der Perspektive des 1500-Jahrhunderts, vorwegnahm. Vor allem durch einen in der Zeit durchaus neuen Fokus auf den Menschen und der Frage nach dem Sinn des Seins.

Wie in seiner Zeit üblich, war Decartes ein Universalgelehrter, auf der Suche nach grundlegenden Regeln für den Menschen in der ihn umgebenden [materiellen] Welt. Er war ein klarer Vertreter und Begründer des Mechanizismus, der im Wesentlichen besagt, die Welt wäre komplett und ausschliesslich über das grundlegende Verständnis der Materie erklärbar. Dieses mechanistische Weltbild geht davon aus, dass Materie auf äussere Einflüsse reagiert, diese exakt spiegelt, damit ohne Verlust und immer auf die gleiche Art. Damit entstand eine Version des Determinismus, welcher die Vorbestimmtheit von allem, besser, die Berechenbarkeit von allem ermöglichen soll.

Der damit formulierte Anspruch ist in soweit absolut, da er davon ausgeht, dass, wenn man den physikalischen bzw. den exakten Zustand der Welt bzw. ihrer Naturgesetze [mechanistisch] erfassen könnte, sich dadurch alle anderen möglichen Zustände berechnen liessen.

Diese materialistische Theorie schliesst gleichzeitig alle menschlichen Zustände, seinen Geist, seine Aktivitäten bzw. seinen Willen mit ein. Diese aus heutiger Sicht wesensfremde Annahme kann man besser verstehen, wenn man die Strenge der Zeit, vor allem die Ausweglosigkeit einer einzelnen Existenz, vorgegeben durch das Glück oder Unglück der eigenen Geburt in seiner Abgeschlossenheit versteht.

Man muss dieses Weltbild daher im Kontext der Zeit und ihrer gesellschaftlichen Realität zu verstehen versuchen. Die Rolle der Kirche war durchdringend, das heisst, es war vermutlich nicht Teil der individuellen Vorstellung einer Person der damaligen Zeit, es könne eine Welt ohne Kirche überhaupt geben. Dies galt nicht zuletzt für das Kräfteverhältnis der unterschiedlichen Schichten damaliger Gesellschaften, speziell wenn man das spätere 17.-Jahrhundert betrachtet. 

Gleichzeitig war es eine Zeit des Aufbruchs und der Veränderungen. Der Buchdruck [2] war seit über 100 Jahren Teil der öffentlichen Realität und damit eine vollkommen neue Möglichkeit zur Verbreitung von Informationen, Thesen und Gedanken, welche zuvor nur innerhalb einer kleinen Gruppe ausgetauscht werden konnten. 

Martin Luther war der zentrale Vertreter der Reformation, die das Machtgefüge in Europa und später auch weltweit verändern sollte. Ob sein berühmt gewordener Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 tatsächlich stattgefunden hat, ist unter Experten umstritten, spielt aber keine wesentliche Rolle. Tatsache ist, dass mit diesen von ihm proklamierten 95 Thesen das Denkgebäude der damaligen wie auch der folgenden Gesellschaften grundsätzlich veränderte, auf jeden Fall gab sie diesen neue Impulse.

Die Hauptintention von Luthers 95 Thesen liegt darin, dass Schuld und deren Vergebung nicht von einer Institution festgestellt bzw. definiert und in der Folge vergeben werden kann. 

Aus den 95 Thesen von Martin Luther sollen hier nur wenige vorgestellt werden. Schon die ersten fünf Thesen zeigen die Richtung der Intention Martin Luthers klar:

1. Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“ usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.

2. Dieses Wort kann nicht von der Buße als Sakrament – d. h. von der Beichte und Genugtuung -, die durch das priesterliche Amt verwaltet wird, verstanden werden.

3. Es bezieht sich nicht nur auf eine innere Buße, ja eine solche wäre gar keine, wenn sie nicht nach außen mancherlei Werke zur Abtötung des Fleisches bewirkte.

4. Daher bleibt die Strafe, solange der Hass gegen sich selbst – das ist die wahre Herzensbuße – bestehen bleibt, also bis zum Eingang ins Himmelreich.

5. Der Papst will und kann keine Strafen erlassen, außer solchen, die er auf Grund seiner eigenen Entscheidung oder der der kirchlichen Satzungen auferlegt hat.

