IRRATIONALISMUS

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Der Irrationalismus scheint eine Besonderheit des Menschen zu sein. Und wenn nicht, was dann?

Stefan Selke vertritt in seinem Buch Lifelogging die These, dass der Irrationalismus die letzte Chance des Menschen sei, gegen das Potenzial der Digitalisierung, vor allem der Künstlichen Intelligenz einen souveränen Gegenpol darzustellen. Das klingt in der Lautstärke der Aussage clever und nachvollziehbar. 

Es ist kaum ein Geheimnis, dass schon die ersten Taschenrechner in ihrer Rechengeschwindigkeit auch nicht von Menschen mit einer mathematischen Inselbegabung (Savant-Syndrom) übertroffen wurden. Einer der ersten Taschenrechner, der deutlich mehr als die Grundrechenarten beherrschte, war der HP-35 von Hewlett Packard. Einer seiner Entwickler war Steve Wozniak. Es liegt vermutlich in der Logik der Sache, dass er kurz darauf als Mitgründer von Apple zu einem Pionier des Personal Computers und damit auch in der evolutionären Konsequenz aller darauf aufbauenden digitalen Geräte (Devices) wurde. 

Der Rationalismus, also die Berechenbarkeit, ist letztlich die Grundlage digitaler System. Sie zerlegen die immer auch ikonische Symbolik [2] unserer Sprache bzw. ihrer Zeichen in die symbollose Version des binären Codes und erreichen durch diese bedeutungslose Offenheit jene Basis, um alles, genauer gesagt, alles von Menschen gedachte, berechnen zu können.

Nun ist der Begriff des Rechnens sicher sehr verkürzt, wenn man die tägliche Nutzung digitaler Medien, nicht zuletzt auch jene, welche im Verborgenen des Alltags stattfindet, betrachtet. Tatsächlich ist die Sorge von Stefan Selke in dem oben genannten Buch eher jene, dass der Mensch sich durch seine eigenen Entwicklungen langfristig in die zweite Reihe stellt oder gar überhaupt überflüssig wird bzw. sich nur noch für die einfachen Aufgaben empfiehlt. 

Aber was sind heute einfache Aufgaben, noch wichtiger, was werden in Zukunft die einfachen Aufgaben sein? Es liegt in der Natur dessen, was der Mensch macht bzw. machen muss, um sein Überleben zu sichern, dass sich diese Aktivitäten permanent ändern.

Die Arbeit, vor allem in der Historie ihrer Entwicklung, hat dazu geführt, dass sich in den vergangenen wenigen Jahrzehnten auch die Idee der Arbeit selbst massiv gewandelt hat. War Arbeit in der Vergangenheit eine Art externalisierter Vorgang, der mit dem idealen, dem gewünschten und erhofften Leben nur wenig oder gar nichts zu tun hatte (auch, wenn er den grössten Teil dessen eingenommen hat), so ist die Idee von Arbeit im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts und natürlich auch in der öffentlichen Diskussion des laufenden, eine Beschäftigung, welche nicht zuletzt die Sinnfrage des individuellen Lebens beantworten soll, also das Leben selbst zu repräsentieren hat. Arbeit ist heute vor allem die Entfaltung von Potenzialen jedes Einzelnen oder soll dieses wenigstens idealtypisch fördern. 

Nun scheint diese Art der Arbeit, also jene Tätigkeit, welche generell dafür da ist, das individuelle Leben zu finanzieren, in vielen Bereichen unserer industriellen Kultur gefährdet. Viele Aktivitäten werden extern übernommen, man könnte auch davon sprechen, dass wir durch die Digitalisierung in einem Prozess der totalen Integration von allem sind und dieser Prozess vor allem von supranationalen Unternehmen gesteuert wird, die sich einer Regulierung aus der Perspektive lokaler Gemeinschaften entziehen. 

Die Verführung, also die Gründe, warum Menschen dieser Entwicklung folgen, ist dabei ein relativ einfacher Vorgang, da die offensichtlichen persönlichen Vorteile in eklatanter Geschwindigkeit für den Einzelnen deutlich werden. Die Externalisierung persönlicher und professioneller Vorgänge (jeder Grössenordnung) führt in kürzester Zeit zu einer wahrnehmbaren Optimierung derselben, wenigstens aber zu einer höheren Effizienz im ökonomischen Sinn.

