GREGORY BATESON

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Gregory Bateson hat sich immer gewehrt, als Spezialist einsortiert zu werden. Das war eine gute Entscheidung.

Gregory Bateson ist eine interessante Figur, wenn es um kontextuelle Prozesse geht, da er, als einer der führenden Vertreter systemischen Denkens, die integrative, besser, die inklusive Verbindung unterschiedlichen Kompetenzfelder zur Grundüberzeugung erklärte und sein Wirken danach ausrichtete.

Seine Methode ist, einfach ausgedrückt, die gleichwertige Verbindung von lockerem und strengem Denken. Dabei wird die Spekulation genauso ernst genommen, wie der Zwang nach einem logischen Beleg bzw. der strengen Analyse immer wieder hinterfragt werden darf.

Dieser Ansatz, den Bateson bin zum Ende seines Lebens, er starb am 04. Juli 1980 in San Francisco, aufrecht erhielt, ist heute vielleicht noch moderner und radikaler geworden, da sich der Anspruch nach einer Beweisführung nach einer stabilen und belastbaren Verdichtung einer Position in den vergangenen Jahrzehnten vermutlich noch gesteigert hat. Man könnte fast den Eindruck haben, dass jede Fantasie, auch im Zusammenspiel eines professionellen Themas, dem frühen Anspruch an die Belegbarkeit und Beweisführung geopfert wird. 

Man könnte auch provokativ die Vermutung äussern, dass der eigene Gedanke und in der Folge auch die eigene Position jener Quelle geopfert wird, die diesen Gedanken zertifizieren soll. Wird damit die Vision, der Entwurf als eine mögliche Version für eine spätere Lösung nicht in Kleinteiligkeit nahezu aufgelöst, einfach darum, weil es für Spekulationen keine finalen beweisführenden Quellen gibt? Ist Wissenschaft und Forschung nicht seit jeher immer auch spekulativ, in Teilen subjektiv, mindestens aber stets im Wandel begriffen?

Ein eindrückliches Beispiel habe ich vor einigen Jahren dem Interview entnommen, das mit dem Leiter des Teilchenbeschleunigers in CERN in Genf geführt wurde. Ihm wurde die einfache Frage gestellt, die auch Kinder stellen würden, wie dieser Teilchenbeschleuniger eigentlich funktioniert? Seine Antwort war verblüffend, vor allem war sie mutig. Er sagte, er könne das selbst nicht erklären. Einfach darum, da die Komplexität der Maschine so hoch ist und nur das Zusammenspiel vieler einzelner Kompetenzen und damit meinte er die grosse Zahl unterschiedlicher Expertinnen und Experten dazu führt, dass die Chance für das Funktionieren der Maschine sehr hoch ist. 

Nun ist dieses Beispiel natürlich leicht angreifbar, wer würde bestreiten, dass nicht jede Technologie ab einer gewissen Komplexität nur über viele Kompetenzen zu einem funktionierenden Produkt führt. Was mir bei dieser Aussage gefiel, war schlicht die Bereitschaft, ein Delta bei einem Prozess einzuräumen, der zum einen nicht mehr gut erklärt werden kann und der auf der anderen Seite immer zu neuen Erkenntnissen führt.
Gerade diese Offenheit zur Variante und damit auch die Offenheit zum Scheitern ist – aus meiner Sicht – das Wesen jedes grundlegend innovativen Prozesses. 

Jede Innovation steigert sich progressiv im Verhältnis zu der Sollbruchstelle (des Punktes) ihres potenziellen Scheitern.

Es ist klar, man könnte hier die Türe in Richtung der Beliebigkeit weit aufschlagen. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass eine Spekulation, die Diffusion einer Vision immer das Enzym für einen innovativen Prozess, wenigstens zu einer Variante des Gegenwärtigen ermöglicht. Auch wenn sich dieser Weg in der Folge als der Falsche erweist.