In dieser Position, in der Martin Luther davon ausgeht, ein Vergehen bzw. dessen Sühne wäre Teil der weltlichen, irdischen und damit bewussten Welt des individuellen Lebens, hat er zwei wesentliche Diktionen der damaligen, katholisch dominierten Kultur in Europa infrage gestellt: Zum einen die Verantwortung jedes Einzelnen für ein richtiges, vor allem für ein moralisches Leben, das sich selbst Rechenschaft zu geben hat und damit die Sühne nicht externalisieren kann. Im Umkehrschluss dazu und zum anderen die eindeutige Verweigerung, dass eine Institution (hier die katholische Kirche und der Papst als eingesetzte, unfehlbare Instanz) eine Sühne, also die Vergebung einer Schuld in Form eines [Ablass-] Handels innerhalb des weltlichen Lebens regeln könnte, der Betreffende also jenseits dieses Lebens keine Rechenschaft für sein Vergehen mehr ablegen müsse.

Im Folgenden macht Martin Luther klar, dass es um den freien Willen und die damit getroffene Entscheidung jedes Menschen geht. Natürlich stellt er die Existenz Gottes [2] als höhere Macht nicht in Frage, doch er wertet das Weltliche deutlich auf, indem er die Reue als einen gegenwärtigen (aufrichtigen) Akt beschreibt. Damit erhält vor allem die Gegenwart mit seinen Worten eine besondere Bedeutung. Geradezu abwertend schliesst er in seiner 13. These daraus, dass die bestehende Kirche im Prinzip gar kein Interesse an den Menschen hätte, da sie mit dem Akt des Ablasshandels gleichsam die Reue zu einem nichtigen Ereignis abwertet und damit auch die damit verbundene Moral. Sie ist käuflich und damit verliert sie ihren sozialen Wert. Er schreibt:

12. Früher wurden die kirchlichen Bußstrafen nicht nach, sondern vor der Absolution auferlegt, gleichsam als Prüfstein für die Aufrichtigkeit der Reue.

13. Die Sterbenden werden durch den Tod von allem gelöst, und für die kirchlichen Satzungen sind sie schon tot, weil sie von Rechts wegen davon befreit sind.

Mit dem letzten Beispiel vollzieht Martin Luther eine interessante und für die weitere Betrachtung zu René Decartes wesentlichen Vergleich:

16. Es scheinen sich demnach Hölle, Fegefeuer und Himmel in gleichen Weise zu unterscheiden wie Verzweiflung, annähernde Verzweiflung und Sicherheit.

Diese Gleichsetzung kirchlicher Droh- und Hoffnungssymbolik mit allzu menschlichen Emotionen muss in der Zeit seiner Proklamation geradezu revolutionär gewirkt haben, da Martin Luther damit klar und präzise die Machtinstrumente der Katholischen Kirche entmystifiziert. 

Natürlich war die damalige Verbreitung der von Luther formulierten Thesen ein langsamer Prozess, welcher zwingend mit der Fähigkeit des Lesens, vor allem aber mit der inneren Bereitschaft, sich auf dieses neue Denken einzulassen, zusammen hing. Es muss bedrohlich gewirkt haben, konspirativ und gefährlich. Gleichzeitig passte es in diese frühe Phase der Aufklärung, welche vor allem durch den Buchdruck bzw. die Möglichkeit der Vervielfältigung von Texten als ein soziales Enzym wirksam wurde. Wenn auch nur langsam.

Wenn man sich mit der darauf aufbauenden Medienentwicklung beschäftigt, wird die zwingende Logik und Dynamik bis zu unserer heutigen digitalen Realität deutlicher. Vor allem im Kontext des jeweiligen Zeitgeschehens.

Dieser kleine Ausflug zu den Thesen von Martin Luther ist im Zusammenhang der Betrachtung von René Decartes wichtig. Aber warum?

Mit dem Diktum cogito ergo sum (ich denke, also bin ich) hat Descartes, wie schon erwähnt, den Menschen aus der Machtlosigkeit seiner von Geburt an vorbestimmten Einordnung in eine gesellschaftliche Gruppe gleichsam, wenn auch nur mittels einer gedanklichen Theorie erlöst und ihm einen eigenen, einen selbstbestimmten Platz mit dem Potenzial der individuellen Entwicklung gegeben. Natürlich war und ist dieser Gedanke abstrakt und spiegelte in keiner Weise die damalige gesellschaftliche Realität wieder, zumindest nicht im Alltag der Menschen. Aber René Descartes zeigte damit eine Entwicklung auf, die im Weiteren ihre Entwicklung nehmen sollte. Vor allem, wenn man sich mit den Veränderungen im 17.- Jahrhundert beschäftigt.