Für Unternehmen, für Institutionen wie für den einzelnen Menschen stellt sich daher die Teilnahme und indirekt auch die Teilhabe (da man ja mit seinen persönlichen Inhalten, also Daten, nicht nur Teil derselben wird, sondern die Idee einer digitalen Plattform füttert) nicht mehr als ein wirklich freiwilliger Akt dar, sondern als einen, der zwingend notwendig ist, um in unserer Gesellschaft langfristig funktionieren zu können. 

Genau an dieser Stelle stellt sich die Frage, was der Mensch tun soll, wenn relevante, vor allem grossflächige Lebens- und Arbeitsbereiche von digitalen Systemen und Medien übernommen werden. Schlicht, weil sie effektiver und effizienter sind.

Der Irrationalismus könnte natürlich ein Hebel sein, um dem Menschen seine sinnstiftende Existenz zu sichern. Man kann ja vermuten, dass digitale Systeme genau hier ihren Mangel haben. Sie sind eben nicht in der Lage, irrational zu agieren bzw. irrationale Prozesse in Gang zu setzen. Aber ist das so?

Im Sprachgebrauch des Wortes wird Irrationalismus sicher überwiegend mit der Unvernunft (Ratio) in Verbindung gebracht. In seiner darüber hinaus gehenden Bedeutung vielleicht auch mit der Überzeugung, dass die Welt eben nicht nur über die reine Vernunft erfassbar ist, sondern sehr viel komplexer verstanden werden muss, um darin tatsächlich erfolgreich agieren zu können. 

Dabei geht es oft um den Unterschied, welcher in der Folge zu einem Ergebnis führt. Der von Gregory Bateson geprägte Satz The difference that makes a difference bietet eine Art Narrativ [2] für das, was im Irrationalismus zum Ausdruck kommt. Das Ergebnis mag identisch oder vergleichbar sein, aber der Prozess, welcher dazu führt, kann eben unterschiedlich ausgeprägt sein. Bateson, vor allem als Psychiater tätig, nutzt dafür das Bild eines Hundes, der durch einen Tritt bewegt wird. Im einen Fall ist die Energie des Trittes jene, die den Hund bewegt. Im zweiten Fall ist der Tritt der Auslöser, dass der Hund sich selbst bewegt. 

Sicher, vor dem Hintergrund heutiger Ansprüche an sozialethisch korrekte Vergleiche, keine schöne Metapher. Sie erfüllt aber ihren Zweck, um zu beschreiben, was unter der Überschrift der Irrationalität hier besprochen werden soll. Es geht um die Frage, welche Bedeutung Irrationalität in der Evolution der Dinge tatsächlich hat und ob diese nur ausserhalb der Digitalität stattfinden kann, also beim Menschen oder einem anderen biologischen System? 

Um meine Überzeugung gleich voranzustellen. Ich denke, dass Irrationalität beim Menschen durchaus einer gewissen Programmatik unterworfen ist und im Umkehrschluss, dass die Simulation derselben über digitale Systeme mehr als vorstellbar ist. 

Weiter und provokativer ausgedrückt ist es geradezu der Wert hoch entwickelter digitaler Systeme, dass sie den irrationalen Faktor als Systemmerkmale inkludieren. 

Es wird zukünftig ein relevanter Erfolgsfaktor hoch entwickelter digitaler Systeme, dass sie irrationale und damit der menschlichen Emotion nachbildende Faktoren als Systemmerkmal inkludieren.

In der Strenge der Spekulation von Stefan Selke könnte man nun natürlich behaupten, dass nie alle potenziellen [irrationalen] Aktionen Teil eines Programms werden können und immer ein unvernünftiger Ausweg bleibt. 

Sicher kann man das behaupten, aber eben nie beweisen. Allerdings kann man mit den zugänglichen Beispielen leicht darstellen, dass die Wahrnehmung des Menschen die Schleuse für individuelle Bewertung darstellt. Mehr kann der Mensch mit seinen sensorischen und kognitiven Möglichkeiten nicht leisten. Aber natürlich auch nicht weniger.

