INTELLIGENZ_2 [variabilität]

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Wir glauben, das menschliche Gehirn kann mit ein paar Faktoren zu einem Messorgan werden. Ich glaube, das ist ein Mißverständnis. Im Sinne des Wortes.

Der Versuch zur Messung der Intelligenz erfolgt überwiegend in dem produktiven Bereich des menschlichen Gehirns, der unserem Bewusstsein zuzuordnen ist. Man testet die Reaktion der kognitiven Leistung nach einer prädefinierten Planung, nach Themen generell, nach erwarteten und damit vergleichbaren Zeitfenstern und nach der Komplexität der Leistung selbst, die in ihrem Schwierigkeitsgrad unterschieden wird.

Dagegen kann man erst einmal wenig einwenden. Damit entsteht sicher eine solide Grundlage für die Einschätzung der Intelligenz eines Menschen. Die Frage ist nur, ob das alles ist, was Menschen als Ganzes auszeichnet.

Mit den folgenden Ausführungen beziehe ich mich auf Schriften und Vorträge von Gerhard Roth, * 1942, dies aber nur relativ abstrakt und bei Weitem nicht in der Tiefe, wie er seine Thesen wissenschaftlich begründet. Hier geht es mir um die Leichtgängigkeit und damit der Nachvollziehbarkeit der von ihm formulierten Thesen.

Wenn wir uns beispielsweise mit einer simplen alltäglichen Entscheidung beschäftigen, der Frage, ob man sich Schokolade kaufen und essen soll, so spielen zwei wesentliche Areale im Gehirn eine wichtige Rolle. Das sogenannte mesolymbische System (als Teil des lymbischen Systems), es wird auch prosaisch Belohnungssystem genannt, kommt dabei ebenso zum Einsatz, wie die Amygdala (auch Teil des lymbischen Systems), die verständlich übersetzt Warnsystem genannt wird.

Wenn wir uns also mit dem Gedanken beschäftigen, ob wir diese Entscheidung treffen sollen (Schokolade kaufen und essen), dann findet sich diese Frage im vorderen Cortex unseres Gehirns (präfrontaler Cortex, auch Frontallappen der Großhirnrinde genannt) als eine Art Ja- oder Nein-Entscheidung.

Dieser Teil unseres Gehirns schickt diese offene Frage (ja oder nein) sowohl zum mesolymbischen System als auch zur Amygdala und wird dort argumentativ verarbeitet. Das mesolymbische System würde beispielsweise sagen:
Du hattest einen harten Tag hinter dir. Gönne dir doch einfach mal ein wenig Genuss. Das Leben soll doch im Augenblick gelebt werden. Auf was wartest du? Lass es dir einfach gut gehen. Denk nicht so viel nach und freue dich an dieser kleinen süssen Freude.
Man könnte die argumentative Vielfalt dessen, was man als Gründe für den Kauf und den Verzehr der Schokolade aufbringt, noch deutlich fantasievoller ausgestalten. Aber das Prinzip wird hoffentlich klar.

Die Amygdala wiederum würde eher warnen und zur Vorsicht raten:
Pass auf was du isst. Du weisst doch, wie schädlich Zucker ist. Und wenn du erst einmal anfängst, dann wird das schnell zu einer Sucht und du kommst nur noch schwer davon los. Bedenke auch, dass du gerne deine Figur halten wolltest und du weisst doch, wie viele Kalorien schon in einem kleine Stück Schokolade stecken. Ist es das wirklich wert? Wenn du bedenkst, wie schnell du das runtergeschluckt hast. Beachte auch, wo und wie diese Schokolade produziert wird. Hast du dich schon einmal damit beschäftigt, dass in Südamerika viele Kinder keine Schule besuchen können, sondern auf den Plantagen bei der Ernte der Schokobohnen arbeiten müssen? Du solltest verzichten und etwas vernünftiges und gesundes essen.

