INNOVATION_5 [arbeit]

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Viele der vielen Neuerungen der letzten Jahrhunderte haben unserem Lebensraum geschadet. Nun braucht es Innovationen, um die Probleme zu lösen.

In den vergangenen Jahrhunderten wurde die Vorstellung einer Idee, einer Neuerung und damit auch der Begriff der Innovation stetig kommerzialisiert. Innovation ist heute vorwiegend als ökonomischer Faktor determiniert und wenn eine Innovation gesellschaftlich als solche akzeptiert wird, dann muss dieser [ökonomische] Faktor positiv sein.
Das bedeutet, es gibt eine Quelle der Innovation, eine Person oder eine Institution, die sich mit einer Idee in Form eines Produktes oder einer Dienstleistung bzw. der Kombination aus beidem in einem Markt etabliert hat.

Etablierung bedeutet im Wesentlichen, dass ein Angebot über eine relativ komplexe Form der Durchdringung eine belastbare und damit kontinuierliche Position bei einer nötigen Anzahl von Menschen erreicht hat. Dazu aber später mehr.

Wichtig ist allerdings, dass die Neuerung selbst ihre Relevanz, ähnlich einem Zertifikat für Bedeutsamkeit, dann erhält, wenn sie einen wirtschaftlichen Effekt hat, einfach gesagt, wann man damit Geld (oder vergleichbare Werte) verdienen kann. Die Vorstellung, eine Innovation erzielt diese Wirkung nicht, ist nahezu ausgeschlossen bzw. findet sich – wenn überhaupt – im Umfeld des Altruismus.

Nun will ich gleich klarstellen, auch ich bin davon überzeugt, dass eine Innovation ökonomisch Sinn machen muss, ihrem Aufwand muss ein Wert und damit auch ein Ertrag gegenüber stehen. Es ist eine vielleicht romantische, aber doch am Ende naive Vorstellung, Menschen würden ohne jedes eigene Kalkül bzw. Motiv einen Aufwand leisten, der am Ende ohne jede Wirkung für die eigene Existenzsicherung bleibt.

Lassen wir mal Beispiele unbeachtet, die im Zusammenhang sozialer Beziehungen zu finden sind, oder Leistungen, die ehrenamtliche oder anderweitig grosszügige Gründe haben, dann aber immer auf der Grundlage einer gewissen Unabhängigkeit [2] geleistet werden. Und selbst dann findet sich immer ein Motiv. Menschen machen im Prinzip nichts ohne eine Idee für den eigenen Nutzen. Die Frage ist nur jene nach der Relation zwischen diesen beiden Faktoren.

Die Grundfrage in diesem Essay beschäftigt sich mit der Proportionalität aller relevanten Kriterien, die im Zusammenspiel einer Idee und der darauf aufbauenden Innovation beachtet werden können, beachtet werden sollten. Es geht um die Frage nach einem sinnvollen Modell und in der Anwendung dieses Modells auch um eine mögliche Formel, die verschieden komplexe Kriterien im Blick behält, die vor allem einer Neuerung eine langfristige Basis für den Bestand und die aufbauende Entwicklung bieten soll.

Einer der Vordenker zu der ökonomischen Dimension von Innovationen war Joseph Schumpeter. In seiner im Jahr 1911 im Alter von 28 Jahren veröffentlichten Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung gab er dem Begriff Innovation eine zentrale Bedeutung.
Er hat zum einen den Begriff in einen komplexeren Zusammenhang mit der bis dahin bevorzugten Betrachtung ökonomischer Prinzipien gebracht, zum anderen wagte er eine zu der Zeit ungewöhnliche Position darüber, was der Beweggrund für den Antrieb sei, der Menschen dazu bewegt, über Verbesserungen nachzudenken und daraus einen neuen Nutzen für eine dann neue Realität zu schaffen.

Schumpeter spekulierte darüber, dass neben dem rein ökonomischen Effekt, der mit einer Innovation in Verbindung zu stehen hat, auch ein psychologisches Motiv eine Rolle spielt. Er sprach von der Freude am Gestalten als einen zentralen Antrieb, wie Menschen sich mit der Welt und damit auch mit der Verbesserung derselben beschäftigen, also wie sie diese Welt gestalten können.