Nur ein Beispiel: Die Auflösung und das Farbspektrum der Augen eines Adlers ist dem des menschlichen Auges bei Weitem überlegen. Das liegt vermutlich in der wesentlich längeren Zeitspanne, wie diese sich als Flugwesen evolutionär entwickeln konnten. Erdgeschichtlich und damit in Grenzen spekulativ gehörten Flugsaurier zu den wenigen Lebewesen, die vor ca. 66 Millionen Jahren den Einschlag eines Asteroiden auf der Erde überlebten. Die Erde war nach diesem Einschlag für Jahrzehnte sowohl in relativer Dunkelheit wie auch durch einen damit verbundenen Temperatursturz um ca. 20 Grad eine lebensfeindliche Welt. Nur kleine oder eben sehr mobile Lebewesen hatte hier eine Chance zum langfristigen Überleben. Unsere heutigen Adler gehörten zu deren direkten Nachfahren. 

Ihre Augen haben eine ca. siebenfach höhere Auflösung als die eines menschlichen Auges. Sie können, da sie im Vergleich zu den drei Zapfen im menschlichen Auge über fünf Zapfen verfügen, deutlich mehr, vor allem deutlich differenziertere Farben wahrnehmen. Ihre Augen, welche seitlich am Kopf liegen, aber noch klar genug nach vorne ausgerichtet sind, können sowohl eine Art Panorama (also ein deutlich grösseres Sehfeld) wahrnehmen, zusätzlich haben sie die Möglichkeit, ein deutlich grösseres Sichtfeld scharf stellen zu können. 

Besonders beeindruckend: Da sie zwei Sehschärfezentren haben, können sie nicht nur einen Fokus im Blickfeld scharf stellen, sondern auch einen weiteren im direkten Umfeld. Ausserdem ist ihre Fähigkeit zur Reaktion dem menschlichen Auge bei Weitem überlegen. Die klassische Geschwindigkeit beim Film liegt bei 25 Bildern pro Sekunde (FPS – Frames per second). Einfach darum, da danach die Trägheit des menschlichen Auges die Übergänge zwischen den einzelnen Bildern nicht mehr wahrnimmt. Das Auge des Adlers funktioniert mit ca. 150 FPS. Es hat also eine sechs mal höhere Reaktionsfähigkeit. Das Überleben des Adlers ist daher weit stärker geschützt als bei anderen Säugetieren [2] die schlicht die kommende Gefahr nicht so schnell wahrnehmen.

Dieses Beispiel soll illustrieren, dass wir eben nur das erfassen können, was in unserem Vermögen, in unseren menschlichen Anlagen liegt. Daher ist das vermeintlich Irrationale immer auch eine Frage der Interpretation bzw. generell damit verbunden, dass wir diese überhaupt sehen, sie realisieren.
Vieles, was in unserem Gesichtsfeld jeden Tag auftaucht, von uns wahrgenommen und differenziert werden muss, ist davon gekennzeichnet, wie wir permanent damit beschäftigt sind, eine Entscheidung darüber zu treffen, was einer uns vertrauten Norm entspricht und was eben von dieser gesellschaftlichen (immer zeitlich begrenzten) Konvention abweicht. Aber was ist dann tatsächlich irrational, bzw. würden wir eine digital [berechnete] Form der Irrationalität tatsächlich von einer menschlich gemachten unterscheiden können?

Das nicht unserer Vernunft entsprechende ist daher mehr als nur die Frage nach der rationalen Sicht, mit der wir die Welt komplett erklären und beschreiben könnten. 

Oder wie erklären wir rational die Tatsache, dass Menschen mit einem Tier an der Leine durch eine Stadt laufen? Wie erklären wir, dass Menschen an einem Seil aus Gummi aus grosser Höhe in die Tiefe springen? Wie erklären wir, dass Menschen sich in der direkten Umgebung anderer Menschen, die sie überhaupt nicht kennen, in die Luft sprengen? Wie erklären wir, dass Menschen ihre Haut bleichen und davon krank werden? Wie erklären wir, dass Menschen ein Kilo Fleisch für zwei Euro kaufen, wissend, dass dies nur mit dem Leiden eines Tieres verbunden sein kann und gleichzeitig vermutlich nicht gesund für den eigenen Körper ist? Wie erklären wir, dass Menschen an ein Leben nach dem Tod glauben? Wie erklären wir, dass Menschen sich verlieben? 

