SINGULARITÄT DER BELIEBIGKEIT_1 [objekt]

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Vielleicht sind die Dinge in unserem Leben einfach nur das was sie sind, das Eine und kein Teil in einem Fluss der Austauschbarkeit.

Der Begriff Singularität [2] [3] ist nicht so leicht verständlich wie es auf den ersten Blick erscheint. Der Wortteil Singular weist in eine gute Richtung, zu einem ersten Verständnis, das war es dann aber auch schon.

Irgendwie denkt man an das Einzelne, die Einzahl, ein Ding, das klar betrachtet werden kann und sich vom Umfeld bzw. den anderen, vergleichbaren Dingen unterscheidet. In normalen Unterhaltungen nutzen wir oft ein Verb im Singular, obwohl das Subjekt, also das, worüber wir eigentlich sprechen, einen Plural verlangt. Wir sagen zum Beispiel: Das kann doch jedes Kind und meinen damit nicht ein einzelnes Kind, sondern Kinder im Allgemeinen, also alle Kinder. Eigentlich meinen wir alle Menschen.

Unsere Sprache, also unsere aktuelle Konvention zum grammatikalischen bzw. den syntaktisch richtigen Gebrauch von Wörtern, ist ein guter Reflektor über den Zustand dessen, was wir akzeptiert haben, was wir als normal empfinden, was unser Miteinander wie auch unsere persönliche Singularität definiert. Doch damit meinen wir eher unsere Einzigartigkeit. Eine gewisse Hybris. Aber darauf kommen wir noch.

Der Begriff Singularität wird üblicherweise nicht so benutzt. Lassen wir mal die Bedeutung des Begriffes in der Astronomie ausser acht. Schlichtweg, weil die Komplexität kaum einen Mehrwert brächte. Eine bessere Definition finden wir in der Geographie. Dort werden besondere Erscheinungen im Raum, welche sich deutlich von der umgebenden Landschaft unterscheiden [2] [3], als Beispiel für Singularität bezeichnet. Sie werden so bezeichnet, da sie sich zwar unterscheiden, dies aber für das gesamte Raumgefüge keine Bedeutung hat.

Ähnliches gilt für den Begriff in der Meterologie. Damit werden einzelne bzw. herausragende und damit isolierbare Wetterereignisse bezeichnet, die sich zwar von dem durchschnittlichen Wetter unterscheiden, dies aber im Mittel, also über einen längeren Zeitraum keinen Unterschied macht.

Man kann dieses Bild gut auf das Bedürfnis unserer eigenen, unserer menschlichen Einzigartigkeit übertragen. Wir suchen, manchmal ein wenig verzweifelt, oft aber mindestens zweifelnd den Unterschied zu den Anderen, wissend, dass dieses Motiv (als Teil unserer Motivation) wenig belastbar ist, da wir uns am Ende doch nicht oder nur unwesentlich voneinander unterscheiden. Aber darum geht es nicht in diesem Text.

In der Systemtheorie spricht man von Singularität (und hier wird es spannender), wenn es sich um instabile Systeme handelt und meint damit jene Logik, wenn eine kleine Ursache zu einer grossen Wirkung führt. Üblicherweise würde man das Kausalität nennen, also die Ursache (lat. causa) und damit die Bezogenheit zwischen dieser und der darauf folgenden Wirkung.

Der Begriff der Singularität, erstmals von James Clerk Maxwell, 1831 – 1879, eingeführt, nutzt zwar diesen Aspekt wie in der Definition der Kausalität, geht aber davon aus, dass die Anfangsbedingungen (also die Ursachen) zwar vergleichbar sind und in der Folge auch zu vergleichbaren Wirkungen [2] führen, die Welt aber nie bzw. selten wirklich identische Ursachen generiert. Letztlich begründet Maxwell diese Position mit der Komplexität der Welt selbst und den systemischen Wirkungen, die damit zwangsläufig verbunden sind.

Das ist eher abstrakt und damit nicht leicht verständlich. Einen gewissen Grad an Nachvollziehbarkeit erhalten wir, wenn wir uns einem banalen Beispiel widmen.