Nun würde man denken, damit wäre die Sache relativ klar. Die beiden Systeme im Gehirn schicken ihre Empfehlung an unseren vorderen Cortex und wir entscheiden je nach Laune. Nach unserem freien Willen. Allerdings funktioniert so unser Gehirn nicht. Das mesolymbische System schickt seine Empfehlung für den Genuss, die Amygdala für den Verzicht zu den sogenannten Basalganglien. Das ist einer der ältesten Teile des Gehirns und liegt nicht weit entfernt vom Rückenmark, welches als zentraler Verteiler den Körper mit unserem Gehirn verbindet.

Die Basalganglien sind ein zentraler Regler für die menschliche Initiative, für den täglichen Antrieb, für Schaffenskraft, Motivation und auch für instinktive bzw. affektive Reaktionen. Nicht zuletzt sind die Basalganglien auch eine Instanz für die Grobplanung unserer Lebensaktivität. Vor allem aber sind sie Vordenker, sie steuern damit auch das, was wir erwarten, den erfolgreichen Mustern unseres Lebens folgend.
Mit Vordenken ist ein vorwegnehmendes Denken gemeint, in der Hirnphysiologie nennt man diese Impulse der Basalganglien auch vorbewusste Reizauswertung.
Und das ist keine Grundlage für, sondern das ist schon die Entscheidung.

Nun, die Basalganglien erhalten also die Ja- und Nein-Argumentation der beiden anderen Hirnteile, ausgestattet mit den jeweiligen Argumenten. Dieser Argumente-Baukasten ist keine isolierte Kapsel, die nur noch geöffnet und auf einer geraden Linie entschieden werden muss.
Die Basalganglien entscheiden immer auf der Grundlage der kompletten Existenz eines Menschen, all seiner genetischen, epigenetischen, pränatalen, präsozialen bzw. generell frühen Prägungen, aber auch der unterschiedlich kulturellen Muster, dem Repertoire verfügbaren Wissens und dem, was für die Zukunft absehbar bzw. aus der Beobachtung des Umfeldes dieser Person situativ interpretierbar ist.
Dieser Komplex ist kompliziert und liesse sich leicht erweitern. Es geht mir vor allem um die spekulative Feststellung, dass sich jede Entscheidung innerhalb vielschichtiger Muster und den sich permanent wechselnden Einflussfaktoren entwickelt und nie als Statut zu betrachten ist.

Je nach dem, was die Basalganglien daher in dem Moment als das Richtige erachten, würden sie nach der Auswertung eine [entschiedene] Empfehlung an den vorderen Cortex schicken. Ich nenne dies Empfehlung, allerdings ist die Entscheidung im Prinzip schon erfolgt und wir werden von dem unbewussten Teil unseres Gehirns nur in dem Glauben gelassen, wir hätten selbst eine Entscheidung getroffen. Was wir ja indirekt auch taten, da wir auch dieser Teil unseres Gehirns sind, diesen Teil nur nicht mit unserem Bewusstsein vollumfänglich kontrollieren können.

Wie geschrieben, dieses vorwegnehmende Denken wird auch vorbewusste Reizauswertung genannt und aktuelle Messungen [Magnetresonanztomografie] ergeben, dass diese tief in unserem Gehirn liegenden Prozesse teilweise bis zu 10 Sekunden vor unserer eigentlichen Wahrnehmung erfolgen.
John-Dylan Hynes, * 1971, hat in seiner Arbeit am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in verschiedenen Tests Messungen durchgeführt und der Spekulation zumindest dahingehend Evidenz verschafft, dass es diese Zeiträume tatsächlich gibt.

Wenn man diesen Zeitraum von bis zu 10 Sekunden der üblichen Verarbeitungsgeschwindigkeit unseres Gehirns [2] gegenüber stellt, dann sind dies dramatische Unterschiede. Vergleichbar mit der Vorstellung, man würde sich zu Fuss auf den Weg zu einer Freundin in Neuseeland zu machen, um ihr eine Postkarte zu geben. Auf dieser Postkarte stünde, man würde sie 10 Minuten nach dem Start des Weges telefonisch versuchen zu erreichen. Absurd. Und trotzdem Realität.