Es wird bei dieser wilden Mischung von Fragen nach dem Irrationalismus schnell klar, dass das Irrationale immer auch in Kontakt zur Moral und Ethik, zu der jeweiligen kulturellen Konvention, aber auch generell in Bezug zu dem steht, was wir diffus Glauben nennen. Wenn wir diese und weitere tradierte bzw. ritualisierte Effekte mit in die Betrachtung zum Irrationalismus nehmen, dann weicht der Begriff immer weiter auf, hin zum unerklärbaren. Wenn sich der Begriff aber der Deutung entzieht, dann könnte man natürlich leicht sagen, dass dies ja genau der tiefere Sinn des Begriffes selbst ist. 

Aber genau hier würden wir es uns möglicherweise zu einfach machen. An dieser Stelle sollten wir vorsichtig sein, da das Irrationale eben auch oft das Enzym für die Manipulation des Menschen ausmacht. 

Wenn Glaube und Intuition zu dem erklärt wird, was eine höhere Erkenntnis oder ein tieferes Verständnis überhaupt erst erlaubt, dann ist dies wenig erstaunlich, da nahezu jede Religion, jede Mystik so funktioniert. 

Wenn Terrorismus die Irrationalität und damit das Potenzial zur Manipulation von Menschen zur Taktik missbraucht und damit zu einer Form der Kriegsführung und Gewalt, dann zeigt sich damit eine andere Perspektive. Nahezu jede Form asymmetrischer Kriegsführung funktioniert so. 

Wenn Werbung [2] [3] es schafft, dass Menschen für ein Produkt einen höheren Preis bezahlen, da sie den Namen kennen bzw. diesen an vielen Stellen ihres öffentlichen Lebens schon oft gesehen haben und auch andere Menschen, welche sie kennen, dieses Produkt oder diesen Service kaufen, dann ist dies natürlich überhaupt nicht erstaunlich. Marketing und Kommunikation funktioniert so.

Würden wir diesen Vorgang mit der zeitlichen Distanz von auch nur 100 Jahren vor unserer Zeit betrachten könnten, dann wäre das identische Beispiel vermutlich stark unverständlich und damit irrational. Oder wenigstens surreal, da es sich ausserhalb der damaligen Erfahrungswelt positioniert.

Diese Beispiele und Gedanken sollen vor allem zeigen, welche Bedeutung der Irrationalismus in Bezug auf unsere von Digitalisierung geprägte Welt tatsächlich hat. Wenn also unsere Wahrnehmung den Unterschied nicht mehr wahrnehmbar macht, dann ist eben auch der Irrationalismus soweit programmierbar, dass wir glauben oder glauben mögen, es wäre Teil des Systems bzw. es wäre Teil dessen, was wir selbst und damit bewusst gewählt hätten.
Es wäre also Teil der Welt, die wir als echt und wirklich bezeichnen würden. Vor diesem Hintergrund wird die Unterscheidbarkeit zwischen der sogenannten analogen und der digitalen Welt zunehmend diffuser und ist im Zweifel kaum mehr möglich.

Wenn wir zum Beispiel einen Kauf bei Amazon betrachten, ein inzwischen normaler täglicher Akt, dann ist es erstaunlich, mit welcher Bereitschaft bzw. Kritiklosigkeit dieser Vorgang getätigt wird. 

Auch wenn man diese Aussage moralisierend verstehen kann, es geht hier vor allem um die Prozesse und ihre Wirkung auf den einzelnen Menschen als Käuferin und als Käufer.

Die Irrationalität wächst proportional mit der Ritualisierung dieses Ablaufes einer Transaktion. Der Kaufvorgang bei Amazon wird vergleichbar und eingebettet in den archaischen Affekt, der mit einem lebenssichernden Erfolg wie zum Beispiel dem erfolgreichen Jagen eines Tieres verbunden ist, in seine emotionalen Bestandteile zerlegt.