Nicht unerwähnt bleiben aber soll die von René Descartes praktizierte Philosophische Methode, in der er seine Kompetenz und Praxis als Mathematiker einbringt und geradezu algorithmisch anwendet. Er unterscheidet dabei in vier Phasen wissenschaftlichen Arbeitens, die sich strukturell wenig von der heutigen Methode unterscheidet. Nicht zuletzt auch beschreibt es die grundlegenden Prozesse kreativen und innovativen Schaffens, das in den folgenden Jahrhunderten zu exponentiellen Veränderungen führen sollte:

Skepsis: Nichts für wahr halten, was nicht so klar und deutlich erkannt ist, dass es nicht in Zweifel gezogen werden kann.

Analyse: Schwierige Probleme in Teilschritten erledigen.

Konstruktion: Vom Einfachen zum Schwierigen fortschreiten (induktives Vorgehen: vom Konkreten zum Abstrakten)

Rekursion: Stets prüfen, ob bei der Untersuchung Vollständigkeit erreicht ist.

Nun kann man sicher die Meinung vertreten, dass diese Methode, die René Descartes im 15.-Jahrhundert formulierte, das klassisch Prinzip menschlicher Handlung darstellt, welche lediglich eine sprachliche Form gefunden hat. Allerdings ist eben gerade die bewusste Beschreibung eines Prozesses der Exponent für die darauf basierende Erkenntnis der Anwendungsvielfalt bzw. der Metaebene, die die Perspektive zur Übertragung in andere Bereiche ermöglicht. Letztlich basiert jede Idee, jeder produktive Prozess auf der Fähigkeit zum kontextuellen Denken, zum lernenden, vielleicht besser: explorativen Handeln.

Man muss bei dem vierstufigen Regelsatz von Descartes jedoch die vierte Regel besonders hervorheben. Wenn er von Rekursion spricht und damit die permanente Überprüfung meint, bis jene Vollständigkeit einer Untersuchung erreicht ist, könnte man dies auch mit der Suche nach Qualität bzw. Optimierung übersetzen. Er beschreibt damit letztlich auch das heute bekannte Prinzip der Iteration und in der Logik bzw. Konsequenz die Negierung jeder Möglichkeit zur Beendigung eines Prozesses überhaupt.
Einfach darum, da die vierte Phase der Rekursion das schliessen einer Türe im Sinne von das ist nun abschliessend und endgültig fertig für unmöglich erklärt. Jeder Prozess (und ergänzend zu Descartes kann man sagen, dass dies nicht nur auf die Wissenschaft zutrifft) ist nie final, kann nie abgeschlossen sein, sondern ist immer nur ein Glied innerhalb einer Folge möglicher Ergebnisse und damit auch eigenen Positionen in ihrer Zeit.

René Descartes hat in seinen Schriften bzw. seiner Methodologie die menschliche Intuition als eine Art Gradmesser für die generelle und damit die generische Wahrheit angenommen, dies später allerdings wieder infrage gestellt, da er den Prozess des Denkens (und damit der permanenten Reflexion) als Grundprinzip der menschlichen Existenz postulierte und daher eben auch [Rekursion] immer auch das Irren mit allem verbunden sein muss.

Die Annahme über die Intuition bzw. sein Postulat cogito ergo sum war daher nicht zuletzt auch die Suche nach dem bzw. einem Archimedischen Punkt, also ein alles umfassender Grundsatz. Die Aussage, ich denke, also bin ich ist, philosophisch betrachtet, ein starkes Beispiel für diesen gedanklichen Angelpunkt. Die Umkehr der Aussage in ich denke, ich bin nicht, würde sich durch das Paradox der Formulierung selbst auflösen, da der Denkende über die Selbstreflexion der Aussage bewiesen hätte, dass er existiert, existieren muss, da sonst diese Frage bzw. Aussage nicht möglich wäre.

Letztlich hat René Descartes den permanenten Zweifel zum zentralen Angelpunkt menschlichen Denkens und Handelns erhoben. Man könne der Intuition nicht alleine trauen, da jede Betrachtung nur mit dem Filter von all dem wahrgenommen werden könnte, was wir in unserem Leben davor schon gesehen, erlebt und erfahren hätten. Damit wäre eine reine, im Sinne einer isolierten und komplett freien Wahrnehmung nicht möglich. Sie wäre immer durch unsere Geschichte und deren Prägungen gefälscht, mindestens beeinflusst. 

Aber auch unser Denken ist in Zweifel zu ziehen. Nach Descartes könnte ein böser Dämon (Genius Malignus) unseren Verstand so beeinflussen, dass wir zu falschen Entscheidungen kommen, uns durch fremde Mächte beeinflussen lassen. 

René Descartes hat damit (in seinen Meditationes de prima philosophia) im Kern den philosophischen Skeptizismus in der neueren Kulturgeschichte eingeführt und aus seiner Perspektive formuliert. 