Diese gedanklichen Umwege im Zusammenspiel der Frage nach unserer menschlichen Intelligenz waren mir wichtig, da ich der festen Überzeugung bin, Intelligenz lässt sich nicht nur mit den rationalen Möglichkeiten unseres überwiegend syntaktisch operierenden Bewusstseins wissenschaftlich erklären, sondern muss deutlich vielfältiger und in der Zukunft auch unter anderen Vorzeichen betrachtet werden. Auch und vielleicht gerade dann, wenn diese Spekulationen nicht sofort wissenschaftlich belegbar sind.

Sten Nadolny, * 1942, hat sich in seinem 1983 erschienenen Buch Die Entdeckung der Langsamkeit dem Phänomen der Unterschiedlichkeit menschlicher Wahrnehmung und damit dem Thema der Geschwindigkeit gewidmet, verbunden mit der Frage, wie Menschen Entscheidungen treffen bzw. diese in bestimmten Situationen treffen (sollten).

Ich denke, die Fraktalisierung [2], man könnte auch sagen, die Sequenzierung [2] unserer Zeit in immer kleinere Einheiten, verbunden mit der Dynamik sich permanent additiv und redundant verhaltender Inhalte führt zu einer Nivellierung von dem, was man gerne mit Wissen bezeichnen kann, sich aber kaum mehr die Zeit lässt, offensichtlich nicht mehr lassen kann, diejenigen in ihrer Einzigartigkeit zu berücksichtigen, die in dieser Welt der atomisierten Themen funktionieren müssen: Jede und jeder Einzelne und damit immer ein Unikat.

Weiter oben bzw. im ersten Essay zum Thema Intelligenz sprach ich von dem Prinzip der Aufgabe und Abgabe. Es ist ein soziales Metamuster geworden, das den Begriff Intelligenz nur noch produktiv, nur noch als generativen Prozess versteht, oft sinnbefreit und relevant in Bezug auf das korrekte, das rekapitulierende Ergebnis. Was noch erträglich wäre.

Aber wenn es egal wird, wer etwas sagt, wer sich mit etwas beschäftigt, wer sich auf die Suche nach einer eigenen Erkenntnis gemacht hat, dann geht etwas sehr wichtiges verloren:
Die Menschlichkeit.
Nicht nur als Kulturbegriff, wobei gerne auch als das, sondern als Begriff, der immer der Einzigartigkeit einer Existenz den nötigen Raum gibt. Raum zur Entfaltung, zum Scheitern und Korrigieren als eigenen Prozess. Aber auch als Zeitraum, als Raum in der Zeit, welcher zu der Person passen muss und nicht umgekehrt.

Es war und ist nicht meine Absicht, mit diesem Essay zum Thema Intelligenz ein eigenes Modell vorzustellen, das würde meine Kompetenz deutlich überfordern. Doch ich will zum Schluss ein paar grundsätzliche Gedanken anbieten, ein Versuch, verschiedene Formen kognitiver Potenziale ohne hierarchische Priorisierung gegenüberzustellen.
Als verschiedenartige, jedoch vergleichbare Mitspieler menschlicher kognitiver Prozesse.

Syntaktisches Denken

Der Begriff Syntax wird üblicherweise in der Linguistik genutzt. Syntax regelt die Logik unserer Sprache, organisiert die Wörter so, damit wir uns verstehen und – idealerweise – mit dem, was wir sagen, auch gemeinsam das gleiche meinen. Die zweite Silbe des Wortes (altgriechisch taxis) steht für Ordnung oder Reihenfolge. Die beiden Begriffe lassen sich gut nutzen, um das zu illustrieren, wie ich den Ansatz von syntaktischem Denken beschreiben würde.

Die Ordnung definiert den grundsätzlichen Anspruch an einen bestimmten Zustand als Grundlage eines nachfolgenden Prozesses. Ähnlich dem, was man in der Industrie Arbeitsvorbereitung nennt, damit ein produktiver Ablauf möglichst ohne Störungen gewährleistet ist, ist die Ordnung ein gesellschaftliches und von der jeweiligen Kultur dominiertes Normativ.