Stellen wir uns vor, heute Milch zu kaufen. Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es normalerweise in kleineren Orten in Mitteleuropa einen Milchladen. Dort wurden Produkte aus Milch angeboten. Und es gab Milch, die aus einem Kanister mit einer Handpumpe in eine mitgebrachte Kanne gepumpt wurde. Es war klar, es gibt nur diese Milch und es war klar, die Kanne sollte gefüllt werden. Dafür gab es einen Preis, der meistens über einen längeren Zeitraum stabil blieb.
Man konnte im Prinzip diesen Laden schweigend betreten, über eine Geste sein Bedürfnis zum Ausdruck bringen, das Geld auf den Tisch legen und den Laden wieder verlassen.

Da es keine Wahl gab, gab es auch keine potenziell falsche Entscheidung. Es gab weder eine richtige noch eine falsche Handlung [2] [3]. Es gab nur eine mögliche Auswahl, die geistesabwesend getroffen werden konnte. Wie entspannend.

Da wir diesen Vorgang in unserer Gegenwart nur im Zusammenhang der Komplexität aller Angebote rund um das Produkt Milch einordnen können, wird deutlich, wie viel der eben beschriebenen Einfachheit verloren gegangen bzw. welche Herausforderung heute aus der Fülle der Möglichkeiten für uns mit dem Bedürfnis nach Milch verbunden ist.

Dieser Text mit dem etwas sperrigen Titel Singularität der Beliebigkeit basiert auf drei Positionen, die in dem Text Systemic Economy_1 an einer zentralen Stelle auftauchen, dort aber nicht weiter erläutert werden. Diese Positionen sollte ich eher als Leitgedanken bezeichnen. Sie versuchen eine Veränderung zu beschreiben, wie sich unsere Wahrnehmung der physikalischen Welt im Übergang zu einer tiefgreifenden Digitalisierung (von allem) verändert und sich damit unsere Handlungsräume bzw. die damit verbundenen Erwartungen verändern. Die drei Leitgedanken lauten:

Das Objekt wird zum Komplex

Die Funktion wird zum Kontext

Die Position wird zur Relation

Beginnen wir in diesem Text mit dem ersten Satz. Dabei konzentriere ich mich auf das Objekt und seine Auflösung als ein Ding, dessen Transformation in eine Option unter vielen bzw. die Kombination in sich permanent verändernde Komplexitäten.

Das Objekt wird zum Komplex

Wir verlernen die Fähigkeit, das einzelne Objekt in seinem Wert und Bedeutung zu erkennen. Die permanente Möglichkeit zum Ersatz, zum kommerziellen Austausch, verändert die physikalische Gestaltung unser Lebensbereiche. Wir betrachten die Orte unseres Lebens zunehmend als Zwischenräume, die wir permanent verlassen und verändern können.
Es scheint, als dass der Komplex zu der Wahrnehmungsinstanz geworden ist, wo wir das Einzelne noch erkennen, aber nur im Zusammenspiel einer grösseren Ordnung.
[Wir nennen dies heute gerne Sharing, aber statt damit den sozialen Wert des Teilens zu meinen und damit auch die persönliche Aufgabe zum Nutzen anderer, geht es vor allem um den individuellen Nutzen im Fluss der kommerziellen Möglichkeiten.]

Wir akzeptieren zunehmend eine Welt der generischen Entwertung aller Dinge, die uns umgeben bzw. mit denen wir uns freiwillig umgeben. Mit einem Ding meine ich ein konkretes Objekt, ein Raumgebilde. Stellen wir uns einen Tisch vor, etwas, was in unserer Welt, also in unserem nutzbaren Raum, denselben um den Wert seiner Nutzung verdrängt.
Wir stellen einen Tisch in einen Raum, um an diesem Tisch etwas zu tun. Vielleicht essen wir, vielleicht lesen wir eine Zeitung, wir arbeiten möglicherweise daran oder sitzen dort mit Freunden zusammen und gestalten gemeinsam die Zeit des Zusammenseins.