Joseph Schumpeter hatte natürlich Vor- und Mitdenker aus verschiedenen Zeiten.
Jean-Jacques Rousseau, 17121778, war ein Wegbereiter der Französischen Revolution [2] und damit ein Vordenker der bürgerlichen Republik. Er stand dem feudalistischen Prinzip der Legitimation von Macht und Besitz durch die schiere Tatsache der eigenen Geburt kritisch gegenüber. Rousseau erklärte die Arbeit [2] [3] [4] zu einem Naturrecht des Menschen. Eigentum dürfe nur über die eigene Leistung in Form von Arbeit entstehen. Niemand hätte ein von Gott gegebenes Recht auf Eigentum. In seiner radikalen Konsequenz erklärte er, Güter, die nicht durch die eigene Arbeit entstehen, wären automatisch Gemeinbesitz.

Adam Smith, 17231790, war ein Gegner des sogenannten Merkantilismus, der vor allem das Überleben des Staates durch grösseren Export von Waren ins Ausland in Verbindung mit der Reduktion der Importe zum Ziel hatte (vor allem um einen stetig wachsenden Beamtenapparat zu finanzieren).
Adam Smith vertrat die These, dass der Staat nur regulierend eingreifen dürfe und Unternehmen darüber hinaus vollkommen frei agieren sollten. Es würde sich aus diesem Ansatz automatisch ein Gleichgewicht der Märkte entwickeln. Er ging davon aus, das permanente Wachstum der Unternehmen würde damit zwangsläufig zu mehr Wohlstand für alle führen.

Da sich unser heutiges wirtschaftliches Gefüge noch stark an den Thesen von Adam Smith orientiert (man denke nur an den oft kritisierten Exportüberschuss von Deutschland) noch ein paar weitere Postulate von ihm.
Adam Smith unterschied produktive, unproduktive und reproduktive Arbeit. Produktive Arbeit war jene, die ein verkäufliches Produkt zum Ziel hatte. Dazu gehörten alle Tätigkeiten, die zum Wertschöpfungsprozess beitragen. Neben der Schaffung eines Produktes wären dies alle Arbeiten, die dazu beitragen, dass dieses Produkt überhaupt entstehen kann (z. B. durch den Bau einer dafür notwendigen Maschine). Unproduktive Arbeit wäre zum Beispiel die Hausarbeit von Frauen. Reproduktive Arbeit wäre die Arbeit von Beamten, von Verwaltern und Soldaten.

Immanuel Kant (1724 – 1804) hat Arbeit als Existenzbedingung und sittliche Pflicht bezeichnet. Dazu erklärte er:
Denn die Natur hat auch den Abscheu für anhaltende Arbeit manchem Subjekt weißlich in seinen für ihn sowohl als andere heilsamen Instinkt gelegt: weil dieses etwa keinen langen oder oft wiederholenden Kraftaufwand ohne Erschöpfung vertrug, sondern gewisser Pausen der Erholung bedurfte (Wikipedia).
Natürlich werden wir dem gedanklichen Kosmos eines Immanuel Kants hier in keiner Weise gerecht. Es geht mir nur um Kernaspekte, die helfen sollen, das kollektive Bewusstsein, also die Weltsicht und das Spektrum des gemeinschaftlichen Denkens einer Zeit im Ansatz zu verstehen.

Ein letztes Zitat von Immanuel passt dabei gut zu der Intention dieses Essays, wenn er sagt: Der Wille ist ein Vermögen, nur dasjenige zu wählen, was die Vernunft unabhängig von der Neigung als praktisch nothwendig, d.i. als gut, erkennt. Dieser Satz findet sich in Kants Kritik der reinen Vernunft.

Damit postuliert er den freien Willen als einen Akt der Verantwortung, und damit grenzt er die uneingeschränkte Freiheit, alles machen zu können, was machbar wäre durch eine moralische Position ein. Man könnte sagen, wenn die Sicherheit ein Geschwister der Freiheit ist, dann ist die Moral ein Elternteil und damit die Instanz, die auf einer [nicht hierarchisch] höheren Ebene die Leitlinien für ein gutes Leben definiert.
Das findet sich auch in dem Satz von Arthur Schopenhauer, 17881860, wenn er sagt: Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.