Dieser klassische Prozess ist in einer vergleichbaren Situation, die mit dem Kauf in einem physikalisch konkreten Geschäft nach dem Bezahlen abgeschlossen wird, durch diesen in der Regel abgeschlossen. Die emotionale Zufriedenheit (durch eine höhere Konzentration von Dopaminen, Endorphinen, Serotonine und andere Neurotransmitter in unserem Gehirn) ist während einem Kaufvorgang wirksam, verliert sich aber relativ zügig im darauf folgenden Geschehen des weiteren Alltags.

Eine Bestellung und der damit verbundene Kauf bei Amazon zerlegt diesen Bestellprozess in mehrere Phasen und damit auch die damit verbundene emotionale Zufriedenheit.

Verstehen wir, was Amazon tatsächlich bewirkt? Auch wenn es noch so banal wirkt. Fünf zentrale Phasen eines Einkaufs bei Amazon.

01 Das ritualisierte Format der Auswahl, kombiniert mit der scheinbaren Kontrolle über die Anzeige der gefundenen Produkte. Vertrauen wird hier dadurch gesteigert, dass, als ein Akt scheinbaren Neutralität, zu der Wahl des einen Fundstückes immer weitere mögliche Produkte als gleichwertige Angebote gezeigt werden. Diese scheinbare Kontrolle schafft die Illusion der Sicherheit.

02 Die soziale, wenn auch abstrakte Verbindung eines möglichen Produktes mit der persönlichen Erfahrung und Empfehlung durch einen anderen Menschen (und damit die Ebene des Glauben). Damit ist auch die angenehme Sicht verknüpft, dass diese [wenn auch unbekannte] Person das gleiche Ziel hatte, also ähnliche Interessen bzw. Wünsche hat und damit vertrauenswürdig sein muss.

03 Die Bestellung wird möglichst so ausgelöst, dass der Vorgang des tatsächlichen Bezahlen soweit wie möglich in den Hintergrund gedrängt wird. Das bedeutet, dass diese [schmerzliche] Phase, welche bedeutet, dass die Person etwas geben muss (Geld), um das Gewünschte zu bekommen, idealerweise mit einem schnellen Klick erledigt wird und damit zügig vergessen werden kann.

04 In der Folge erhält die Käuferin bzw. der Käufer jedoch sofort eine Bestätigung, dass die Bestellung ankam und man (Amazon) sofort im Sinne der Bestellung tätig werden wird. Neben dem [latent infantilen] wir haben dein Schreien gehört, ist mit der Bestätigung daher auch ein unterwürfiges wir machen, was du von uns verlangst verbunden und produziert ein Gefühl der Bedeutsamkeit bei der Person, die den Kauf getätigt hat.

05 Da die Bestellung mit der Aussicht verbunden war, dass das Produkt am nächsten Tag oder wenige Tage später kommen wird, ist die nächste Bestätigung, dass die Sendung nun (und wie vorhergesagt) auch abgeschickt wurde, ein weiterer Grund zur [Vor-] Freude. Es hat tatsächlich funktioniert! Das, was ich will, bekomme ich auch. Ich habe das erreicht, was ich [scheinbar] entschieden habe. Mit der anthropologischen Perspektive: Ich habe mich durchgesetzt.

06 In der Erwartung, dass meine Anweisung (die Bestellung) nun erfüllt wird, kommt in der Folge die Nachricht, dass ich nun die komplette Kontrolle über die Lieferung erhalte. Es gibt die Möglichkeit, exakt zu verfolgen, wo ES ist, idealerweise so detailreich, dass die Käuferin bzw. der Käufer [in der erhabenen Position von oben] auf einer Karte genau verfolgen kann, wo das GEWÜNSCHTE sich aktuell befindet.

07 Schliesslich kommt es zu der Erfahrung, das bestellte Produkt tatsächlich in den eigenen Händen zu halten. Wobei auch hier die Übergabe idealtypisch zur persönlichen Kontrolle erhoben wird. Nicht ICH muss mich bemühen, dass ich meinen Willen bekomme, sondern DIE müssen alles tun, damit ich zufrieden bin.