Ein Bahnhof funktioniert so, eine Küche, die Nutzung einer Waschmaschine, die Gliederung eines Aufsatzes, das Überqueren einer Strasse und so weiter.
Ordnung ist eine wesentliche Richtgrösse, ohne die soziales Miteinander nur schwer denkbar wäre. Der Aufwand, in jeder Situation neue Bedingungen vorzufinden, würde uns vollkommen überlasten, warum unser kognitives Vermögen syntaktisch zu denken ein wesentlicher Erfolgsfaktor dafür ist, die Komplexität menschlichen Lebens in den unterschiedlichen Realitäten leisten zu können.

Die Relevanz dieser Aussage wird uns oft deutlicher nachvollziehbar, wenn wir reisen, wenn wir in anderen Ländern mit anderen kulturellen Prinzipien und damit veränderten Strukturen und Abläufen konfrontiert werden.

Weiter steht die Silbe taxis für Reihenfolge, was wiederum die Ordnung als Grundbedingung braucht, um einen zeitlichen und perpetuierten (fortdauernden bzw. stetigen) Ablauf für die Anwendung eben jener Ordnung erfüllen zu können.
Die Ordnung der Dinge, die ich brauche, um ein Spiegelei in einer Pfanne zu braten, ist maßgeblich notwendig, um diese Dinge in der richtigen Reihenfolge anwenden zu können, damit das Ergebnis dem entspricht, was ich mir als Ziel vorgenommen habe: ein leckeres Spiegelei.

Natürlich, das ist ein banales Beispiel. Aber ist das Prinzip ein anderes, wenn die Aufgaben komplexer werden?
Ich denke nicht.
Die Anwendung (ein Spiegelei braten und alles andere, komplexere) um jedwedes Ziel zu erreichen, ist im Kern das, was wir als Wissen bezeichnen würden. Syntaktisches Denken ist daher eine Art [stabilisierender] Querträger in unserem Gehirn. Ich würde vermuten, wir benötigen diese Fähigkeit in allen lösungsbedürftigen Situationen. Also mehr oder weniger immer.

Ohne Kenntnis der Ordnung der Dinge und der Kompetenz, diese in einem zeitlichen Prozess und in der richtigen Reihenfolge anzuwenden, ist bewusstes Leben als Teil der Alltagsgestaltung kaum vorstellbar. Ich würde daher behaupten, syntaktisches Denken ist immer die Basis unseres Denkens und muss dies auch sein. Besonders dann, wenn es darum geht, konkret und pragmatisch eine Handlung operational durchzuführen.

Aber genau das machen wir eben nicht immer. Ich wage daher die These, dass sich regel- und ordnungsbasiertes Denken (Syntax) immer proportional in unserem Gehirn organisiert, je nach Bedarf bzw. der Situation.

In manchen Situationen ist dies der dominante Faktor, in anderen nur eine Art Hintergrundflimmern unseres Denkens. Einfach darum, da es auch andere kognitive Modi gibt. Und um diese geht es mir besonders in der Folge dieses Textes.

Fragmentarisches Denken.

Der Begriff Fragment leitet sich ab aus dem lateinischen frangere für brechen sowie aus frāgmentum, was für Überbleibsel oder Bruchstück steht (Wikipedia). In der Kunst oder der Literatur versteht man unter einem Fragment auch ein unvollendetes Werk.
Wenn man den Begriff des Unvollendeten aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, dann könnte man auch sagen, das Unfertige, das immer einer Prüfung und Optimierung unterworfene, gehört zum Wesen jeder Entwicklung und ist das Prinzip der Evolution generell. Dazu liesse sich auch der schlichte Satz formulieren: Alles ist immer in Bewegung und nichts wird je fertig.
Wer mag, kann sich dazu auch mit dem Thema Schwarmintelligenz [2] und mit Craig W. Reynolds, * 1953, sowie dem Begriff Emergenz beschäftigen.
Das will ich nicht, denn es würde mich vom Kern dessen wegführen, was ich mit fragmentarischem Denken meine.