Der Nutzen kann dabei sehr konkret sein. Eine Gesellschaft verhandelt permanent die Nützlichkeit der Dinge und ihres Wertes in Relation zur Leistungsfähigkeit der Gesellschaft selbst. Neben den ökonomischen Triebkräften versteckt sich hier meist auch eine Ethikdebatte darüber, was wir als normal empfinden, was gegenüber den direkten oder indirekten Herausforderungen (einer Gesellschaft als Ganzes) begründbar ist.

Es ist in Ordnung, einen Tisch dieser Grösse und Art zu besitzen, weil…, aber dieser [andere] Tisch bzw. ein zweiter, ein dritter wird möglicherweise als unangemessen eingeschätzt (über die Prinzipien dieser Verhandlungen sowie zum Themenkomplex der Machtgefüge in Gesellschaften kann, wer mag, gerne auch den Text Reanimationspolitik weiterlesen).

Der Tisch verdrängt jedoch nicht nur den verfügbaren Raum um den Wert der damit möglichen Nutzung – sofern wir einen Raum als Ort verstehen, der einen Nutzen haben sollte – er verdrängt auch alle anderen Tische, die in diesem Raum stehen könnten. Immer in Relation zu allen Faktoren einer möglichen Entscheidung, die wir treffen bzw. wir uns generell leisten können. Diese [generellen] Faktoren sind üblicherweise ökonomisch determiniert. Wir haben nur für diesen oder vergleichbare Tische die finanziellen Mittel. Andere Tische übersteigen unsere Möglichkeiten in der [zeitabhängig begrenzten] Situation unseres Lebens.

Ein weiterer Faktor ist die Erreichbarkeit der von uns begehrten Dinge, verbunden mit dem Wissen, dass es weitere Optionen zur Auswahl überhaupt gibt (diese also erreichbar wären). Wir gewöhnen uns langsam daran, nahezu alle Tische, welche innerhalb unserer finanziellen (bzw. generellen) Rahmenbedingungen im Prinzip erworben werden könnten, sollten auch erreichbar sein und verbinden dies mit der Qualität unseres Lebens.

Anders ausgedrückt bildet die Basis der generellen Machbarkeit bzw. Erfüllung unserer Wünsche (die wir dringend von unseren Bedürfnissen unterscheiden sollten) eine Erwartungshaltung, welche sich grundsätzlich von unserer körperlichen Realität, von den wirklichen Bedingungen unserer Existenz abgekoppelt hat. Warum ist das so?

Einfach darum, weil wir hier einer Schimäre (Chimäre oder auch Trugbild) aufsitzen. Ohne die uns umgebenden, vorwiegend ökonomisch dominierten Systeme wäre nicht nur weniger realisierbar, das meiste wäre für uns nicht einmal vorstellbar, da wir keine Kenntnis darüber hätten, es wäre noch mehr und damit auch mehr Tische verfügbar.

Nun lässt sich leicht sagen, wir sollten uns über diese Realität unserer Gegenwart keine Gedanken machen, da wir ja auch nicht das uns umgebende Wetter infrage stellen (können). Das ist soweit klar und auf den ersten Blick vielleicht auch erst einmal zu akzeptieren.
Möglicherweise ist aber schon dieser Gedanke ein Trugbild.

Denn wir sind in beiden Fällen Teil komplexer Systeme und deren Zusammenhänge. Sicher nicht im Rahmen unserer individuellen und unmittelbaren Möglichkeiten, dem, was wir persönlich bedingen, auslösen und dadurch selbst und direkt zur Ursache (kausal) einer Entwicklung werden.
Aber im Zusammenhang einer im Prinzip konkreten Messbarkeit unserer Aktivitäten und ihrer Wirkmächtigkeit für grössere und damit am Ende auch globalen Zusammenhänge.

Denn wir sind immer auch Teil einer [unteilbaren] sozialen Hyperstruktur, die in ihrer kombinierten Ballung der Möglichkeiten eine immense Wirkung entfaltet, sich aber gleichzeitig von der uns umgebenden mittelbaren Physik scheinbar trennt, sich mental irgendwie aus dem Staub macht und in einer digitalen Aura aufgeht.