Diese fremden Mächte kann man auch als äussere Welt beschreiben. Eben jene Welt, von der der menschliche Geist zwingend getrennt ist, aber unter dessen Einfluss er gleichzeitig steht. Descartes geht davon aus, ein Genius Malignus bringe ihn dazu, zu glauben, er besitze wohl Sinnesorgane, mit denen er die res extensa der Außenwelt wahrnehmen könne (Wikipedia).

Und genau die Externalisierung dessen, was das eigene Denken leisten könnte, ist nach Descartes zu bezweifeln, da damit ja ein Einfluss verbunden werden muss (Genius Malignus), der nicht durch den eigenen, den freien Willen bestimmt ist. 

Diese, schon vorab genannte, res extensa bzw. der Begriff res bekam im Wandel der Zeit verschiedene Bedeutungen. Im Kern wird dabei jedoch überwiegend das Äussere, das von der Person (persona) getrennte beschrieben. 

Im Folgenden soll das relativ komplexe Zitat von Gerd Doeben-Henisch den Diskurs zur Theorie von René Descartes (auch als Leib-Seele-Problem [2] beschrieben) in unsere heutige Gedankenwelt führen.

Nach dem heutigen Wissensstand können wir annehmen, dass das bewusste Denken sich – wie genau, das ist noch nicht vollständig geklärt – in Verbindung mit dem ’Gehirn’ abspielt. Das Gehirn ist ein Organ unseres Körpers und wäre im Sinne Descartes der ’res extensa’ zuzuordnen. Anstatt nun eine weitere ’Substanz’ zu postulieren, die ’res cogitans’, wie es Descartes tat (und vermutlich aufgrund seines Wissensstandes auch gar nicht anders konnte), könnten wir heute sagen, dass das bewusste Denken, die Selbstgewissheit, eine ’Eigenschaft des Gehirns’ ist, genauer eine ’Funktion des Gehirns’. Damit wären ’res cogitans’ und ’res extensa’ nicht mehr zwei ontologisch unverbundene Seinsweisen sondern die ’res cogitans’ wird zu einer Eigenschaft, zu einer Funktion der ’res extensa’. Die res extensa, als ’Sammelbecken’ von statischen Eigenschaften, wird mit der ’res cogitans’ zu jenem’ dynamischen Etwas’ als das wir heute die ’Materie (= res extensa)’ erleben und erforschen.

René Descartes war als einer der Begründer des Skeptizismus zwischen den extremen Positionen, eine lebende Person könne sich nur über das Denken als existent wahrnehmen, alles andere wäre eine körperliche, externe Substanz, die über keine eigene Wahrnehmung verfügt (und damit nicht mit Sicherheit existent sein kann) eine Art Gefangener. Dieses in der Philosophie so benannte Leib-Seele-Problem ist für Descartes ein Dualismus [2]. Ich kann an der äusseren Welt (res extensa) zweifeln (und damit auch an der Tatsache des eigenen Körpers) aber nicht an der über das eigene Denken (res cogitans), da ich schlicht nicht denken kann, dass ich nicht denke. 

Gleichzeitig war Descartes sich der Problematik dieser theoretischen Trennung zwischen dem Denken und der Materie und damit eben auch des menschlichen Körpers sehr wohl bewusst. Beides gehörte ja zwingend zusammen, da das Denken ohne seinen (körperlichen) Denker nicht oder nur abstrakt vorstellbar ist. Descartes hat die Interaktion zwischen dem Denken, dem Geist und dem Körper und die damit verbundene Notwendigkeit einer Art Instanz zwischen diesen beiden Substanzen sehr wohl gesehen. Er vermutete, dass eine kleine Drüse auf der Rückseite des menschlichen Mittelhirns, die Zirbeldrüse, für den Austausch des menschlichen Geistes mit seiner umgebenden Materie [2] (des Körpers und der Welt darüber hinaus) verantwortlich wäre. Descartes hat sich diesen Vorgang im Gehirn des Menschen bidirektional vorgestellt. Sowohl der menschliche Geist (und damit sein Denken) würde in Interaktion (und damit Kontrolle) mit dem Körper treten, aber auch der Körper würde damit als Kontaktstelle zu der Aussenwelt und seinen impulsgebenden Erfahrungen wiederum das Denken beeinflussen.

Schon knapp 2.000 Jahre davor gab es Spekulationen über diese Drüse. Erasistratos von Keos (305 – 250 v. Chr.) und Herophilos von Chalkedon (344 – 280 v. Chr.), waren Anatomen an der Schule von Alexandria. Sie galten, mit anderen in ihrer Zeit, als die ersten ihrer Zunft. Beide glaubten, dass die Zirbeldrüse ein Ventil wäre, welches den Fluss unserer Erinnerungen kontrolliere.