Die Feststellung alles ist immer in Bewegung und nichts wird je fertig ist natürlich eine generelle, eine etwas banale Feststellung und man kann ihr mit Leichtigkeit zustimmen. Wenn auch ungern, da jede und jeder mit etwas fertig werden will.
Allerdings scheint diese Aussage in Bezug auf das menschliche Denken etwas radikaler. Der kognitiven Leistungsfähigkeit wird heute gerne eine Portion Absolutismus [2] unterstellt. Die Verfertigung des eigenen Gedankens (beim Reden) basiert gerne auf der Verteidigung der eigenen Position und der damit verbundenen instruktiven Aussage:
So ist die Welt und ich erkläre sie dir!

Nun soll hier nicht das seit der Antike bekannte Prinzip der Dialektik, also der Kunst der Gesprächsführung bzw. generell eines Gespräches infrage gestellt werden. Die Qualität eines gemeinschaftlich im Dialog entwickelten Ergebnis einer Unterredung basiert auf unterschiedlichen Positionen (These und Antithese), welche in der Auswertung der verschiedenen Aussagen in einer Synthese und damit eines für beide bzw. allen Seiten akzeptablen Kompromisses münden.

Wenn man die Aussage nichts wird je fertig auf die Leistung individuellen Denkens bezieht, dann ergibt sich ein anderes Bild. Einfach darum, da die menschliche Spezies generell zur Finalisierung tendiert und nicht permanent neu beginnen will. Aber genau das macht unser Gehirn mit uns. Es bewegt uns permanent weiter, gibt keine Ruhe, nervt uns mit Zweifeln und stellt immer wieder neue Fragen.

Ich will hier nicht den etwas modisch anmutenden Begriff des Permanent Beta bemühen, aber damit wird recht gut zum Ausdruck gebracht, dass jeder kognitive Prozess in jedem Gehirn auf diesem Globus immer nur fragmentarisch seine Bedeutung finden kann. Wie bei jeder Entwicklung einer Idee, so sammelt sich immer ein Konvolut passender Gedanken zu einem Thema und wird dann als Bruchstück des Denkens ohne Mühe wieder in der Zeit zurückgelassen.
Menschen machen dies ohne Sorge, sie könnten etwas verlieren, da sie wissen, das Fragment zusammengehörender Gedanken kann wieder aktiviert werden und wird durch die Aktivierung im Idealfall optimiert.

Man könnte ein solches gedankliches Fragment in einer Metapher mit einem Raum, einem Tisch oder bei kleineren Themen mit einer Schublade vergleichen. Dort findet sich alles kontextuell Passende, was in Verbindung eines Themas, mit dem man sich gerade beschäftigt bzw. das einen beschäftigt hat, zu finden ist. Diesen Raum betritt man gelegentlich (man sichtet den Tisch oder öffnet die Schublade) und verbringt [kognitiv] eine gewisse Zeit damit, sich mit all dem, was dort vorab zusammengetragen wurde, zu konfrontieren.
Idealerweise ist dies eine angenehme Beschäftigung mit einem Thema, aber wir wissen, dass das natürlich nicht immer so ist.

Diese relative Unbekümmertheit, wie Menschen mehr oder minder komplexe Fragmente ihres Denkens besuchen, ist keine generelle menschliche Kompetenz, sondern ein Prozess unserer Entwicklung nach der Geburt. Man könnte verkürzt sagen, Menschen entwickeln, wenn sie das Glück einer überwiegend behüteten, geborgenen und glücklichen Zeit in den ersten ein, zwei Jahrzehnten ihres Lebens erfahren durften, verschiedene Filter, mit denen sie dieses fragmentarische Denken zunehmend virtuos im Verlauf ihres Leben jonglieren können.

Relevanzfilter

Zum einen gibt es einen Relevanzfilter für ein [Konvolut] Denkfragment, also ein thematisches Bruchstück zusammengehörender Gedanken, Inhalte und damit Kontexte. Man entwickelt eine gewisse Kompetenz in der Einschätzung der Relevanz für das eigene Vorhaben, die jeweilige Situation oder die eigene Existenz als Ganzes (bei wirklich grossen Themenstellungen). Dabei ergibt sich zunehmend die Kompetenz zu einer Einschätzung, was mit welcher Priorität und in welchen kausalen Zusammenhängen betrachtet, damit bedacht und in der Folge neu sortiert werden sollte.

