SINGULARITÄT DER BELIEBIGKEIT_2 [funktion]

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Eine einzelne Handlung wird zunehmend zu einem abstrakten Erlebnis. Wir gewöhnen uns daran, dass unser Tun nur noch übersetzt wird.

Das Wort Beliebigkeit scheint sich schnell zu erschliessen. Wenn etwas beliebig ist, dann hat es vermutlich keinen besonderen Wert, es kann ohne Probleme ausgetauscht werden. Man könnte die Position vertreten, es ginge um Willkür, im extremen Fall auch um Zufall, da es keine besondere Rolle in unserem Leben spielt, eben weil es beliebig ist. Wir könnten darüber spekulieren, wir hätten kein Interesse an einer eigenen Meinung, einer eigenen Haltung. Es ist schlicht nicht wichtig, da es keine entscheidende Bedeutung für uns hat.

Man könnte den Begriff Beliebigkeit jedoch auch im Zusammenspiel von Pflicht, von Verantwortung oder auch Zuständigkeit betrachten. Man wäre Teil einer Gruppe, damit sozial eingebunden und hätte eine Aufgabe übernommen. Diese wäre jedoch so unwichtig, dass die Erfüllung niemanden interessiert, sie für das gemeinsame Ergebnis und damit auch den eigenen Ertrag keinen Wert darstellt.

Wir betrachten Beliebigkeit hier in Relation zu einer Person (also die übliche Perspektive auf unsere Welt bzw. die Welt der Anderen) und könnten damit von Verbindlichkeit sprechen. Wir fühlen uns etwas oder jemandem verbunden und verfolgen in und mit dieser Verbundenheit [2] unsere eigenen, wenn auch möglicherweise nur unbewussten Ziele. Wir folgen einem Motiv (das zu unserer Motivation wird bzw. werden kann). Das Gegenteil zum Begriff Beliebigkeit wäre die Unverbindlichkeit. Es kann, aber es muss nicht so sein. Je nachdem. Wir lassen unsere Entscheidung offen.

Bleiben wir noch einen Moment bei dem Wort Verbindlichkeit. Aus einer Rechtsperspektive sprechen wir dabei von einer Schuld zwischen Schuldner und Gläubiger. Die eine Person oder Partei hat darauf vertraut bzw. sich Sicherheiten geben lassen, dass die Forderung in einem definierten Zeitraum erfüllt und damit die Schuld zurückerstattet wird. In welcher Form auch immer.
Damit wollen wir uns hier nicht weiter aufhalten. Wichtig ist die Feststellung der Konsequenz, die bei einer Nichterfüllung droht. Ein zwischen den beiden Seiten geschlossener Vertrag soll jede Beliebigkeit bzw. Uneindeutigkeit ausschliessen.

Unter einer kritischen Betrachtung des Begriffs Beliebigkeit ließe sich behaupten, Menschen, die beliebig handeln, sind unzuverlässig, sie handeln willkürlich, sind sprunghaft, man könne sich nicht auf sie verlassen.
Mit einer positiven Sichtweise könnte man jedoch auch spekulieren, eine Person handelt freigeistig, ist offen für Neues und aufgeschlossen für Veränderungen. Sie würde sich nicht von den üblichen Normen bzw. Erwartungen einschränken lassen. Ihre Form eines beliebigen Handelns wäre eher einer Suche nach etwas Neuem vergleichbar.

Bei einer noch näheren Betrachtung des Begriffs und seiner Wortteile findet man beliebt. Man könnte dies als beliebt sein (bzw. dem Wunsch, beliebt zu sein), als wie es beliebt oder als es ist in dieser Weise beliebt interpretieren.
Je nachdem kommt eine unterschiedliche Distanz gegenüber einer bestimmten Sache oder Situation zum Ausdruck.

Immer geht es um eine persönliche Perspektive bzw. ein persönliches Bedürfnis. Es könnte sein (damit entstünde eine Art Paradoxon zur Betrachtung selbst), als wäre der Wunsch nach dem Gegenteil zur Beliebigkeit mit dem Begriff selbst zwingend verwoben. Ganz so, als wäre das nicht Beliebige überhaupt erst die Grundlage dafür, dass etwas beliebig sein kann. Es muss etwas Bedeutendes (wenigstens die Illusion davon) für uns erreichbar sein, damit wir etwas anderes zur Bedeutungslosigkeit erklären (natürlich nur, sofern wir uns dessen bewusst sind).