Um die, vor allem aus heutiger Perspektive, Position von Gregory Bateson in seiner Radikalität deutlich zu machen, bietet sich das von ihm postulierte so genannte Metamuster an, bei welchem er zwei Syllogismen gegenüber stellt:

Den ersten nennt der den Modus Barbara:

Alle Griechen sind Menschen
Alle Menschen sind sterblich.
Also gilt: Alle Griechen sind sterblich.

Gregory Bateson

Den zweiten nennt er den Modus Gras:

Menschen sterben.
Gras stirbt.
Menschen sind Gras.

Gregory Bateson

Es ist natürlich ein wenig unfair, den grundsätzlichen Ansatz des Syllogismus so provokant auszulegen. Syllogismen haben das Ziel, eine logische Schlussfolgerung zu treffen, besser, diese zu fixieren, sodass sie nicht mehr infrage gestellt werden können. Jeder Syllogismus basiert immer auf zwei Prämissen (Voraussetzungen), die durch eine Konklusion (Schlussfolgerung) zu einem in der Kombination logischen Ergebnis geführt werden. 

Letztlich kippt Bateson den Versuch von Aristoteles, die Welt über die Sprache erklärbar zu machen in eine Richtung, die mindestens einer Variante die Möglichkeit gibt, auch realisiert zu werden. Wenn man seine Position extremer auslegen will, dann bietet er eine Bühne für weitere Möglichkeiten, die in dieser Form nicht bzw. noch nicht gedacht wurden, jedoch möglich bzw. mindestens interessant erscheinen. 

Ich nenne diese Form der Reflexion Possibilismus. Damit meine ich die Freiheit des Denkens, sich nicht durch die moralisierende Beimengung von Optimismus oder Pessimismus einschränken zu lassen, sondern eben genau diese Grenzen sowohl gedanklich als auch als erzählend zu überschreiten. 

Wenn ich von Erzählung spreche, dann meine ich einen methodischen Ansatz, den ich Proportage nenne. Dieser Ansatz, kurz erklärt, spiegelt das kontextuelle Geflecht menschlicher Erfahrung, also die eigene Vergangenheit, welche man üblicherweise für die individuelle Persönlichkeit in einer bestimmten Gegenwart verantwortlich machen, in die Zukunft. 

Man entwickelt passende fiktive Personen in einer Zukunft, spekuliert in dieser Vision über die dann realen und der Konsequenz der Vorstellung normalen Einflussfaktoren (die Umwelt, der Alltag, bestimmte Technologien, aber auch Veränderungen der Kultur bzw. politische Veränderungen), lässt diese Protagonisten darüber reflektieren und entwickelt so eine soziale Interaktion, die in der Rückblende zur tatsächlichen Gegenwart, dem konkreten Zeitpunkt des gedanklichen Experimentes, durch belastbare Argumente, eine Aussicht auf das geben soll, was kommen bzw. wie es werden könnte.

Es gibt verschiedene Methoden, die ich dazu entwickelt habe bzw. die ich für diesen Prozess nutze. Eine relativ einfache basiert auf der philosophischen Dialektik. Man formuliert eine Hypothese idealerweise als Frage in Form von: Was wäre wenn…. Dann nutzt man fiktive Protagonisten (Personas), die eine Pro- und eine Contra-Aussage treffen. Diese Aussagen kann man solitär gestalten (eine Pro- und eine Contra-Aussage), oder man entwickelt ein fiktives Gespräch (Dialograum bzw. Dialogintervall).
Danach bündelt man diese Positionen in einer summierenden Synthese, welche versucht, ein starkes Argument zu liefern, das für beide Positionen akzeptierbar ist. Idealerweise verändern sich die [fiktiven] Positionen durch diesen narrativen Prozess.
Die Synthese folgt idealerweise der sprachlichen Aussage: Wenn es so wäre, dann….

Mix the unmixable ist eine kognitive Akrobatik, die Grenzen des akzeptiert Denkbaren zu durchbrechen und einen Blick auf die Möglichkeiten jenseits dieser Grenzen zu lenken.