Qualitätsfilter

Ein Qualitätsfilter verbindet die Relevanz mit der Frage nach Optimierung einzelner oder gebündelter Ergebnisse. Qualität strebt immer nach der besseren oder auch der attraktiveren Lösung. Qualität ist immer mit dem Anspruch verbunden, aus sich heraus ein besonderes Merkmal innezuhaben, welches das eine von dem andern (minderen) unterscheidet.
Das klingt fürchterlich abstrakt, ist jedoch genau das, was wir im Verlauf unseres Lebens permanent üben und zu einem individuellen Level optimieren. Wenn wir Glück haben, die Lebensumstände dafür förderlich wirken, dann entwickelt sich etwas zu unseren Gunsten. Das muss aber nicht so sein.

Plausibilitätsfilter

Der Plausibiltätsfilter ist nicht streng getrennt von dem Prozess hin zur Relevanz oder Qualität, er gibt aber unserem Denken eine andere Note. Die Plausibilität sucht Verständlichkeit, die Möglichkeit, eine gewisse komplexe Thematik begreiflich, nachvollziehbar, idealerweise einleuchtend zu gestalten. Es ist, wenn wir dies mit einem Rollenbild vergleichen würden, derjenige in uns, der am Ende versucht, eine Zusammenfassung zu liefern, eine situativ passende Liste dessen zu organisieren, was wir in dem Augenblick verstehen, was für uns Bedeutung hat, auch das, was wir verarbeiten können.

All diese Filter verbinden sich mit dem Wissen bzw. der Gewohnheit, dass wir diesen Raum wieder verlassen (können). Dass wir den Tisch wieder aus dem Blick nehmen oder die Schublade wieder schliessen. Ich nenne diesen Prozess auch kognitives Revisit. Wir haben gedankliche Fragmente, die wir immer wieder reanimieren, immer wieder besuchen. Im Laufe der Zeit destillieren sie das für unsere Zukunft verwertbare. Den Rest lassen wir mehr oder weniger (eher weniger) bewusst im Nebel der Vergangenheit unseres Lebens zurück.

Fragmentarisches Denken ist wie ein spezielles Gericht in der Küche (unseres Lebens), welches wir in bestimmten Intervallen bzw. zeitlichen Phasen mit Varianten ausstatten, damit verändern, aber die Grundidee, die Zusammenstellung behalten. Man expandiert, exponiert, reduziert oder interpretiert stets neue Versionen, doch das [Fragment] dessen, mit was man sich beschäftigt bleibt in Grunde erhalten. Warum machen wir das?
Ich denke, dass es gute Gründe für fragmentarisches Denken gibt. Letztlich entwickeln wir damit Metamuster, welche sich wie ein Layer auf andere Themenfelder (Fragmente) anwenden lassen. Meistens machen wir das einfach beiläufig und werden damit effektiver und effizienter.

Konzentrisches Denken.

Konzentrisches Denken folgt hingegen weder einem festgelegten Ablauf (Plan) noch zwingend einem kontextuellen Fragment. Es ist eher ein freies Radikal (nicht im medizinischen Sinn) in unserem Gehirn, das nicht anders kann, als stets die komplette Nachbarschaft möglicher Ähnlichkeiten, Zusammenhänge und Mustern nicht nur zu erkennen, sondern diesen in allen Richtungen fluide zu folgen. Der Begriff fluide ist hier eine Metapher zum Thema und meint offene bzw. freie Verbindungen, die ähnlich dem Fliessen von Wasser immer neue Wege suchen, um sich endlos auszubreiten. Wasser benötigt dazu keine zwingende [menschliche] Logik, sondern nur einen Weg, um in Bewegung zu bleiben.
Darüber hinaus gibt es den Begriff der Fluiden Intelligenz [2], welcher, in Abgrenzung bzw. Ergänzung zur sogenannten Kristallinen Intelligenz, in Teilen ähnliches beschreibt wie meine Ausführungen zu konzentrischem Denken.