Wie gesagt, auch Schopenhauer lebte in Zeiten gesellschaftlichen Umbrüche, welche im Begriff waren, die produktiven Leistungen immer effizienter [2] zu gestalten. Es war der Weg in die Industrialisierung, der Normierung und damit auch der Weg zu neuen Standards, um das Reproduktive eines Produktes möglich zu machen.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1770 – 1831, hat das Ergebnis abhängiger Arbeit als Entfremdung bezeichnet. Der Arbeiter hätte zu dem von ihm geschaffenen Produkt nur noch ein Lohnverhältnis und könne daher zu diesem – von ihm geschaffenen – Produkt keine Beziehung aufbauen. Er könne keinen Stolz auf die eigene Leistung entwickeln. Mit anderen Worten: Der Arbeiter würde sich in dem Ergebnis seiner Arbeit nicht wiedererkennen.

Karl Marx, 1818 – 1883, war ein strenger Kritiker von Adam Smith und damit gegen die Idee von der Selbstregulierung der Märkte. In seiner Theorie zeichnete er ein Bild der produktiven Arbeitswelt, in der er die Last des Arbeiters als Tauschwert bezeichnete. Sein [vorwiegend] industrielles Produkt würde zum Gebrauchswert für den Unternehmer, welcher die Arbeitsstelle definiert und anbietet. Das positive Delta (die Differenz zwischen dem Tauschwert und dem Gebrauchswert) würde dabei zur Rendite (Gewinn) für den Unternehmer.

Da auch Karl Marx bis heute eine herausragende Position in den Wirtschaftswissenschaften innehat, man kann im Zusammenhang einer wachsenden Kritik an den Prinzipien des Kapitalismus fast von einer Renaissance der Ideen von Karl Marx sprechen, noch ein paar wenige Aspekte aus seiner Theorie:
Das Kommunistische Manifest (zusammen mit Friedrich Engels) aus dem Jahr 1848 gilt als ein Startpunkt der sogenannten Arbeiterbewegung, welche sich für die Rechte der Arbeiterschaft bemühte. Als erstes Ergebnis dieses Manifestes entstanden im gleichen Jahr (als Resultat der deutschen Revolution in den Jahren 1848 und 1849) die ersten Gewerkschaften als Interessenvertreter der Arbeiter in Deutschland.

Der schon erwähnte Friedrich Engels, 1820 – 1895, war interessanterweise nicht nur ein kongenialer Partner von Karl Marx, sondern auch ein erfolgreicher Unternehmer in der Textilindustrie. Seine frühen Beobachtungen der Arbeitsbedingungen einer Fabrik seiner Familie in England, die er im Detail dokumentierte, hatte ihn geprägt und seine Theorien beeinflusst. Seine im Jahr 1844, er war 24 Jahre alt, erschienenen Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie [2] wurden zu einer wichtigen Grundlage der Arbeit von Karl Marx, den er im Jahr 1842 kennenlernte und mit dem er schliesslich im Jahr 1848 das Kommunistische Manifest herausbrachte.

Friedrich Engels stammte aus einer Familie, die [seitens des Vaters] dem Pietismus nahestand und [seitens der Mutter] einen philologischen Hintergrund hatte. Warum ist das wichtig? Nun, auch wenn sich Friedrich Engels, der 12 Sprachen fliessend beherrschte, kritisch und ablehnend mit der pietistischen Prägung seiner Familie auseinandersetzte, so war diese Erfahrung wohl doch ein Teil seiner Prägung.
Nimmt man die Strenge der Gottesfurcht und der Enge des Denkens für einen Moment aus der Betrachtung, dann liegt dem Pietismus auch eine Form der Bescheidenheit und der, wenn auch nicht zwingend freiwilligen sozialen Aufmerksamkeit zugrunde, die vermutlich für Friedrich Engel ein Filter seiner Wahrnehmung der damaligen Welt war.

Der Pietismus hatte in dieser Zeit auch eine lange Tradition in Württemberg (heute Baden Württemberg). Als einer der Ursprünge dafür gilt der Dreißigjährige Krieg, 16181648, in dessen Folge des Wiederaufbaus einigen Generationen extrem viel abverlangt wurde und eine bedingungslose Form des Gemeinsinns forderte. Zusammen mit der Lebensrealität einer Region, die grundsätzlich arm an Bodenschätzen war und damit generell eher Armut herrschte, war dieser Prozess vermutlich prägend für die Sozialstruktur, welche sich über viele Jahrzehnte in diesem Teil Deutschlands entwickelte und die Menschen prägte.