Spekulativ und mit anderen Worten: Menschen streben nicht gerne zur Beliebigkeit, da mit diesem Zustand auch eine gewisse Aufgabe von Kontrolle verbunden ist. In jedem Fall aber ein Zustand der hier thematisierten Bedeutungslosigkeit. Warum ist das für uns so wichtig?

Würden wir die Währung von Leben mit Zeit gleichsetzen, dann hätte man schlecht investiert. Die eigene Lebenszeit wäre für keinen oder nur für wenig Ertrag eingesetzt worden. Wer will das schon?

An diesem Punkt macht der umfangreiche Diskurs zum Begriff Beliebigkeit vielleicht mehr Sinn [2] [3]. Es geht mir um das Verständnis, ob wir die Übergänge unserer Handlungen als bewusste Entscheidungen wahrnehmen oder uns mit der Illusion begnügen, wir hätten [diese] eine Entscheidung alleine getroffen. Möglicherweise nehmen wir den Unterschied [2] immer weniger oder schon gar nicht mehr wahr.

Im ersten Text mit dem Titel Singularität der Beliebigkeit habe ich mich mit dem Leitgedanken Das Objekt wird zum Komplex beschäftigt. Hier konzentriere ich mich mit der Funktion und der Frage, wie sich diese langsam in der Erwartung bzw. der Sphäre von permanentem Kontext aufzulösen scheint. Bevor ich dieser Hypothese folge, ein Gedanke:

Die aufmerksame Leserin, der aufmerksame Leser könnte behaupten, dass sich die beiden Leitgedanken (Die Funktion wird zum Kontext und Das Objekt wird zum Komplex) sehr nahe sind bzw. sich kaum unterscheiden. Das ist absolut richtig. Vor allem ist es wichtig für das hier Folgende.

Dieser Text basiert auf der zweiten von drei Positionen, die ich unter der Überschrift Systemic Economy_1 in einem kurzen Text und eher grob beschrieben habe:

Das Objekt wird zum Komplex

Die Funktion wird zum Kontext

Die Position wird zur Relation

Wir betrachten eine einzelne Funktion zunehmend als Teil eines Systems und den damit erweiterten Funktionen. wir externalisieren weite Bereiche unseres Lebens in eine digitale Parallelwelt und verbinden diese mit anderen. Wir ökonomisieren in der Folge unsere Existenz und folgen den Prinzipien eines Angebots in einem Markt.
Wir glauben an den Wert dieses Tuns.
[Wie schon im dem Text zum Thema Permaactivity beschrieben, verbindet sich die einzelne Funktion dessen, was wir tun und auslösen, zunehmend mit einem System und den damit verbundenen Funktionen. Schlicht weil es die Digitalisierung erlaubt. Wir nennen dies heute gerne smart und meinen damit die Idee, dass alles miteinander vernetzt ist und dadurch ein Wert an sich entsteht.]

Wir sprechen von der Funktion und den damit verbundenen Kontext. Klar, das ist eine wenig greifbare, eine abstrakte Formulierung. Im Kern geht es mir um die Frage, was es für uns bedeutet, wenn wir eine Funktion nur noch in grösseren Zusammenhängen betrachten.
Was also versteht man bei genauer Betrachtung unter einer Funktion?

Die Anthropologie unterscheidet aus einer retrospektiven Perspektive die Funktionen von Werkzeugen (als Fundstücke). Dabei wird spekuliert, wie sich ein Werkzeug in seinem Gebrauch von der Nutzung durch Tiere unterscheidet. Dies ist eine wichtige Frage auf der Suche nach dem Zeitpunkt, wann sich die menschliche Spezies von der Tierwelt getrennt hat.
Im Prinzip macht man es sich einfach. Tiere, entsprechend den kognitiven Möglichkeiten, nutzen instinktiv Objekte bzw. Objekteigenschaften für die Bewältigung ihres Lebens. Wobei die meisten aus der Sicht der Biologie (Verhaltensforschung [2]) die Definition eines Werkzeuges und der damit verbundenen Funktion nicht erfüllen.

Wenn ein Vogel seinen Schnabel benutzt, um eine Nuss zu öffnen, ein zweiter Vogel mit kleinen Zweigen ein Nest baut, dann versteht man darunter keine Werkzeuge, da hier kein vom Körper externalisiertes [unbelebtes] Objekt benutzt wird, sondern der Schnabel; bzw. der andere Vogel ein Objekt, hier einen Zweig, durch die Kombination mit anderen Objekten zu einem neuen Ganzen summiert, es entsteht ein Nest.