Man fragt: Was wäre wenn?
Und dann spekuliert man: Wenn es so wäre, dann…

Gregory Bateson nutzt die genannten Syllogismen, um letztlich dem, was vorstellbar, aber nicht beweisbar ist, einen Raum zu geben. Er weist den Modus Barbara der unbelebten, man könnte auch sagen, der abstrakten Welt zu. Die belebte Welt wiederum belegt er mit dem Modus Gras. Er begründet dies damit, dass in der belebten Welt, man könnte auch sagen, in der Komplexität der Realität und ihrer individuellen Wahrnehmung, immer Muster und Relationen, also Beziehungen, die relevante Basis für eine Interpretation wie für eine Variante zum Bestehenden darstellt.

Bateson erlaubt genau an dieser Stelle das Potenzial der Metapher wie auch der Poesie, vielleicht sollte man dies eher mit dem Potenzial des Erzählen übersetzen. 

Die Abstraktion der Unterscheidung in eine belebte und eine unbelebte Welt erinnert wiederum an René Decartes und den von ihm formulierten Glaubenssatz des Dualismus von Leib und Seele. Er orientiert sich dabei an den Begriffen von Carl Gustav Jung, der mit Pleroma das Unbelebte, die Materie und damit auch die Energie meint. Wiederum mit dem Begriff Creatura meint er das Belebte, den Geist und die damit verbundene Information. 

In unserem Kontext zu Decartes kann man Pleroma als die Fülle von allem Äusseren bezeichnen, das, was nicht durch eine Wahrnehmung interpretiert wird. Wiederum exakter könnte man mit Creatura das wahrnehmende Individuum bezeichnen, eben jenes Geschöpf, das mit seinem Geist aufnimmt, verarbeitet und versteht. Wir interessieren uns hier aber vornehmlich für den Begriff der Information.

Letztlich negiert Gregory Bateson damit die Problematik von Decartes, dass es etwas ausserhalb, oder besser oberhalb der menschlich erfassbaren Wahrnehmung geben kann. Damit, auch wenn Bateson Zeit seines Lebens der Spiritualität in einer gewissen Form verbunden war, weisst er die transzendentale Ebene und damit die Berechtigung jeder Religion im Zusammenhang einer Deutungshoheit (und der damit verbundenen Macht) in klare Schranken.

Das ist ein wichtiger Ausgangspunkt. Durch die Betonung der Information bietet Bateson auch eine argumentative Grundlage für die Kybernetik und damit eine wichtige Basis für heutige Fragen nach der Qualität von Interaktion zwischen Menschen und Technologien (Mensch / Maschine).

Für Bateson ist das entscheidende Kriterium für jede Form der Wahrnehmung der menschliche Geist. Dieser lebt, alleine oder in einer Gruppe jeder Grössenordnung, in einer Welt voller Informationen. Diese Welt erfordert permanent die Aufmerksamkeit für die jeweilige Relevanz, nach Bateson: den Unterschied zu erkennen und verwerten zu können. Sein berühmter Satz: The difference that makes a difference wird meistens mit folgendem Narrativ von ihm illustriert:

Man kann einem Hund einen Tritt geben, dass der Hund wegfliegt, oder man kann ihm einen Tritt geben, dass er wegrennt. Im ersten Fall gibt man die Energie, die den Hund bewegt, im zweiten Fall leistet der Hund seine Bewegung selbst, das heisst, man hat ihm nur Information gegeben, die bewirkt, dass er seine eigene Energie verwendet. Im ersten Fall muss der Hund nichts verstehen, im zweiten Fall muss er verstehen, was ich meine. Er muss also nicht nur seine eigene Energie aufwenden, sondern auch noch interpretieren, wie er das tun soll.

In Bezug auf die menschliche Wahrnehmung wäre eine Reaktion, zum Beispiel der verursachte Schmerz, der ausgelöst wird, wenn ein Stein auf den Kopf fällt, nicht eine Interpretation der (transzendenten) Energie, die diesen Schmerz verursacht hat, sondern die Frage, wo dieser Stein herkam und wie man diesen Schmerz in Zukunft vermeiden könnte.