Robert Bosch, 1861 – 1942, in Ulm geboren und in Stuttgart gestorben, war sicher auch ein Kind seiner Zeit, geprägt durch die Aufbruchstimmung industriellen Wandels, aber auch verbunden mit einer dem Gemeinwohl verpflichtenden Lebensführung, die Teil der regionalen Kultur war, in welcher er sein Leben gestaltete. Er war Anhänger der Homöopathie und hat schon früh die Grundlage für die heutige Robert Bosch Stiftung [2] gelegt, der 92 Prozent der Robert Bosch GmbH gehören und die zu den grossen deutschen Stiftungen gehört.

Ich nenne hier Robert Bosch, da er in seiner Person eine gute ideelle Brücke zur Intention dieses Essays schlägt. Wie schon weiter oben geschrieben, es geht mir um Proportionalität aller relevanten Kriterien, die im Zusammenspiel einer Idee und der darauf aufbauenden Innovation beachtet werden können, beachtet werden sollten.
Und diese Kriterien sind aus meiner Position und Überzeugung deutlich komplexer und getragen von einem systemischen Verständnis, als lediglich die Perspektive auf eine kurzfristige Gewinnmaximierung und damit ausschliesslich der Fokus auf ökonomische Aspekte.

Mit dem folgenden Zitat von Robert Bosch wollen wir diesen kleinen Diskurs der historischen Hintergründe beenden und noch einmal einen Blick auf Joseph Schumpeter richten.

Ein Beitrag zur Verbesserung der Technologie und die Wirtschaft sollte immer auch für Menschen und Gesellschaften von Nutzen sein. Das Ziel sollte immer sein, die bestehende Situation zu verbessern.

Robert Bosch

Joseph Schumpeter sprach von der Freude am Gestalten als eine Grundlage innovativer Prozesse im Zusammenspiel ökonomischer Ziele. Wobei er weitblickend von Pionierunternehmern spricht, die auch gegen den Widerstand der Zeit und im Glauben an ihre Idee an ihren Zielen festhalten. Den Misserfolg im Kalkül wird der mit seinem Glauben an die Idee erfolgreiche Unternehmer (bzw. Unternehmerin) für eine gewisse Zeit zu einem Monopolisten. Dies ist aber zwingend immer ein zeitlich begrenzter Zustand, da entweder eine nachahmende Variante im Markt auftaucht oder eine komplett neue Idee und Entwicklung den [Monopol] Vorsprung zunichtemacht.

Dieser Kreislauf aus Innovation und Imitation wäre die innewohnende Logik und Antrieb jedes Wettbewerbs. Joseph Schumpeter prägte auch den Begriff der schöpferischen Zerstörung [2], also der Unbedingtheit, die jede neue Idee zum Konkurrenten der bis dahin dominanten [2] erklärt. Letztlich könnte man dies auch als eine makroökonomische Übertragung von Basisprämissen der Evolution verstehen. Letztlich ist die Natur ein Zusammenspiel von Verdrängung und Bestandswahrung. Aber so weit wollen wir hier nicht gehen.
Spannend, vor allem wenn man die Zeit bedenkt, in der Schumpeter nachgedacht und seine Werke verfasst hat, ist die Radikalität, aber auch die Schlichtheit seiner Formel.

Demnach bezahlt der frühe Pionier einer Idee seine Monopolposition über die Zeit proportional mit einem degressiven (geringer werdenden) Preis im Zusammenspiel der Dynamik, die seine Idee in einem Markt verursacht hat.
Man könnte auch sagen, je grösser der Erfolg (als Ergebnis der Idee und Innovation), desto dringender und früher entsteht der Druck auf den Innovator und Unternehmer, neue Ideen und Innovationen zu entwickeln, damit der ökonomisch positive Abstand (hohe Rendite) zu den Wettbewerbern erhalten bleibt.

Mit dem Blick auf das heutige Marktgeschehen könnte man sagen, dass je mehr Marktteilnehmer in kurzer Zeit Varianten eines erfolgreichen Angebotes oder neue Ideen als Ersatz desselben in einem gemeinsamen Markt positionieren können (zum Beispiel durch die Effekte der Globalisierung [2]), umso schwieriger wird es für Unternehmen, ihre Position in den immer kürzer werdenden Entwicklungszyklen zu verteidigen.