Ein Werkzeug ist ein isoliertes Objekt mit einer definierten Funktion, das zum Zweck einer speziellen Problemlösung zum Einsatz kommt.

Tiere nutzen Objekte als Werkzeuge, aber sie erschaffen diese Werkzeuge nicht bewusst, indem sie eine materielle Vorlage so komplex verändern, dass daraus ein Ding mit einer neuen Funktion entsteht, welches davor nicht [funktionaler] Teil der umgebenden Natur war.

Man kennt allerdings bei [dem Menschen relativ nahe verwandten] Schimpansen die Nutzung von Stöcken, um an schwer Erreichbares in der Höhe zu kommen. Tiere nutzen Objekte auch als Waffe und damit zur verbesserten Verteidigung. Tiere können trainiert werden, einen gewissen Ablauf bei der Verwendung von Objekten einzuhalten, um damit ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Es bleibt jedoch, soweit heute bekannt, der menschlichen Spezies überlassen, ein Werkzeug zum Zweck einer Problemlösung vorab [in der Vorstellung] zu erdenken, zu planen, in der Folge dieses Werkzeug für einen bestimmten Zweck zu realisieren und daraus wiederum das Nötige zu lernen, um die Idee dieses Werkzeuges nachfolgend permanent zu verbessern.

Die ältesten frühmenschlichen Werkzeuge findet man in der Olduvai-Schlucht im Norden Tansanias. Diese Fundstücke sind über 2,5 Millionen Jahre alt. Das waren meist einfache Hilfsmittel, um beispielsweise einen besseren Hebel nutzen zu können, mit dem Geröll beseitigt werden konnte. Diese Werkzeuge waren jedoch für die damalige Spezies nützliche Fundstücke und eher dem ähnlich, wie Tiere heute Objekte nutzen, um ein naheliegendes Problem zu lösen.

Allerdings betrachten wir ein Problem oft aus einer isolierten Perspektive. Wir gehen dabei davon aus, ein Problem wäre eine singuläre Herausforderung, die gelöst werden müsse, um den Status quo ante wieder herzustellen. Probleme sind jedoch ein systemisches Ereignis, eingebunden in das jeweilige Umfeld und deren [zeitlich determinierten] Einflussfaktoren. Wenn auch nur rudimentär. In einem dazu passenden Text mit dem Titel Proportage formuliere ich hier zwei Leitgedanken:

Probleme treten immer in der Nachbarschaft anderer Probleme auf.

Wenn dies gilt, dann kann man auch spekulieren:

Lösungen treten immer in der Nachbarschaft anderer Lösungen auf.

Zurück zu den Gedanken davor. Erst der in der Evolution dem Homo habilis nachfolgende Homo erectus kam auf den Gedanken, ein Werkzeug im Sinn einer konkreten Idee, welchen Zweck dieses Werkzeug erfüllen sollte und damit auch die Definition einer damit verbundenen Funktion zu entwickeln. Diese ersten und damit in unserem Sinn echten Werkzeuge waren Faustkeile.

Ein Faustkeil ist ein aus heutiger Sicht banales Hilfsmittel. Aus der Perspektive unserer menschlichen Vorfahren, der Zeit vor ca. zwei Millionen Jahren, war es jedoch eine herausragend kreative und innovative Leistung. Vergleichbar dem Datum am 20. Juli 1969, als ein Mensch den Mond betreten hat.

Die Besonderheit eines Faustkeils liegt darin, dass er für die Nutzung mittels der motorischen Fähigkeiten des [vor-] menschlichen Körpers erst gedacht und dann gemacht werden musste.
Das Werkzeug musste so in der Hand liegen, dass es für seine Funktionen nutzbar war.
Funktionen, die mit den [begrenzten] Möglichkeiten der menschlichen Hand nicht realisierbar waren.

Man könnte dies als externalisiertes Hilfsmittel bezeichnen, das seinen Wert durch die exponentielle Optimierung des menschlichen Körpers definiert. Letztlich gilt dies für alle Werkzeuge seither. Zumindest dann, wenn wir ein Werkzeug im Zusammenspiel mit dem menschlichen Körper bzw. jenen Notwendigkeiten in Verbindung bringen, die Menschen für ihr Leben als relevant einschätzen.