08 Final bzw. im Fall, dass ich doch nicht zufrieden bin mit meiner Auswahl, wird die [Rück-] Abwicklung des ursprünglichen Wunsches so leicht wir möglich inszeniert. Der eigene Aufwand wird so gering wie möglich gestaltet, vor allem soll möglichst nicht der Eindruck entstehen, daraus würde mir ein Nachteil zum Beispiel in Form eigener Kosten entstehen. Dass ich diese Leistung im Voraus als Klubmitglied bezahlt habe und auch mit jedem Kauf mit finanziere, soll mein Grundgefühl der Zufriedenheit nicht stören.

Man kann bei diesem Ablauf möglicherweise leicht erkennen, wie mächtig diese Struktur die [irrationalen] menschlichen Dispositionen einkalkuliert. Der Begriff der Irrationalität ist daher vor allem sehr dispers zu betrachten. Eine klare Einordnung scheint nicht möglich, da die Komplexität menschlichen Verhaltens bei gleichzeitiger Begrenzung durch den Korridor der [wach-] bewussten Wahrnehmung immer nur interpretiert werden kann. Und damit auch manipulierbar wird.

Um auf den Anfang dieser Betrachtung zum Thema Irrationalismus zurückzukommen: Es geht um die Relevanz und die damit verbundenen Einflussfaktoren digitaler Medien wie auch die Frage nach der herausragenden, der solitären Kompetenz des Menschen im Vergleich zu den [simulierenden] Potenzialen dieser digitalen Technologien und damit der Gefahr, dass sich der Mensch irgendwann überflüssig machen könnte.

Es bleibt final die Frage, ob dieser Zusammenhang (in einer fachlichen Terminologie: Mensch/Maschine) bzw. diese Unterscheidung überhaupt zielführend ist oder ob man nicht bestimmte Realitäten als gegeben betrachten sollte.

Die Frage nach dem Potenzial eines Flugzeuges stellte sich mit der Erfindung desselben nicht in Relation zu der Langsamkeit [2] des Menschen oder, um im Bild des oben genannten Taschenrechners zu bleiben, auch hier wurde nicht die Rechenkompetenz des Menschen bezweifelt.

Es waren immer die Potenziale der Erfindung bzw. der technischen Entwicklung, die im Nukleus der Neuerung den Erfolg schon im Ansatz zwingend in die Welt getragen haben.
Es war schlicht nicht möglich, dass sich die Idee nicht durchsetzen würde! Zu verlockend waren (und sind) die Möglichkeiten, treffen sie doch immer auf sehr archaische, tief im Menschen angelegte Wunschvorstellungen. Und meistens geht es dabei (als Teil des evolutionären Prinzips) um das Potenzial der eigenen Überhöhung.

Aber es ist eine Tatsache, dass wir in der digitalen Durchdringung unserer Welt möglicherweise an einen Schwellenwert kommen, der tatsächlich als Turning-Point gesehen werden sollte, nachdem sich grundsätzliche Lebens- und Arbeitsbereiche soweit verändert haben und vielleicht kein Zurück mehr ermöglichen. 

Allerdings ist auch diese Frage sicher nur aus der zeitlichen Distanz leistbar, da solche Prozesse ja nicht in Schüben, sondern in graduell extremer Kleinteiligkeit bzw. Verwobenheit mit der gesamten Realität stattfinden und damit immer in einem kontextuellen [2] Zusammenhang gesehen werden müssen. 

Und wie gesagt, vielleicht ist es besser und dann auch wieder vernünftiger, die Irrationalität und ihre Programmierbarkeit als Realität anzuerkennen, um dann in der Folge wieder zu individuellen Ergebnissen zu kommen, die wenigstens einen relativ hohen Gehalt an dem so wichtigen Eigenen haben können.

Oder wie Sherlock Holmes einmal auf die Frage, warum er auf dem Stockwerk nach Indizien sucht, wo der Mord nicht stattgefunden hat, antwortete: Dort hätte ja noch niemand gesucht (und er wäre damit der erste). 

Warum also nicht? Wer weiß?

© Carl Frech, 2020

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