Schumpeter ging in seiner Theorie so weit, dass er die Position vertrat, der Kapitalismus [2] könne langfristig nicht überleben. Anders als Karl Marx erwartete er dies jedoch nicht als Ergebnis sozialer Verwerfungen, sondern als Konsequenz und der (von mir interpretierend hinzugefügt) immer höher oszillierenden Frequenz des produktiven Drucks, welcher in den Märkten zu einer Überhitzung führen wird bzw. systemisch so angelegt dazu führen muss. Die Unternehmen werden zu langsam, ihre Funktion in den Märkten verliert an Bedeutung, zunehmend wachse der Widerstand in der Gesellschaft generell, vor allem aber bei den intellektuellen Schichten. Nun, ob das so kommt, das wird man sehen.

Wir wollen hier nicht viel weiter in die Theorien Joseph Schumpeters vordringen, allerdings die fünf zentralen Thesen seines Werkes Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung, das erstmals im Jahr 1911 erschien, will ich nicht unerwähnt lassen. Demnach unterscheidet Schumpeter fünf Versionen sogenannter neuer Kombinationen [2] (die er später Innovationen nennt):

  • Produktion eines neuen Gutes oder einer neuen Qualität eines Gutes,
  • Einführung einer neuen Produktionsmethode,
  • Erschließung eines neuen Absatzmarktes,
  • Eroberung neuer Bezugsquellen von Rohstoffen oder Halbfabrikaten,
  • Neuorganisation der Marktposition, z. B. Schaffung oder Durchbrechung eines Monopols.

Die aufmerksame Leserin und der aufmerksame Leser wird vielleicht schon ahnen, was mich bei all dem beschäftigt. Was mich nicht bzw. nur sehr gering interessiert ist jedwede Form von Systemkritik ihrer selbst willen. Schon gar nicht beachte ich dabei die politischen und ideologischen Implikationen, die dabei eine Rolle spielen können und wenn, dann nur als Mittel zum Zweck.
Der Zweck ist die Frage, wie sich Systeme aus sich heraus entwickeln, fokussiert ausgedrückt, entwickeln müssen. Und diese Frage bringt mich auf einer weiteren Ebene zu der Intention der Plattform BASIC.BOOK, die sich im Kern immer damit beschäftigt, warum Menschen nicht aufhören, die Welt zu gestalten.

Zum dritten Mal erwähne ich den wichtigsten Grund, warum Joseph Schmupeter für dieses Essays spannend ist. Seine Aussage, dass Innovation auch Freude am Gestaltung bedeutet, dreht das Thema in die absichtsvolle Richtung:
Zu den Menschen, die sich für etwas begeistern. Menschen, die rastlos auf der Suche sind nach einer Idee (zur Lösung eines Problems) und damit zu Innovatoren werden (können). Und jene Menschen, die schliesslich darüber entscheiden, ob diese Neuerung diese Innovation akzeptiert wird, ob sie zum richtigen Zeitpunkt kommt.

In meinen Texten bin ich vorwiegend auf der Suche, um zu verstehen, warum Menschen so sind, wie sie sind, warum sie so handeln, wie sie handeln. Das ist eine schlichte und wenig innovative Frage, vermutlich berührt diese aber die Prämisse sozialen Lebens generell, in jedem noch so kleinen und alltäglichen Mikrokosmos.
Genau darum geht es. Das erkennen von Prinzipien, von Muster und damit Prämissen [2], die übertragbar sind, die ihren Wert dadurch erhalten, dass sie zu einer systemischen Syntax werden, also zu einem kausalen und kontextuellen Regelwerk, welches hilft, dem Wesen dessen nachzuspüren, wie sich die Welt verändert, vor allem: Warum?

Wenn wir den allgemeinen Duktus dieser Aussage für einen Moment so stehen lassen, dann bündelt sich der Blick auf Menschen oft in folgender Eskalation oder nennen wir es etwas friedlicher: Akkumulation. Wobei mir der Begriff der Akkumulation gut gefällt. Er steht für Anhäufung, für Ansammlung und Speicherung. Menschen sind in ihrer Komplexität nie eindeutig, nie nur mit einem Wesensmerkmal erfassbar, sondern in jeder Situation eine Kombinatorik all ihrer Möglichkeiten, wie auch ein Ergebnis all ihrer Prägungen, Erfahrungen und Gewohnheiten.