Zurück zum Faustkeil. Man konnte damit Felle abschaben, welche vor Kälte schützen sollten, Nüsse oder Knochen spalten, die Teil der Nahrung werden konnten. Man konnte Löcher in einen harten Untergrund bohren, um darin etwas fest zu verankern, Holz glätten, um es für einfache Bauten zu nutzen, oder auch Wurzeln ausgraben, die ein wertvolles Grundnahrungsmittel waren.
Vor allem jedoch konnte man Fleisch von erlegten Tierkadavern lösen, indem man die scharfe Kante nutzte.

Damit veränderte sich nicht nur die Vielfalt der Nahrung, es bot sich eine neue Proteinquelle, welche die Entwicklung des frühmenschlichen Gehirns exponentiell beschleunigte.
Die spätere Nutzbarmachung von Feuer, zum Beispiel für das Garen von Fleisch, war ein weiterer Exponent. Fleisch wurde nicht nur bekömmlicher, da mit der Hitze Bakterien getötet wurden, es konnte leichter verdaut werden (Stoffwechsel). Damit wurde Energie frei, was wiederum für die Entwicklung des Gehirns förderlich war.

Der generelle Aspekt der Entwicklung [2] [3] ist wichtig, wenn wir uns mit der Definition einer Funktion beschäftigen. Daher der Aufwand zu diesem steinzeitlichen Exkurs.
Springen wir in unsere Gegenwart.

Wir haben uns bei der Frage nach der Definition einer Funktion besonders mit der Wirkweise eines Werkzeuges beschäftigt sowie der Logik der damit verbundenen Problemlösung. Und damit auch dem Kontext. Allerdings hatte der Faustkeil zwar eine zentrale Funktion, diese konnte jedoch für unterschiedliche Zwecke genutzt werden.

An dieser Stelle lässt sich nun leicht und kritisch feststellen, auch dieses frühe Werkzeug zeichnete sich bereits durch variable Funktionen aus, wäre also multifunktional und daher für seinen Einsatz abhängig von der jeweiligen Situation. Was ja irgendwie gleichbedeutet mit dem Kontext wäre. Man könnte also diesen Text hier beenden und behaupten, es gäbe nicht viel mehr zu sagen.

Mein Punkt bzw. der hier zentrale Gedanke ist nicht die potenzielle Funktionsbreite (Einsatz) eines einzelnen Objektes, mich beschäftigt die Loslösung und damit die Auflösung der Funktionalität von dem Objekt bzw. die Übergabe derselben an den jeweiligen Kontext. Anders ausgedrückt: Der Kontext wird zur Funktion selbst.
Alles soll immer und passend zur jeweiligen Situation regelbar sein. Am besten als ein Flimmern im Hintergrund. Hauptsache, der persönliche Aufwand bleibt so gering wie möglich.

Eine singuläre Funktion diffundiert in der Erwartung, der jeweilige Kontext müsse das Problem prädiktional lösen, bevor dafür ein eigener Aufwand notwendig würde.

Ja, klar. Das ist so beschrieben kaum nachvollziehbar. Bleiben wir also noch ein wenig bei dem Begriff der Funktion.

Peter Achinstein hat in seinem Werk Philosophy of Science im Jahr 1977 drei noch heute relevante Kritierien für die Unterscheidung von Funktionen definiert. Um diese Kriterien unterscheiden zu können, betrachten wir einen einfachen Gegenstand, den viele Menschen irgendwo in ihren Taschen haben: Einen Bleistift.

Peter Achinstein unterscheidet Konstruktions-, Gebrauchs- und Dienstfunktionen. Die Konstruktionsfunktion (design function) eines Bleistifts ist klar durch seine Konstruktion [2] [3] definiert. Eine MIne aus Graphit wird von einem [üblicherweise] sechseckigen Holzschaft ummantelt. Die Konstruktion erfordert, mindestens an einer Seite, den Stift so zu spitzen, dass die Gebrauchsfunktion (user function) dieses Werkzeuges, dem Schreiben, Zeichnen oder Schraffieren erfüllt werden kann. Die Konstruktion definiert damit eine singuläre Anwendung, wenn auch mit unterschiedlichen Ausprägungen.

Die Gebrauchsfunktion (user function) wie Schreiben oder Zeichnen verbindet sich daher dann ideal mit der Konstruktionsfunktion (design function), wenn der Zweck des Bleistiftes, definiert durch die Konstruktion, weitgehend so angewandt wird, was der Kern der Idee (Nukleus) eines Bleistiftes intendierte.
Es kann natürlich auch sein, jemand kommt auf die Idee, diesen Bleistift in einer anderen Weise zu benutzen.