Es geht Bateson also um die Interpretation von Unterschieden und damit geht es immer auch um Kommunikation, da jedes Individuum, jeder Mensch zwingend auf seine Umwelt angewiesen ist, um überleben zu können. Seien es andere Menschen oder auch andere Systeme, die für die eigene Existenz wichtig sind oder als relevant akzeptiert werden. 

Man darf sicher darüber spekulieren, ob Gregory Bateson die Dimension dieser These für aktuelle Entwicklung digitaler Medien absehen konnte, aber er hat in jedem Fall die Bedeutung für das Zusammenwirkung von Kulturen und deren Auswirkung auf deren sozialen Mikro- und Makrokosmos klar erkannt und wurde damit auch ein Vordenker für die Sozial- und Ökologiekritik. 

Gleichzeitig hat er heute übliche Gläubigkeit gegenüber Technologien in seiner Zeit schon klar erkannt. In dem Werk Die Wurzeln ökologischer Krisen zählt er sieben Manifestation auf, von denen ich nur die letzten drei nennen will:

5. Wir leben innerhalb einer unendlich expandierenden Grenze.
6. Der ökonomische Determinismus ist Common Sense.
7. Die Technologie wird es für uns schon machen.

Gregory Bateson

E. M. Forster spekuliert in seinem Buch Die Maschine steht still ca. 50 Jahre vor Bateson in eine ähnliche Richtung. Und wie Forster, so beschäftigt sich auch Bateson im Kern um die Bedeutung der Macht bzw. der Verführungskraft, die der Mensch durch eine vermeintliche Macht zu erlangen glaubt.

Dabei schafft es der Mensch, sich in dieser Illusion als ein Teil der ihn umgebenden Welt gleichsam heraus zu destillieren, so als hätte er mit den Konsequenzen seines Tuns selbst nichts zu tun.

Bateson spekuliert als Ethnologe und als Gesellschaftskritiker über die Divergenz extremer Gesellschaftssysteme und vergleicht hier die Ideologie grenzenlosen Wachstums, vor allem westlichen Denkens in den vergangenen ca. 250 Jahren, mit Gesellschaften, die sich einem systemischen Gleichgewicht mit ihrer Umwelt verantwortlich fühlen und danach handeln.
Damit war und ist Bateson auch ein Vordenker bzw. Vorkämpfer für verantwortliches Leben, sowohl in lokalen, vor allem aber in globalen Dimensionen. 

Auch aus dieser Perspektive und Position weisst er die Religion in ihre Schranken. Für Bateson sind religiöse bzw. spirituelle Aktivitäten vor allem eine Form der Verbundenheit mit der Natur bzw. der Welt generell. Jede Überhöhung in Form einer Magie, die zum Beispiel die Sünde ungeschehen machen will oder ein Leben nach dem Tod verheisst, sind für ihn religiöse Degenerationen, die meist von Machtstreben und damit einem ökonomischen Interesse durchsetzt sind. 

Das Werk und Schaffen von Gregory Bateson kann hier nur in engen Grenzen dargestellt werden. Er war nicht nur für die Entwicklung der Kybernetik ein geistiger Vater, auch für die Systemische Therapie war er ein grundlegender Vordenker. Zu seinen Schülern und Anhängern gehörten Paul Watzlawick. Die Systemtheorie von Bateson beeinflusste wiederum Niklas Luhmann [+] in seinem Werk. 

Abschliessend zu Gregory Bateson will ich zwei Zitate nennen, die aus meiner Perspektive idealtypisch für sein Werk stehen, welche darüber hinaus aber auch für meine Intention eine gute Richtung weisen.

Ästhetik ist die Aufmerksamkeit für das Muster, das uns verbindet. 

Ein Mann wollte wissen, wie es sich mit dem Geist in seinem Computer verhält, und er fragte ihn daher: ‚Rechnest du damit, dass du jemals denken wirst wie ein menschliches Wesen?‘ Worauf nach einiger Zeit der Computer antwortete: ‚Das erinnert mich an eine Geschichte.‘

Gregory Bateson

© Carl Frech, 2020

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