Menschen sagen nicht immer, was sie denken.
Sie denken nicht immer, was sie machen.
Sie machen nicht immer, was sie fühlen.
Sie fühlen nicht immer das, was sie (wirklich) wollen.

Wie also kommt die Idee in die Welt? Vermutlich ähnlich zu dem Ablauf, wie Kinder etwas in der Welt erblicken und dieses Etwas ihr Interesse weckt. Kinder stellen Fragen. Für diese Fragen gibt es keine Grenzen. Ein paar Beispiele:

Wie und wo wird der Wind angeschoben?
Warum quietscht Kreide beim Schreiben?
Warum knistert Feuer?
Warum verändern Blätter im Herbst ihre Farbe?
Warum ist Schaum weiss?
Warum kommen Regenwürmer nur, wenn es regnet?
Warum muss ich sterben?
Warum muss ich meinen Koffer tragen?

Diese Liste würde irgendwann nach der Unendlichkeit weitergehen. Die letzte Frage hat auch Bernard Sadow im Jahr 1970 beschäftigt. Im Jahr 1972 erhielt er das Patent auf Rollen in Kombination mit Koffern.
Es ist schon verrückt. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es zwar schon kleine und klappbare Transportkarren, aber es kam noch niemand auf die Idee, diese direkt mit einem Koffer fest zu verbinden. Am Ende ist es dann immer klar und fühlt sich an wie schon immer da gewesen. Aber bis dahin gilt oft der von mir gerne verwendete Leitsatz:

Mix the unmixable!

Letztlich ist es immer eine Frage der Kombinatorik komplexer Faktoren, wie eine Innovation tatsächlich Teil einer gemeinsamen Realität wird und damit zur Lebenswirklichkeit, die im besten Fall nicht mehr hinterfragt wird. Immer dann, wenn eine Neuerung über die Akzeptanz und der Integration zur Inklusion findet und damit zur Gewohnheit wird, beginnt intrinsisches [2] Verhalten. Das Neue wird zu einem Objekt habitueller Erwartung, idealerweise ein Ritus, der sich mit den Grunderwartungen der eigenen Existenz bedingungslos verbindet. Schlicht gesagt: es ist nicht mehr wegzudenken.

Das betrifft nicht nur die Physik der Dinge und Produkte, sondern generell jedes Angebot und damit auch Dienstleistungen, die sich in unserer Alltäglichkeit einnisten und damit zu einer Existenzfrage werden, wenn diese fehlen. Hierfür liessen sich viele Beispiele finden. Man denke nur an unseren Alltag mit digitalen kleinen Hilfsmitteln oder die Tatsache, dass wir erwarten, zu jederzeit jede Musik hören zu können, die im Prinzip hörbar ist.

Ohne unsere Fähigkeit zu einer radikalen Distanz zu dem, was uns umgibt, verlieren wir die Fähigkeit zu einer möglichst freien und unvoreingenommenen Perspektive. Aber wie erhält man sich diese innere Freiheit zum distanzierten betrachten? Würden wir versuchen, diese Frage psychologisch zu beantworten, dann wären es vermutlich Aspekte wie Angst, Abhängigkeit [2] und generell Unsicherheit im Umgang mit Veränderung, welche uns hindern, der Welt unvoreingenommen zu begegnen.

Mit einer soziologischen Perspektive, vor allem mit dem Blick auf die typischen Strukturen und Organisationen von Bildungseinrichtungen, würde man vielleicht die mangelnde Konzentration auf individuelle Förderung einzelner Persönlichkeiten (Schülerinnen und Schüler) beklagen und feststellen, dass ein System, welches nach dem Rekapitulationsprinzip von Aufgabe und Abgabe funktioniert, wenig in der Lage sein kann, die besondere Fantasie, den Mut zum neuen und ungewöhnlichen Denken Einzelner zu fördern, dies möglicherweise sogar als Gefahr betrachten könnte. Wer immer nur rekapituliert und nichts Eigenes generiert, wird irgendwann kapitulieren. Wenigstens ein wenig aufgeben, das beste aus dem eigenen Potenzial zu machen.