Vielleicht hat diese Person die spontane Idee, das eigene, lange Haar hinter dem Kopf zu knoten und mit dem Bleistift dort zu fixieren. Auch denkbar wäre, ein Fenster, dessen Verschluss gebrochen ist, mit einem Bleistift, ähnlich einem Keil, an einer günstigen Position zu arretieren und damit notdürftig zu verschliessen. Vorstellbar ist weiter, wie jemand irgendwo in der Natur einige Seiten Papier, vielleicht sind diese bedeutend für die Orientierung an diesem Ort, mit einem Bleistift, ähnlich der Funktion eines Spiesses, so in den Boden rammt, dass diese nicht vom Wind verweht werden können.

In all diesen spekulativen Fällen ist die user function und die design function noch erhalten bzw. tritt kombiniert auf. Schlicht aus dem Grund, da die ursprüngliche Funktion des Bleistiftes zwar massiv verändert wurde, aber im Grundsatz erhalten bleibt. Man kann mit dem Bleistift auch weiterhin schreiben.

Peter Achinstein differenziert im Weiteren die sogenannte Dienstfunktion (service function). Aus dieser Perspektive werden Anwendungen betrachtet, welche Menschen tatsächlich in ihrem Alltag tätigen bzw. die vorkommen können, auch wenn diese nicht von der Person bewusst entschieden werden.
Im optimalen Fall betrifft dies die Kombination aus allen drei Kriterien. Der Bleistift wird bewusst und idealtypisch angewandt.

Wenn nun die user function des Bleistifts aktuell nicht möglich ist (die Spitze ist gebrochen), dann ergeben sich trotzdem noch Potenziale einer service function.
Nehmen wir an, jemand sucht auf einem vollen Schreibtisch in unterschiedlichen Papierstapeln eine bestimmte Textstelle und findet diese, ohne alle Texte einzeln sichten zu müssen, da in einem Stapel ein dort zurückgelassener Bleistift wie eine Markierung den Text auffindbar macht.
Dies kann beabsichtigt sein, die Person hat den Bleistift dort bewusst zurückgelassen oder auch unbeabsichtigt, der Bleistift wurde dort einfach vergessen. In beiden Fällen ist das Ergebnis identisch.
Das Objekt Bleistift hat hier eine [mittelbar] indirekte Funktion, eine [neue] service function. Wird der gleiche Bleistift anschliessend gespitzt, ergibt sich wieder die ursprüngliche user function.

Wenn wir weiter denken, dann kann es auch sein, ein Bleistift erhält seine Funktion auf einer ganz anderen Ebene. Stellen wir uns vor, ein geliebter Mensch ist gestorben und ein naher Verwandter findet an dem Ort des Verstorbenen, an der die gestorbene Person mit Vorliebe Notizen machte, den Bleistift neben einem nicht vollendeten Brief an eben jene Person, welche diesen nun zum ersten Mal liesst.
Der Bleistift verliert im Zusammenhang mit diesem emotionalen Erlebnis zwar nicht seine potenziellen Funktionen, diese rücken jedoch in den Hintergrund. Im Vordergrund gilt ab diesem Augenblick und exakt für diesen Bleistift eine symbolische Funktion.

Man könnte auch sagen, der Bleistift wird zu einem Narrativ [2] in Relation zu dem, was die betreffende Person mit diesem Objekt verbindet. Um in der Nomenklatur von Peter Achinstein zu bleiben, könnte man dies als fictional function bezeichnen.

Menschen scheinen als Kulturwesen einen Hang zur Symbolik zu haben. Damit meine ich Symbole als soziale Differenziatoren, als Ausdruck der Eingrenzung wie auch der Ausgrenzung. Der individuelle Lebensraum wird dabei zu einem externalisierten Leseraum der eigenen, der inneren Welt.

Weiter verfügen Menschen über die [nicht immer freiwillige und in der Wirkung positive] Eigenschaft, eine symbolische Zuordnung auch auf andere Objekte gleicher Art zu transformieren.
Ab dem Moment der Übertragung einer herausgehobenen Bedeutung auf ein Objekt ergibt sich auch ein Abstrahleffekt [2] auf vergleichbare Objekte. Wie anders ließe sich der kommerzielle Herdentrieb kommerzieller Moden erklären bzw. der vermeintliche Mehrwert, den wir in unserer Konsumrealität akzeptieren.