In einem anderen Text mit dem Titel Systemik spreche ich in dem Zusammenhang von Systemic Economy. Damit meine ich die veränderten Mechanismen der globalen Ökonomie, wie sich diese seit den frühen 1980er Jahren exponentiell entwickelt hat. Ein Leitsatz ist mir dabei besonders wichtig:

Die physikalische Welt verliert ihre Bedeutung in Relation ihrer Kompatibilität zu einer digitalen Lösung.
Damit verändern sich die ökonomischen Werte des einzelnen Angebotes in Abhängigkeit zu diesem Effekt.

Damit verbinde ich vor allem die Frage nach dem Nutzen. War dies in der zeitgeschichtlichen Vergangenheit das Ding, das Objekt als solches, so verändert sich genau dieser [dingliche] Nutzen zu fluiden Varianten unseres potenziellen Leben. Das Potenzielle wird zu einem Beta-Effekt dessen, was sich in unserer Wahrnehmung immer weiter zu einem Filter permanenter Optimierung verschiebt.
Wir treiben dabei in einer Aura des Konsums, der Bildung immer neuer Komplexe (Varianten), die für sich alleine einen [neuen] Wert darstellen. Was aber macht das mit dem Wert des Einzelnen?

Der für uns relevante Wert emulgiert, so scheint es, zu einem permanenten Fluchtpunkt, gekennzeichnet durch austauschbare Objekte, ohne dass diese noch für den konkreten [unseren] Ort eine langfristige bzw. identitätsstiftende Bedeutung hätten. Die Objekte wirken, selbst in ihrer physikalischen Präsenz, auch wenn wir uns an ihnen stossen können, vielfach wie Simulationen [2] [3] dessen, was alles möglich scheint, was wir in der Folge wieder verändern können.
Immer weitere, sich stetig ausbreitende Aspekte unseres Lebens wirken wie eine Art permanent verfügbarer Browser (engl. to browse, ‚stöbern,).

Wir stöbern innerhalb unserer Rahmenbedingungen, überwiegend ökonomisch definiert, oft einfach situativ, vor allem aber emotional bestimmt. Dieses Flanieren scheint von einem subtilen Schimmer der Macht umgeben zu sein. Wir können es, daher ist das Tun verführerisch.
Eines meiner Lieblingszitate von Baruch de Spinoza, 1632 – 1677, dazu:

Nicht weil eine Sache gut ist, begehren wir sie.
Sondern weil wir sie begehren, erscheint sie uns gut.

Baruch de Spinoza

Wir scheinen einen Sinn darin zu erkennen (oder zu suchen), die nächste Version unserer Realität immer schon dann vor unserem inneren Auge zu visualisieren, wenn wir einen neuen Zustand erreicht haben. Wir betrachten die Welt im Zusammenspiel der Dinge, der Objekte, in ihrer flüchtigen Austauschbarkeit und damit wird unser Leben zur Versionierung [2] sich permanent verändernder Anordnungen. Wobei die jeweils folgende Version die bestehende [alte] übertreffen sollte.

Tatsächlich verengt sich die Möglichkeit zur konkreten Auswahl eines gewünschten Objektes im physikalischen Raum immer weiter. Der Impuls zum Erwerb eines Dings wird heute weitgehend digital aufgesaugt, wir betrachten [unsere körperliche] Bewegung und [unseren konkreten] Aufwand eher als einen Klick, denn als eine Serie von Schritten in unserer echten [pysikalischen] Umwelt.

Das Problem ist dabei nicht der Klick zu einem Wunsch. Das Problem ist, dass sich damit unsere reale Welt zunehmend entleert und zu einem logistischen Prozess mutiert.

Dieser Prozess generalisiert sich in unserer Alltäglichkeit zu einem Ablauf, den wir rituell mit unserem Leben und dem der anderen verbinden. Unternehmen verstehen dabei die sweet spots unserer Verführbarkeit so gut, dass wir kaum noch in der Lage sind zu erkennen, wie sublim dieser Vorgang tatsächlich funktioniert. Wer mag, kann hier in dem Text mit dem Titel Irrationalismus weiterlesen (bzw. stöbern).