Das Problem dieser Form des Denkens ist gleichzeitig sein Potenzial. Ein Impuls, ein Ausgangspunkt (z. B. eine Frage, ein Motiv oder ein Problem) führt automatisch zu polydirektionalem Denken, ein mäandern mit offenen Enden und allen Möglichkeiten, solange sie auch nur in einer Beziehung zum Ausgangspunkt stehen.
Das angesprochene Problem dabei ist die Haltlosigkeit des Vorgangs selbst, der, von aussen betrachtet, wenig effektiv und meistens schon gar nicht effizient wirkt, da dabei alle Grenzen dessen, was als pragmatisch und zielführend beurteilt werden würde, sich in einer kognitiven Flechte zu verirren scheint.

Das Potenzial ist allerdings exakt dieser mehr oder minder radikale Grad der inneren Freiheit, diesem Prozess in alle Richtungen zu folgen und damit, nimmt man den Begriff der Mäander im Wortsinne, allen erreichbaren Flussläufen nachzuspüren. Das Wort nachspüren habe ich hier besonders gerne verwendet, da dieser nur indirekt rationale, eher emotionale Aspekt der Wahrnehmung eine wichtige Rolle spielt.
Nun kennt man natürlich den Begriff Brainstorming und richtig, in Teilen ist die Beschreibung zum konzentrischen Denken dem Brainstorming verwandt. Allerdings mit einem wichtigen Unterschied:

Brainstorming hat [immer] eine Aufgabe, sucht in der Regel die Lösung zu einem Problem und entwickelt dabei Ideen oder sammelt Aspekte (lat. aspectus für Anblick bzw. Ansicht), die diese Lösung erreichbar macht. Generelles konzentrisches Denken, anders gesagt, Menschen, die vorwiegend mit dieser Form der Kognition auf die Welt blicken, suchen nicht zwingend eine Lösung bzw. brauchen nicht zwingend ein Problem als Ausgangspunkt.
Es ist eher der systemisch offene Blick, wie sie die Dinge betrachten und was [automatisch] passiert, wenn sie mit etwas konfrontiert werden, das ihr Interesse weckt. Was nicht bedeutet, dass nicht auch hier ein gewisser Mechanismus [2] bei der Auswertung der gedanklichen Rundreise eine wichtige Rolle spielt.

Dieser Menschentypus wird oft als etwas verträumt oder auch unklar wahrgenommen, und tatsächlich ist es auch eine kognitive Fähigkeit zur relativ mühelosen Kontemplation, warum sie dieses innere Ausufern leisten können.
Damit wird allerdings auch der regelbasierte bzw. strenge Ablauf der Konzentration unmöglich oder nur auf Umwegen erreichbar, warum die produktive Wirksamkeit dieser Art von Denken nicht so leicht kontrollierbar ist.
Es kann sein, dass damit sofort und explosiv ein Ergebnis präsentiert werden kann oder eben erst sehr viel später. Das ist kaum planbar.
Man könnte sagen, diese kognitive Kompetenz ist ein wenig aus der Zeit gefallen, sie passt nicht in die mechanistischen Anforderungen einer eng getakteten Gesellschaft.

Wenn man es etwas radikaler formulieren würde, dann könnte man sagen, dass konzentrisches Denken auf viele latent [2] gefährlich wirkt, da es sich der üblichen Kontrolle entzieht. Meistens nicht mit Absicht, sondern aus mangelndem Vermögen den eigenen kognitiven Prozess anders zu gestalten.