Dieser von Descartes abstrakt und theoretisch aufgeworfene Gedanke über die Position des menschlichen Geistes und seiner damit verbundenen Optionen war, wenn auch im Dilemma der Widersprüche ein wenig stecken geblieben, eine herausragende Frage. Schliesslich ist es die Frage nach den menschlichen, den dem Menschen gegebenen Möglichkeiten seines Denkens und den damit verbundenen Handlungen. 

Es war auch die Frage nach den Grenzen des Denkens und den Möglichkeiten, wie diese erweiterbar, wie diese über die Grenzen treten könnten. 

René Descartes war als Anhänger und Vertreter des Mechanizismus davon überzeugt, dass die Welt vornehmlich aus Substanzen (Materie) bestehe. Diese umfassende Weltsicht führte ihn zu der Überzeugung, dass, würde man die komplexen Zusammenhänge dieser Materie im Detail verstehen, es auch möglich wäre, eine Art Maschine zu bauen, welche final auch die Möglichkeiten des menschlichen Geistes umfassen würde und damit auch sein Denken. Descartes sagt dazu: Ja, ebenso wie eine … Uhr, so steht es auch mit dem menschlichen Körper, wenn ich ihn als eine Art Maschine betrachte, die aus Knochen, Nerven, Muskeln, Adern, Blut und Haut … eingerichtet und zusammengesetzt ist …. 

Descartes war damit natürlich auch ein reflektierendes Kind seiner Zeit. Die Mechanik, vor allem in der Uhrenindustrie und damit die symbolische Referenz auf ein Zahnrad, das in das andere greifende, am Ende selbst der Zeit ihr Geheimnis entlockt und diese beherrschbar macht, war vermutlich ein starkes Motiv auch für ihn.

Dass er mit diesen Gedanken zu einer Maschine, die den menschlichen Körper über eine Art Nachbau ebenso beherrschbar oder gar optimierbar machen könnte, war er seiner Zeit, wenn auch nur abstrakt, um einige Jahrhunderte voraus.

Am Ende war dies auch mit der Frage verbunden, was die Wirklichkeit als Spiegelbild und Handlungsfeld menschlichen Denkens überhaupt bedeutet, oder besser, welche Bedeutung diese hat.

43 Jahre nach dem Tod von René Descartes wurde in der Nähe von Yorkshire in England John Harrison geboren. Er hatte von seinem Vater das Tischlerhandwerk gelernt, wurde in der Folge seines Lebens aber als Uhrmacher berühmt. 

Grundlage dieser späteren Berühmtheit war das in der damaligen Zeit eklatante Problem der fehlenden Bestimmbarkeit des Längengrades [2] in der Schifffahrt. Die geografische Breite war zu der Zeit mit den verfügbaren Sextanten entweder aus dem höchsten Stand der Sonne (Mittagsbreite) oder aus der Höhe kulminierender Sterne bestimmbar. Die Definition des Längengrades fehlte.

John Harrison wollte dieses Problem durch eine möglichst exakte Uhr lösen, die von den Schiffen auf ihrer Reise mitgeführt würde. Kurz erklärt basierte die Idee bzw. seine Vision darauf, dass die Uhr (Chronometer) zu Beginn der Reise auf die Sonnenzeit des bekannten Längengrades (in seinem Fall des englischen Greenwich-Meridians) eingestellt würde. Aus dem Zeitunterschied zwischen der angezeigten Zeit und der (durch Peilung von Sonne oder Gestirnen) ermittelten Ortszeit ließ sich die geographische Länge hinreichend genau berechnen – annähernd sekundengenaue Uhrzeit vorausgesetzt.

Harrison baute in seinem Leben nur vier Uhren (H1 bis zur preisgekrönten H4). Diese zeigte auf der 81-tägigen Fahrt nach Jamaika eine Zeitabweichung von lediglich fünf Sekunden. Die Kommission wollte ihm diese Genauigkeit zu Beginn nicht glauben und vermutete einen Zufall. John Harrison war in ihren Augen vor allem noch ein Tischler, wenn auch mit besonderen Fähigkeiten. Erst das Einwirken des englischen Königs Georg III. auf jene Kommission, die nicht zuletzt unter dem kritischen Einfluss von Isaac Newton stand, hat John Harrison schliesslich das ausgelobte Preisgeld drei Jahre vor seinem Tod zuerkannt. 

© Carl Frech, 2020

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