Unsere Realität war über die Jahrhundertausende der Menschwerdung [2] [3] von der Gravitation der Dinge bestimmt. Das Ding als Objekt, seine Schwerkraft in Relation zu unserem [verletzlichen] Körper bestimmte unsere Wahrnehmung. Ein Ding hatte üblicherweise eine konkrete Bestimmung. Im Idealzustand gab es dafür eine eindeutige Ordnung.

Ein Tisch, der für alle Personen einer Lebensrealität (zum Beispiel eine Familie) Platz bot, stand in der Küche, da an diesem Ort das tägliche Essen sowohl praktisch und damit effizient, als auch sozial (die Gemeinschaft hat einen Treffpunkt) gut funktionierte. Wir sprachen von einem Trubbild. Warum?

Im Cambridge Dictionary wird der Begriff Simulacrum beschrieben als something that looks like or represents something else. Damit ist gemeint, dass etwas Ähnlichkeiten hat oder als eine Art Symbol dieses Etwas repräsentiert. Das Problem beginnt dann, wenn das Symbol zu einer Placebowirkung für unsere gegenseitige [individuelle] Wahrnehmung mutiert, uns damit selbst zu Objekten degradiert, die ihren Sinn durch einen Schein erfüllt. Wie schon in einem Text unter dem Titel Human Data thematisiert, könnte man diesen Gedanken mit folgenden Leitgedanken eingrenzen:

Die Existenz erfordert Präsenz.

Die Präsenz wird zum Medium.

Das Medium wird zum Symbol.

Das Symbol ersetzt die Existenz.

Bleiben wir noch einen Moment bei dem Begriff Simulacrum. Nach Roland Barthes, 1915 – 1980, erhält der Begriff eine positive, sagen wir produktive Richtung. Ein Simulacrum ist nach Barthes eine Form der programmatischen Ähnlichkeit, die dem ursprünglichen Ding zwar ähnelt, dieses aber nur auf seine Nützlichkeit untersucht, also herausfinden will, nach welchen Regeln es seine Wirkmächtigkeit entfaltet bzw. welche grundsätzlichen Funktionen zu seiner Berechtigung führt. Man könnte auch sagen, warum das Ding in unserer Welt erfolgreich werden musste.

Wenn wir diese Aussage für einen Moment so akzeptieren und als Betrachtungsfilter nutzen, warum manche Dinge in unserer fluiden Gegenwart zwingend erfolgreich werden mussten, so können wir uns neben vielem anderen fragen, warum die Idee eines Computers erfolgreich werden musste?

Wir betrachten die Dinge meist im engen Winkel ihrer Nutzung, die unseren Alltag praktisch resonieren (wie der ideale Klangkörper eines Intrumentes), übersehen dabei aber häufig den grösseren Zusammenhang. Wenn wir diesen Zusammenhang auf seinen Kern reduzieren, dann kann man die Position vertreten, ein Computer musste erfolgreich werden, da dieses Ding das erste von Menschen gemachte Werkzeug war, das einen Vorgang ohne Verlust rückgängig machen konnte.

Die Möglichkeit der Funktion Undo erlaubte zum ersten mal, dass eine Handlung nur eine Simulation einer Tätigkeit war, aber keine Konsequenz bedeutete. Das war das Neue, war im Kern (Nukleus der Innovation) verführend und damit zum Erfolg gezwungen. Was aber bedeutet dieser Gedanke für unsere gegenwärtig normale, unsere reale Welt?

Der Medientheoretiker Jean Baudrillard, 19292007, nutzte den Begriff Simulacron vor allem, um die Auflösung einer eindeutigen Zuordnung zu einer Quelle und damit zu dem Original bzw. der Referenz beschreiben zu können. Er ordnete seine Gedanken und Betrachtungen unter den Begriffen Imitation, Produktion und Simulation und entwickelte seine darauf aufbauende Medientheorie vor allem als einen historischen Prozess, der in unserer aktuellen Gegenwart mit dem Metabegriff deep den Spannungsbogen von einer heilsbringenden Lösung für alles, zu einem allumfassenden Untergangsszenario beschreibt.