Lassen wir an dieser Stelle die Metapher Bleistift zurück. Wie vorab schon angedeutet, ist das Ziel dieses Textes ein anderer Gedanke. Es geht mir um die emulgierende Wechselwirkung einer Funktion mit dem damit verbundenen Kontext. Man könnte dies auch als Dissolution bezeichnen. Die Funktion löst sich im Kontext auf. Was meine ich damit?

Es scheint, als löse sich die menschliche Spezies in permanenter Erwartung einer prädiktionalen Service-Aura auf. Getrieben durch permaaktive Medien [Digitalität], nahe am Körper getragen, entwickelt sich die Sehnsucht nach einem digitalen Schlüssel bzw. dem damit verbundenen Lösungsversprechen für nahezu jedes Problem das unsere Wahrnehmung erreicht.

Im Ergebnis breitet sich eine [Dissemination] Vorstellung aus, die Welt hätte sich zu jeder Zeit auf unser Leben und unsere Situationen einzustellen und idealerweise alles aus dem Weg zu räumen, was unsere Lebensqualität behindern könnte. Schliesslich bezahlen wir ja dafür.

Der vermögende Teil der Menschheit entwickelt dabei eine Hybris in Form einer gefühlten, obgleich fiktiven Machtfülle, die in der physikalischen Realität, an der wir uns wirklich stossen könnten, wenig Bestand hätte.

Unser digital erweiterter Kulturraum wird zunehmend ein aseptischer Zwischenraum in unserer alltäglichen Existenz, der zwischen uns und der Welt eine [fiktional] kontrollierbare Distanz aufbaut. Entweder es gibt eine App für die versprochene Smartness oder wir profitieren von einem Flimmern digitaler Geborgenheit im Hintergrund der Systeme, für die wir uns geöffnet haben.
Was anderes fühlen wohl Kinder, die sich von der oberen Stufe einer Treppe in die Arme ihrer Eltern fallen lassen?

Für diese neue Emulsion unserer Wahrnehmung gibt es auch einen Begriff, der eine verblüffend neutrale Position beschreibt. Der Begriff extended reality (XR) [2] bündelt die Begriffe augmented reality (AR), virtual reality (VR) und mixed reality (MR) zu einem Akronym, das wie ein staubfreier Raum unsere Vorstellung einer funktional optimierten Welt bedient.

In dieser Welt wird die Sterblichkeit menschlicher Existenz in die Fiktion einer neuen, wenn auch nur simulierten Realität transmittiert [2]. Der digitale Klick hat damit den Effekt, uns gewissermaßen in humanoide Wesen zu verwandeln. Wir glauben oft tatsächlich an die Wirkmächtigkeit unserer körperlichen Möglichkeiten und damit an die Funktionsfülle, die wir damit tatsächlich auslösen könnten.

Vielleicht jedoch ist nur unsere Sehnsucht nach dem verlorenen Urvertrauen und dem damit einhergehenden Fallenlassen der eigentlicher Trigger, warum wir so leicht verführbar sind.
Die kommerziellen Systeme und Plattformen verkaufen uns zunehmend die [digitale] Illusion, wir dürften unsere Bedürftigkeit, unsere Sehnsucht nach einer auf uns perfektionierten Sicherheit auf immer ausleben.
Solange wir dafür bezahlen (idealerweise nicht nur mit unseren Daten) würden immer weniger Wünsche offen bleiben.

Unsere alltägliche Lebenswirklichkeit und damit der jeweilige Kontext bereitet die Bühne für all das, was gefälligst zu funktionieren hat. Wir verstehen und akzeptieren, dass die digitalen Wesen der [KI] Systeme dazu möglichst viel von uns wissen, sie uns permanent begleiten müssen. Hauptsache, es wird all das für uns erledigt, für was wir, wenn wir ehrlich sind, schon lange überfordert wären.

Vielleicht, um noch einmal der Logik von Peter Achinstein zu folgen, brauchen wir dafür einen neuen Begriff. Vielleicht könnten wir hier von predictional function sprechen.
Eine Welt, die nur für uns gemacht ist.
Wie schön.

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Für alle die gerne auf Papier lesen, hier ist das PDF:

Für alle, die gerne den ersten Teil lesen wollen: SINGULARITÄT DER BELIEBIGKEIT_1 [objekt]

Für alle die gerne den dritten Teil lesen wollen: SINGULARITÄT DER BELIEBIGKEIT_3 [position] = folgt.

© Carl Frech, 2022:

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