Vermutlich kann man hier über die Unterschiedlichkeit der Hirnfrequenzen spekulieren, warum Menschen eine Disposition zu konzentrischem Denken haben. Ich will bei diesem Thema nicht weit vordringen. In einer Eskalation von kurz- zu langwelligen Frequenzen gibt es im menschlichen Gehirn vorwiegend Beta- [2], Alpha-, Theta- und Deltawellen.
Betawellen entsprechen dem typischen Wachbewusstsein [2], bei dem Menschen den Alltag bewältigen.
Alphawellen verbinden das aktionsorientierte Wachbewusstsein mit einer Form von sinnierendem, entspannten Dämmerzustand. Man lässt den Gedanken ein wenig ihren Lauf, ein inneres Flanieren ohne Not.
Thetawellen sind typisch für den Schlaf bzw. auch über Meditation erreichbar. Wichtig ist mir hier die Feststellung, dass ich nie von dem Schlaf sprechen würde. Schlaf ist stets ein transmittierender Zustand, eine Art Dimmer für die Lichtsteuerung vergleichbar.
Deltawellen kennt man bei Tiefschlaf bzw. einem trance-artigen Zustand. Das Bewusstsein ist bei Deltawellen weitgehend komplett ausgeschaltet und kann nur bei grösster Not ohne den Umweg über die anderen Frequenzen reaktiviert werden. Deltawellen sind maßgeblich für die Immunabwehr des menschlichen Körpers verantwortlich, da in diesem Zustand relevante Hormone für gesundheitsförderliche Prozesse im Körper ausgeschüttet werden.
Ergänzen kann man diesen kurzen Exkurs zum Thema Hirnfrequenzen noch durch die Erwähnung der Gammawellen. Das sind extrem kurzwellige Frequenzen, bei denen Menschen üblicherweise sowohl geistige als auch körperliche Spitzenleistungen erbringen können.

Eine kleine Ergänzung und um im Bild eines Dimmers für die Lichtsteuerung zu bleiben: Diese Frequenzen im Gehirn des Menschen sind ein kontinuierliches elektrisches Signal [2], vergleichbar dem Licht der Sonne und einem Schatten [2] auf unserer Erde. Diese Frequenzen sind nicht voneinander abgrenzbar, sondern in einem permanenten Fluss zwischen den Zuständen begriffen. Meine Gedanken zum Thema des konzentrischen Denkens gehen darüber hinaus davon aus, dass diese Frequenzen auch ineinanderfliessen können. Logisch ist das nicht, aber vielleicht möglich.

Wenn ich nun diesen Bogen der Ausführungen zu den typischen Hirnfrequenzen zurück zu dem Thema des konzentrischen Denkens schlage, dann verbinde ich dies mit der Vermutung, dass diese kognitive Typologie (des Denkens) durch eine besondere Fähigkeit möglich wird.
Menschen, die mit diesem Typus des Denkens vorwiegend ausgestattet sind, können die verschiedenen Frequenzlayer in ihrem Gehirn relativ durchlässig gestalten. Das bedeutet, sie können auch während des Modus der Gamma- oder Beta-Wellen eine Brücke zu anderen Hirnfrequenzen schlagen. Man könnte auch sagen, diese Menschen sind hellwach und schlafen gleichzeitig ein wenig. Aber wie gesagt, das ist komplette Spekulation.

Es war nicht mein Ziel, bei den abschliessenden Ausführungen irgendeine Priorität oder qualitative Aussage über die Qualität des Denkens und damit dem Thema Intelligenz zum Ausdruck zu bringen.
Allerdings war es meine Absicht, die Frage zu stellen, welche Intelligenzform aus den vorab spekulativ genannten Gründen heute als die richtigere bzw. die bessere eingeordnet wird als mögliche andere Betrachtungen.

Tatsächlich glaube ich, dass erst die Verbindung aller drei Beschreibungen zum Thema Intelligenz ein komplettes Bild abgeben, da die Anforderungen an erfolgreiches Denken eben nicht nur mit den Aufgaben und Abgaben unserer Zeit ausreichend beschreibbar, sondern möglicherweise sehr viel komplexer sind und sich damit der Messung auf clevere Weise entziehen.

Schliessen will ich mit einem schönen Zitat von Kurt Tucholsky, 1890 – 1935:

Entspanne dich.
Lass das Steuer los.
Trudele durch die Welt.
Sie ist so schön:
gib dich ihr hin,
und sie wird sich dir geben.

Kurt Tucholsky

Für alle, die gerne den Teil davor lesen wollen: INTELLIGENZ_1 [produktivität]

© Carl Frech, 2021

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