Ich will diesen Text nicht mit dem Begriff der Künstlichen Intelligenz überlasten. Aber letztlich sprechen wir von [digitalen] Systemen, die unserer individuellen Welt die Aura totaler Kontrolle beimengen, ohne dass wir in unserer körperlichen und mentalen Reduziertheit nur in die Nähe der Illusion dieser Kontrolle kommen könnten.

Natürlich gilt das schon für den ersten, von Menschen gemachten Hammer ebenso wie für eine technische Lösung, die es erlaubt vom Boden abzuheben und zu fliegen. Was ist also der wichtige Gedanke unter der Überschrift Die Singularität der Beliebigkeit mit dem Fokus auf das Objekt?

In meiner letzten Forschungsarbeit an der Universität der Künste in Berlin im Jahr 1991 (Diplomarbeit mit dem Titel KIT – Kinetic Interface Tool) sprach ich in der begleitenden Thesis von einem [digitalen] Personal Kingdom und meinte damit die Simulation einer [gefühlten] Allmächtigkeit, welche wir in Zukunft in unseren Taschen tragen würden.

Die perfomanten Tools unseres digitalen Alltags erzählen uns davon heute in jedem Augenblick.
Die Orte der Welt, welche wir über finanzielle Transaktion erreichen können, nivellieren das Bedürfnis von Wohnen über eine profilgerechte Auswahl (Airbnb, Booking, u.a.).
Die gewünschten Dinge unserer Lebenswelten sind in jedem Augenblick (aus-) wählbar, lieferbar und entsorgbar (Retourenmanagement), wenn dies von uns für nötig erachtet wird (Amazon, u.a.).

Vielleicht übernehmen [digitale] Assistenten in Zukunft die Empathie (Fähigkeit) unserer Gespräche mit anderen. Vielleicht vertrauen wir diesen externalisierten Systemen mehr als unserer eigenen Fähigkeit, in jeder Situation die richtigen Worte zu finden. Vielleicht verändert sich an diesem Punkt der sich amorph entwickelnden Selbstaufgabe die Idee unserer Spezies.

Die digitale, polydirektionale Extrospektion, also die permanente Kontrolle all unserer bewussten bzw. unbewussten Aktivitäten, degradiert uns über die Zeit von einem selbsterkennenden und autonom handelnden Subjekt zu einem Objekt eines Systems.

Vergleichbar der Idee einer objektorientierten Programmierung aus den frühen 1990er Jahren (Alan Kay der Entwickler von Smalltalk hatte diese Entwicklung vermutlich nicht im Sinn), wird jede ökonomisch relevante Existenz auf diesem Planeten Teil einer Verwertungsstrategie, die ich gerne im übertragenen Sinn Komplementärstrategie nenne. Was soll das sein?

Unsere Versorgung, unsere Sicherheit, unser ganzes Leben diffundiert in einer feinstofflichen Wahrnehmung von Service. Eine Leistung, die wir zwar bezahlen müssen, die aber perfekt auf unsere [finanziellen] Möglichkeiten abgestimmt sind. Und wenn dies mal nicht der Fall sein sollte, dann gibt es so lange Kredit, so lange wir leben. Und darüber hinaus. Allerdings nur, solange wir dafür sorgen konnten, dass auch nach unserem Tod für Zinsen und Tilgung gezahlt werden kann.

Das verführerische Angebot für ein [gefühltes] Leben nach dem Tod bekommt damit eine neue Bedeutung. Wenn wir uns nur noch symbolisch wahrnehmen, nur noch ein Abbild in varianten Fiktionen sein wollen, dann hat unser physikalisches, unser biologisches Lebens seine bedrohliche Abnutzung ein wenig verloren. Wir wissen ja, dass wir nie wieder gelöscht werden können. Teilweise scheint dies entspannend zu sein. Teilweise auch nicht.

Zum Entspannen nach dem Lesen ein Filmtipp, der auf eine gewisse Weise ganz gut passt.

Für alle die gerne den zweiten Teil lesen wollen: SINGULARITÄT DER BELIEBIGKEIT_2 [funktion] = folgt.

Für alle die gerne dritten Teil lesen wollen: SINGULARITÄT DER BELIEBIGKEIT_3 [position] = folgt.

© Carl Frech, 2022:

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