Mit einem politischen Blickwinkel würde man möglicherweise darüber spekulieren, es wäre für die politische Führung eines Landes mindestens herausfordernd, vielleicht sogar gefährlich, wenn eine zu grosse Gruppe der öffentlichen Gesellschaft radikale Ideen entwickeln und damit das System in seinen Strukturen herausfordern könnte.
Schon Maximilien de Robespierre, 1758 – 1794, sagte als ein Vorkämpfer der Französischen Revolution: Das Geheimnis der Freiheit liegt in der Bildung, während das Geheimnis der Tyrannei darin besteht, die Menschen dumm zu halten. Allerdings, als Vordenker der Revolution, meinte er im besten Fall die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz und in der Politik, keineswegs die Gleichheit des Vermögens eines Landes.

Genau an diesem Punkt findet sich jedoch ein sozialer Lackmustest für die Wirkmächtigkeit der Veränderung in einer Gesellschaft. Wie schon in dem Text Innovation_2 [bedingungen] fokussiert, steht jede Innovation in einem zwingenden Verhältnis zu den ökonomischen Rahmenbedingungen, die letztlich das Potenzial einer Idee tatsächlich einer Realisierung zuführt.
Darüber hinaus führt jede radikale Veränderung, Joseph Schumpeter sprach von neuen Kombinationen (später übersetzte er dies in Innovationen), zu exponentiellen Veränderungen im Umfeld, wo diese (Innovation) sich einen Akzeptanzraum innerhalb einer Gesellschaft verschafft hat.

Damit entstehen konzentrische und disseminierende Prozesse, die oft nicht mehr aufgehalten werden können. Daher ist es meist eine grosse Herausforderung für ein Land und ihre politische Führung, diese Prozesse zu begrüssen oder gar zu fördern. Seien es Lobbyinteressen derer, die durch diese Veränderungen sich selbst ändern müssten (Treiber und Getriebene) oder sei es auch nur der fehlende Mut, eine Entscheidung zu treffen, die ein gewisses Risiko in sich birgt.
Es ist mir klar, das alles klingt in der hier angeboten Formulierung abstrakt und nicht ausreichend greifbar.

Aber erinnern wir uns an ein paar der typischen radikalen Veränderungen, zum Beispiel der Erfindung des Automobils, des Telefons als Ursprungstechnologie, dem Internet für die öffentliche Anwendung, der mobilen Kommunikation, alternativen Technogien zur Energieerzeugung, der LED-Technologie, aber auch die Effekte sozialer Plattformen, die Potenziale, die mit digitaler [geodätischer] Navigation entstanden, vielleicht auch an kleinere Beispiele wie die Umnutzung von Plastik (PET) für neue robuste Stoffe, die Entwicklung des Kompressionsstandards MP3 für Audiodaten oder aktuell der Entwicklung von mRNA-Impfstoffen, welche vielleicht in der Zukunft entzündliche und potenziell gefährliche Erkrankungen über die Aktivierung der eigenen Immunabwehr gelindert oder geheilt werden können.

Diese Liste könnte man erweitern, wobei es mit Sicherheit eine endliche Liste werden würde. Es gibt nur eine begrenzte Zahl tatsächlich grundsätzlicher Innovationen [2] die jenen gesellschaftlichen Wirkungsgrad entfalten, damit sich die oben genannte systemische Syntax einer Veränderung bildet.

Ich fragte danach, wie man sich die eigene, die unvoreingenommene und radikale Perspektive auf die Welt erhalten kann. In dem Essay zum Thema Possibilismus endete ich mit einem Dreiklang darüber, welche Kompetenzen nötig sind, um auch das wahrzunehmen, sich jene Gedanken zu erlauben, die bei einer ersten Betrachtung unmöglich erscheinen:

Possibilismus bedeutet, dem scheinbar Unmöglichen eine Bühne zu geben. Im Prinzip ist das sehr einfach: 
Es benötigt die Fähigkeit der inneren Vorstellungskraft darüber, wie sich die Dinge verändern. 
Es braucht das Interesse an Menschen, die Freude daran, Menschen in ihrer Vielfalt und ihrem Zusammenwirken verstehen zu wollen. 
Und es benötigt die Lust an der Entdeckung, den Mut zur Unwissenheit, als würde man die Augen fast schliessen und nur noch grobe Umrisse erkennen.

Für alle, die gerne weiterlesen: INNOVATION_6 [markt]

Vorangegangener Text: INNOVATION_4 [prospektion]

© Carl Frech, 2021 (Text)

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